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Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kubelka Department für Pharmakognosie, Universität Wien
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Phytotherapie kann auf Jahrhunderte lange Erfahrung zurückgreifen.

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Phytopharmaka haben zahlreiche Indikationen.

 
Komplementärmedizin 6. September 2013

Phytotherapie heute

Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kubelka, dem wissenschaftlichen Leiter der „Südtiroler Herbstgespräche“ 24.-27. Oktober 2013, Bozen

Welchen Stellenwert hat die Phytotherapie heute in der Medizin, welchen in der Pharmazie?

Kubelka: Die Behandlung von Krankheiten mittels pflanzlicher Arzneimittel zählt zu den ältesten Therapieformen überhaupt und war immer auch unentbehrlicher Teil der jeweils aktuellen offiziellen Medizin, der „Schulmedizin“. Für die Bereitstellung von Phytopharmaka und deren Qualität sind seit der Trennung der Berufsstände Arzt und Apotheker seit langem die Pharmazeuten zuständig.

Durch die großen Erfolge, die ab etwa 1900 durch synthetische Arzneimittel und später durch Antibiotika erzielt wurden, verloren pflanzliche Arzneimittel viel von ihrer Bedeutung. Ab den 1960er Jahren stieg allerdings das Interesse an „natürlichen Heilmitteln“ und damit an der Phytotherapie wieder stark und anhaltend an. Die Positiva von vielen Phytopharmaka - gute Wirksamkeit und Verträglichkeit, wenig unerwünschte Wirkungen, große therapeutische Breite, viele Einsatzgebiete - sind in der Pharmazie bekannt, werden von vielen Ärzten geschätzt und führen zu einer gesteigerten Nachfrage von Seite der Patienten.

Werden die Inhalte der Phytotherapie in ausreichendem Maß gelehrt?

Kubelka: Kenntnisse über Phytotherapie und pflanzliche Arzneimittel wurden ursprünglich vom medizinischen Fach Pharmakognosie - zeitweise in Vorlesungen gemeinsam für Mediziner und Pharmazeuten - vermittelt. Im Studienplan Pharmazie hat dieses Fach nach wie vor einen hohen Stellenwert, sodass Pharmazeuten eine umfassende Ausbildung über biogene Arzneimittel und damit auch über Phytopharmaka und deren Anwendung erhalten.

Aus dem Mediziner-Curriculum verschwand die Pharmakognosie allerdings zugunsten ihrer inzwischen viel bekannteren Schwester Pharmakologie, die sich aber vorwiegend mit synthetischen Reinsubstanzen befasst. Mediziner, auch Ärzte für Allgemeinmedizin, haben deshalb heute nur dann Kenntnisse über pflanzliche Arzneimittel und Phytotherapie, wenn sie sich außerhalb des Studiums speziell für dieses Gebiet interessieren. Das ist u.a. möglich durch Kurse der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (ÖGPhyt), die im Rahmen einer zweijährigen Weiterbildung zum „Diplom Phytotherapie“ führen. Dieses Diplom wird auch von der Österreichischen Ärztekammer anerkannt (www.phytotherapie.at bzw. www.arztakademie.at).

An der Medizinischen Universität Wien fand die Phytotherapie zwar vor einigen Jahren wieder Aufnahme in das Curriculum für Medizinstudenten, sogar im Rahmen einer Pflichtlehrveranstaltung, allerdings nur mit 1,5 (eineinhalb) Stunden Vorlesungszeit, was angesichts der vielfältigen Inhalte und der Möglichkeiten, welche diese Therapieform bietet, nur für eine kurze Vorstellung reicht.

Ist die Phytotherapie wissenschaftlich untermauert, und gibt es rezente Forschungsgebiete?

Kubelka Phytotherapie kann auf Jahrhunderte lange Erfahrung zurückgreifen, und die Anwendung vieler pflanzlicher Arzneimittel beruht auch heute noch ausschließlich auf deren Gebrauch in der Volksmedizin und/oder Erfahrungsheilkunde. Aber seit etwa 200 Jahren (reines Morphin aus dem Schlafmohn: 1805) brachte die Erforschung pflanzlicher Wirkstoffe große Fortschritte in der wissenschaftlichen Bearbeitung der Phytopharmaka. Obwohl es sich bei diesen immer um Stoffgemische (Extrakte aus Arzneidrogen) handelt, kann v.a. die industrielle Herstellung Arzneimittel hoher Qualität mit gleichbleibender Zusammensetzung und damit gleicher therapeutischer Wirksamkeit zur Verfügung stellen. Damit sind bei modernen Präparaten die Voraussetzungen für eine rationale Therapie, aber auch für klinische Studien gegeben, die heute für die Zulassung von Arzneimitteln generell und damit auch für Phytopharmaka, gefordert werden. Im Gegensatz zu manchen anderen Therapiekonzepten, die ebenfalls Pflanzen als Arzneimittel verwenden, geht die Phytotherapie im engeren Sinn nach medizinisch-naturwissenschaftlichen Grundsätzen vor.

