zur Navigation zum Inhalt
© VRD / fotolia.com
Wer mit Engagement und Elan in seine Praxis geht, wer viel erreichen und Erfolg haben will, neigt dazu, sich rasch zu überfordern.
  Petra Eibl-Schober, MSc, ist diplomierter Coach , akademische Kommunikationstrainerin und sinnzentrierte Beraterin in Wien.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 27. September 2013

Die eigenen Grenzen bewusst erkennen und akzeptieren

Vor allem Zahnärzte sind vom Burnout bedroht – ein Workshop beim Österreichischen Zahnärztekongress in Graz präsentiert die besten Strategien gegen chronische Überlastung.

Von allen medizinischen Professionen ist die Gefahr des Ausbrennens unter Zahnärzten besonders groß. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von der unphysiologischen Körperhaltung über den laufenden körpernahen Kontakt mit den Patienten, großen Erwartungshaltungen bis hin zu wirtschaftlichen Problemen. Meist sind es besonders engagierte Zahnärzte, die – lange Zeit ohne es zu merken – in ein Burnout schlittern.

Die Risikofaktoren für ein Burnout sind zahlreich. Sie reichen von Zeitdruck und rasch wechselnden Patienten-Kontakten über die hohe Erwartungshaltung durch die Patienten, die intensiven Beziehungsstrukturen und die Angst, mit der der Zahnarzt konfrontiert ist, bis hin zu wirtschaftlichen Faktoren. Neben zahlreichen individuellen Faktoren ist es vor allem die ganz spezifische Beziehung Zahnarzt-Patient. Diese Beziehung ist in fast allen Fällen von unbewusster Angst geprägt. Die körperliche Position des Patienten – liegend oder auf dem Stuhl sitzend ohne Bodenkontakt – macht ihn zum unterlegenen Part dieser Beziehung. Unspezifisches Wissen über Behandlungsmethoden aus modernen Medien, unterschiedliche Erwartungshaltungen und Bedürfnisse und das immer wieder kehrende Eindringen des Zahnarztes in die Intimzone des Patienten – das kann Zahnärzte massiv belasten.

Ungewollte Intimität

Es ist vor allem diese unphysiologische Körperhaltung und die ständige intensive Nähe zum Patienten, die das Risiko für ein Burnout erhöhen (siehe Kasten „Sicherheitszone“). Ein Zahnarzt dringt täglich und stundenlang in einen intimen Bereich der – bei vollem Bewusstsein befindlichen – Patienten ein, was eine extreme Belastung darstellt. Macht sich dies der Zahnarzt nicht bewusst, kann es auch zu einem Verschwimmen der eigenen Grenzen kommen, die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse leidet. Es ist sehr hilfreich, sich manchmal bewusst aus der Sicherheitszone des Patienten heraus zu begeben und so auch die eigene zu wahren: aufstehen, mit dem Stuhl zurück fahren, körperliche Distanz herstellen, bewusste Atmung und körperliche Blitzinterventionen in Behandlungspausen, laufendes Achtsamkeitstraining – all das hilft, gesunde Abgrenzung und Selbstwahrnehmung zu stärken.

Die Emotionen des Patienten springen auf den Behandler über

Auch die – sehr oft unbewusste – Angst der Patienten spielt natürlich eine wesentliche Rolle. Patienten erleben ein Machtgefälle – sie liefern sich körperlich und fachlich aus, haben keinen Einblick, was mit ihnen geschieht. Die meisten Patienten stehen beim Zahnarzt unter Stress – mit allen physischen und psychischen Phänomenen. Dank der Spiegelneurone, die ein gelingendes zwischenmenschliches Miteinander gewährleisten sollen, können diese Emotionen auf Behandler „überspringen“. Behandler erleben gewissermaßen die Emotionen der Patienten, sie erleben den Stress des Patienten mit, ohne dies bewusst wahrzunehmen.

Wer mit Engagement und Elan in seine Praxis geht, wer viel erreichen und Erfolg haben will, neigt dazu, sich rasch zu überfordern. Das Burnout selbst passiert schleichend. Gerade in der Anfangsphase werden eventuelle Ängste, Sorgen oder Überforderungen mit noch mehr und noch intensiverer Arbeit kompensiert.

Um ein Burnout zu verhindern, ist die Rückbesinnung auf die eigenen Werte ein wesentlicher Faktor: Jeder Mensch will mit 20 Jahren etwas anderes als mit 45 Jahren. Nur wer seine Werte laufend hinterfragt, kann sich den Sinn im Leben erhalten. Ich rate Betroffenen vor allem zum Innehalten und „Be-Sinnen“ auf die eigenen Kräfte, Wünsche, Ängste und Wahrnehmungen. Das Einplanen von Ruhe- und „Bewusstseins“-Phasen fördert die Selbstwahrnehmung und ermöglicht zu erkennen, welche Strategien hilfreich sein können.

Leben im Hier und Jetzt!

In der Praxis bedeutet das sich laufend über die eigenen Ressourcen und Grenzen klar zu werden, Sinne und Sinnlichkeit zu schärfen und vor allem im Hier und Jetzt zu leben. Zusätzlich soll man die eigenen Stressauslöser identifizieren, um neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln zu können, den eigenen Krafträubern auf die Spur kommen, um ihnen eine andere Bedeutung zuzuschreiben.

