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Der Sinn von Eigenblutspenden vor endoprothetischen Eingriffen wird hinterfragt.
 
Orthopädie 17. Juni 2013

Eigenblutspenden nur mehr für anämische Patienten

Vor Knie- oder Hüftgelenksoperationen sollten Eigenblutspenden keine Routinemaßnahme sein, meinen Orthopäden.

Eigenblutspenden vor einer Knie- oder Hüftgelenksimplantation sollten anämischen Patienten vorbehalten sein, forderten Experten auf dem EFORT Kongress in Istanbul. Eine Studie zeigt, wie wertvolle Ressourcen eingespart werden können.

„Patienten, die vor der Operation nicht unter Blutarmut leiden, brauchen auch keine Eigenblutspende vor einer primären Knie- oder Hüftimplantation. Diese Routinemaßnahme ist medizinisch längst nicht in allen Fällen indiziert und führt oft nur zu einer erhöhten Transfusionsrate. Gleichzeitig werden viele Eigenblutkonserven aufgrund mangelnden Bedarfs postoperativ verworfen. Stattdessen sollten wir uns auf das Blutmanagement bei Patienten konzentrieren, deren präoperativer Hämoglobinwert zu niedrig ist“, fordert Prof. Dr. Friedrich Böttner, Hospital for Special Surgery, New York, USA beim EFORT-Kongress in Istanbul. Mit seiner Empfehlung bricht Böttner mit der verbreiteten Praxis, im Zuge jeder Hüft- oder Knieimplantation vorsichtshalber mindestens eine Konserve Eigenblut bereitzuhalten, um Fremdbluttransfusionsrisiken zu minimieren. Wie die neue Studie von Böttners Forschungsteam zeigt, geht es jedoch auch anders.

„Wir haben untersucht, inwieweit sich ein gezielter Einsatz von Blutspenden auf die gesamte Transfusionsrate auswirkt: Wie häufig brauchen nicht-anämische Patienten tatsächlich eine Fremdbluttransfusion? Und wie viele Konserven brauchen im Gegensatz Patienten mit einem präoperativen Hämoglobinwert von weniger als 13,5g/dL?“, so Böttner. Zu diesem Zweck wurden die Daten von 429 primären Knieprothesenimplantationen analysiert. Nur den anämischen Patienten wurde geraten, eine Konserve Eigenblut zu spenden. 98 von 233 folgten diesem Rat. Die Mehrheit der nicht-anämischen Gruppe, 185 Patienten, spendete kein Eigenblut.

Kaum Bedarf für nicht-anämische Patienten

Nur 5,9 Prozent der nicht-anämischen Patienten benötigten tatsächlich eine Fremdbluttransfusion während oder nach dem Eingriff. Signifikant mehr waren es bei den blutarmen Teilnehmern, nämlich 33 Prozent. Die anämische Gruppe, die eine Eigenblutspende geleistet hatte, benötigte diese auch tatsächlich in 71 Prozent der Fälle. Die Eigenblutspende erwies sich bei anämischen Patienten als sehr effektiv und senkte den Bedarf an Fremdblut auf neun Prozent.

„Unsere Resultate decken sich mit denen anderer Forschungsarbeiten. Es liegt auf der Hand, dass von routinemäßigen Eigenblutspenden bei der primären Knie- und auch Hüftendoprothetik Abstand genommen werden kann. Gezielter Einsatz von autologen Blutkonserven macht bei beiden Eingriffen aber dann Sinn, wenn Patienten unter Anämie leiden“, so Böttner. Ersparen könne man den Patienten die Eigenblutspende, wenn der präoperative Hämoglobinwert vor einer Hüftendoprothesen-Implantation über 12,5 g/dL und vor einer Knieendoprothetik über 13,5g/dL liegt.

Gezielter Einsatz von Konserven

Die Orientierung an diesen Blutwertmarkern könne problemlos in das klinische Behandlungsprotokoll jeder Einrichtung aufgenommen werden. Der gezielte Einsatz von Blutkonserven würde nicht zuletzt auch Blutbanken und Gesundheitsbudgets entlasten, betonte Böttner.

Ein wohlüberlegter Einsatz von Ressourcen sei nicht zuletzt aufgrund des stark zunehmenden Bedarfs an Knieprothesen dringend geboten: Bedingt durch die demografische Entwicklung benötigen immer mehr Menschen ein künstliches Kniegelenk. In Dänemark haben sich laut einem OECD-Bericht die Knieimplantationen zwischen 2000 und 2010 verdreifacht, in Spanien mehr als verdoppelt und in Frankreich ist ihre Zahl im gleichen Zeitraum um 60 Prozent gestiegen. Auch wenn es bei den Implantationen große lokale Unterschiede gibt, spricht der erhobene EU-21-Durchschnitt Bände: Im Jahr 2005 wurden noch 89 Knieprothesen pro 100.000 Einwohner und Jahr eingesetzt, fünf Jahre später waren es schon über 109.

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