Moderne Phytoforschung beschäftigt sich u.a. mit der Auffindung von Wirkstoffen aus Pflanzen, die in der Volksmedizin verwendet werden, mit dem Nachweis von Wirkungen bzw. Wirksamkeit und mit der Aufklärung von Wirkmechanismen. Wichtige Indikationsgebiete auch für die Phytoforschung sind z.B. Stoffwechselerkrankungen, Krebs, bakterielle, virale Erkrankungen (Antibiotika-Resistenz!), Demenzen u.a.

In welchen Indikationen kommen phytotherapeutische Therapieansätze in Frage?

Kubelka: Phytotherapie kann nicht nur bei leichten Befindlichkeitsstörungen und trivialen Krankheitsbildern mit Erfolg angewendet werden, Phytopharmaka werden erfolgreich adjuvant auch bei schwereren Erkrankungen, etwa in der Onkologie, eingesetzt. Die Indikationen reichen von Erkrankungen im Bereich der Atemwege, des Gastrointestinal- und Urogenitaltraktes, des Bewegungsapparates, über Herz-Kreislauf-Beschwerden, gynäkologische und dermatologische Krankheitsbilder bis zu psychischen Problemen, von der Pädiatrie bis zur Geriatrie.

Gibt es Indikationen, für welche Sie die Phytotherapie als Methode der ersten Wahl bezeichnen würden?

Kubelka: Beispielsweise Atemwegs-, Erkältungserkrankungen, bei denen der Einsatz von Antibiotika nicht indiziert ist, bestimmte Hustenformen, leichte Schlafstörungen, klimakterische Beschwerden, CVI u.a.

Ist Phytotherapie auch für Kinder und Jugendliche geeignet?

Kubelka: Auf Grund der großen Erfahrung bei der Anwendung, der guten Verträglichkeit sowie der großen therapeutischen Breite sind Phytopharmaka grundsätzlich bei Kindern und Jugendlichen gut einzusetzen. Für manche moderne Präparate (z.B. bei Husten, Bronchitis, Erkältungen) existieren ausgezeichnete Studien, die eine Anwendung sogar bei Säuglingen erlauben. Bei vielen traditionell seit langem problemlos angewendeten pflanzlichen Arzneimitteln, auch Teedrogen, fehlen verständlicherweise solche Studien. Obwohl aller Erfahrung nach bei bestimmungsgemäßer Anwendung keine Gefahren zu befürchten sind, tragen Arzneimittel beim Fehlen von Studien an Kindern den Vermerk: „bei Kindern…nicht empfohlen“, was gelegentlich Anlass zu Rückfragen gibt.

In welche Richtung geht die wissenschaftliche Forschung in der Phytotherapie?

Kubelka: Weitere klinische Studien zum besseren Beleg von Wirksamkeit und Verträglichkeit auch von Phytopharmaka, die schon lange in Verwendung stehen, Studien für die Anwendung bei Kindern, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei geriatrischen Problemen werden benötigt. Die Untersuchung von Pflanzen, die in der Volks- bzw. Ethnomedizin seit Generationen verwendet werden, zur Entwicklung neuer Phytopharmaka, sollte intensiviert werden. Solche Arbeiten sind zwar durchaus erfolgsversprechend, die Durchführung scheitert allerdings häufig an den hohen Kosten.

Haben Phytotherapeutika in Österreich eine akzeptable Qualität?

Kubelka: Zurzeit ist das Angebot an „Phytotherapeutika“ (im weiteren Sinn, incl. Internet-Versand!) sehr groß und unübersichtlich, die Qualität der Handelsprodukte ist äußerst unterschiedlich und für den Laien nicht bewertbar.

Die Palette reicht von zugelassenen Arzneispezialitäten (Z.Nr:…), die allen strengen Zulassungsanforderungen genügen müssen, und Traditionellen Pflanzlichen Arzneimitteln (Reg.Nr.:HERB- …), deren Qualität ebenfalls höchstem Standard entspricht (Austria Codex), bis zu Nahrungsergänzungsmitteln und anderen Präparaten, die hohe Qualität aufweisen können, aber nicht müssen, also Produkten, die keiner Prüfung unterliegen, und über deren Qualität daher keine Aussagen möglich sind. Im Zweifel ist eine Rückfrage in der Apotheke notwendig und unbedingt zu empfehlen!

Was wünschen Sie sich auf dem Gebiet der Phytotherapie für die Zukunft?

Kubelka: Noch mehr Ärzte, welche die vielen Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Phytotherapie kennen und damit auch die Anwendung von Phytopharmaka nützen können. Verbesserten Informationsaustausch zwischen Arzt und Apotheker auf dem Gebiet pflanzlicher Arzneimittel. Seriöse Information für den Patienten/Konsumenten über Phytotherapie und Phytopharmaka, auch solchen zur Selbstmedikation bei Beratung durch Arzt und Apotheker. Zur Qualitätsbeurteilung pflanzlicher Präparate: Deutliche Kenntlichmachung auf der Packung - Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel etc.; aussagekräftige Angaben zur Zusammensetzung des Inhaltes.

Weitere Forschung an Universitäten/Kliniken und in der Industrie auf dem Gebiet pflanzlicher Arzneimittel zur Anwendung in der Phytotherapie; aus dem riesigen Potential von Pflanzenarten (global ca. 500.000) sind erst wenige wissenschaftlich untersucht!

Vielen Dank für das informative Gespräch!

Dr. Renate Höhl, 26. Juni 2013

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