Denn es gibt zwar sehr viele Umgebungsbedingungen, die niemand ändern kann – aber ist es jedem Menschen möglich, die eigenen Umgebungsfaktoren bewusst zu erkennen, zu akzeptieren statt zu bekämpfen und laufend damit zu hadern. Neue Perspektiven einnehmen, Situationen anders zu bewerten, die eigenen Haltung zu modellieren – dank der Erkenntnissen der Neurowissenschaften wissen wir, dass Menschen fähig sind sich und ihre Welt neu zu gestalten.

Wahrnehmung kann umfokussiert werden, Erlebniswelten können anders gestaltet werden. Und wenn das eigene Tun und Handeln keinen Sinn mehr bietet, gilt es zu ernsthaft zu überlegen, das Leben grundlegend zu verändern: Jede Situation kann verlassen werden – die Frage ist, was setze ich dafür aufs Spiel?

Punkte, die zur Burnout-Prävention geeignet sind:

  • Die Konzentration auf das Hier und Jetzt.
  • Den eigenen Sinnen wieder mehr Chancen geben.
  • Aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Werten.
  • Die eigenen Grenzen bewusst erkennen und akzeptieren
  • Körperliche Abgrenzung von Patienten und Mitarbeitern

Fragen Sie sich doch selbst wieder einmal: Was bereitet mir Freude, was macht mich glücklich und was fehlt mir wirklich in meinem Leben? Denn schon ein solcher Gedanke kann ein drohendes Burnout in eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem eigenen Beruf umwandeln.

Petra Eibl-Schober bietet Seminare und Workshops an, die sich mit der Prävention des Burnouts und der Stärkung der persönlichen Resilienz befassen und hält dazu am 4. Oktober 2013 auch einen Workshop zum Thema „Selbstmanagement – planen statt ausbrennen“ beim Österreichischen Zahnärztekongress in Graz.

Korrespondenz:
Petra Eibl-Schober PES PraxisCoaching Entwicklung Seminare
1060 Wien
Tel: 0699 17200520 E-Mail:
www.pes.at
www.praxismarketing.at  
www.resilienzzentrum.at  

1 Faridani Enno E.: Burnout bei Zahnärzten, 2004. - III, 113 Bl, Bl. IV - XVII. Hannover, Medizinische Hochschule. Dissertation 2004

  

  

Interview

Der Konkurrenzkampf ist groß und die eigene Belastbarkeit darf nicht in Frage gestellt werden – weder vor den Patienten noch vor Kollegen. Eine Zahnärztin in freier Praxis, die anonym bleiben möchte, sprach darüber mit dem Zahn Arzt.

Unter Zahnärzten ist angeblich die Burnout- und Suizidrate besonders hoch – worauf führen Sie das zurück?

Dr. Z.: Wir Zahnärzte neigen dazu, uns selbst permanent zu überfordern. Wir sind ja auch ständig unter Erfolgsdruck: Als Zahnärztin liefert man stoffliche Ergebnisse ab, der Patient bzw. die Patientin merkt sofort, wenn etwas nicht passt. Wir sind von uns selbst aber natürlich auch von unseren Patienten beurteilbarer als ÄrztInnen anderer Fachrichtungen. Das kann sich rasch zu einer großen Belastung auswachsen.

Stehen Zahnärzte unter einem besonders hohen Druck?

Dr. Z.: Natürlich: Die Einrichtung einer Praxis kostet sehr viel Geld, das muss sich erst mal rentieren. Und je mehr man investiert, je mehr Behandlungsstühle und Personal man hat, desto mehr Geld muss die Praxis abwerfen. Das ist ein richtiger Teufelskreis. Da ist man schon versucht, auch Aufträge anzunehmen, die man eigentlich ablehnen sollte, weil das Geld bringt. Und damit wird die Überforderung zum ständigen Begleiter.

Wie gehen Sie mit dieser belastenden Situation um?

Dr. Z.: Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, das Wirtschaftliche ganz und gar auszublenden, wenn ich am Patienten arbeite. Und ich gehe davon aus, dass meine Praxis mit einer durchschnittlichen Auslastung rentabel ist. Mit meinen Patienten bespreche ich, was alles möglich und was für die Betroffenen leistbar ist – wenn ein Patient wenig Geld hat, dann werde ich versuchen, eine bezahlbare Variante zu finden – und zwar ohne darauf zu achten, wie viel Geld mir der Patient jetzt tatsächlich einbringt.

Das Interview führte Sabine Fisch

  

Sicherheitszone

Jeder Mensch weist eine individuelle Sicherheitszone auf. Diese Zone weist einen Radius von etwa einer Armlänge (ca 60 cm) auf – nur Sexualpartner und eigene Kinder dürfen ohne Stress in diese Intimzone eindringen. Wenn jedoch andere Menschen in diese Intimzone eindringen – was der Zahnarzt, um behandeln können, unbedingt tun muss, so wird das als Bedrohung und Stress empfunden. Dies gilt natürlich auch für die Behandler, die ihre eigene Sicherheitszone ebenfalls aufgeben müssen.

Burnout-Phasen

  1. Enthusiasmus – Warn- und Alarmsignale zeigen sich.
  2. Stagnation – der Betroffene fühlt sich ständig erschöpft und gestresst, Arbeitsabläufe werden als stereotyp empfunden, das eigene Engagement wird reduziert.
  3. Apathie – Fatalismus setzt ein, Depersonalisierung gegenüber den PatientInnen, Gleichgültigkeit.
  4. Burnout – organische Probleme (Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, erhöhte Infektanfälligkeit, chronische Müdigkeit, Herz-Kreislaufstörungen), Depressionen, Schuldgefühle, Angst, Aggression treten auf. Emotionen verflachen sich, sozialer Rückzug.

P. Eibl-Schober und S.Fisch, Zahnarzt 10/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben