zur Navigation zum Inhalt
 

Ständig online

Internetsucht: Wie viele Jugendliche sind betroffen?

Neben stoffgebundenen Süchten rückt der pathologische Internetgebrauch immer mehr in den Fokus der Forschung. Wie viele Jugendliche sind davon betroffen und welche psychopathologischen und psychosozialen Faktoren hängen damit zusammen?

Unzählige Stunden am Computer, immer schlechtere Schulleistungen, keine Zeit für Freunde, Missstimmung und Reizbarkeit, wenn man nicht online ist: Pathologischer Internetgebrauch bei Jugendlichen ist ein Thema, dem immer mehr Forscher Beachtung schenken. Mit zunehmender Verfügbarkeit des Mediums in Kinderzimmern nahm auch die Publikationsrate in den vergangenen Jahren zu. Dennoch bleibt weiterhin nicht ganz klar, in welcher Größenordnung dieses Problem bei Jugendlichen auftritt. Angaben zu Prävalenzraten in Europa schwanken zwischen 2 und 18 Prozent. Häufig sind die untersuchten Stichproben nicht repräsentativ und die eingesetzten Erhebungsverfahren nicht ausreichend validiert. Dazu kommt, dass es derzeit keine einheitliche Definition für Internetabhängigkeit gibt.

Forscher der Universität Heidelberg analysierten nun dazu Daten aus einer randomisiert-kontrollierten Multi-Center-Studie, die in 11 europäischen Staaten durchgeführt wurde. Europaweit nahmen an der Studie über 12.000 Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahren teil.

Die deutsche Stichprobe erfasste 1.435 Schüler aus dem Rhein-Neckar-Kreis, die mittels verschiedener Fragebögen untersucht wurden, u.a. dem Young Diagnostic Questionnaire. Dieser orientiert sich an den DSM-IV-Kriterien für pathologisches Glücksspiel und wird häufig als Screening für den pathologischen Internetgebrauch benutzt. Symptome des pathologischen Internetgebrauchs nach Young (1998) sind:

• Beschäftigen Sie sich nahezu ausschließlich mit dem Internet (über vergangene Onlineaktivitäten nachdenken oder sich nächste Onlinesitzing im Voraus vorstellen)?

• Empfinden Sie das Bedürfnis, das Internet immer länger zu nutzen, um damit zufrieden sein zu können?

• Haben Sie mehrfach erfolglos versucht, ihre Zeit im Internet zu kontrollieren oder zu reduzieren oder den Internetgebrauch zu beenden?

• Fühlen Sie sich ruhelos, launisch, deprimiert oder reizbar, wen Sie Ihren Internetgebrauch zu reduzieren oder zu beenden versuchen?

• Bleiben Sie länger online als zunächst beabsichtigt?

• Haben Sie wegen des Internets bereits den Verlust bedeutsamer Beziehungen oder der Arbeitsstelle oder von Bildungs- bzw. Karrierechancen aufs Spiel gesetzt?

• Haben Sie Familienmitglieder, Therapeuten oder andere über die Intensität Ihres Internetgebrauchs belogen?

• Nutzen Sie das Internet als eine Möglichkeit, Problemen zu entkommen oder der Erleichterung schlechter Stimmungen (z.B. Gefühle von Hilflosigkeit, Schuld, Angst und Niedergeschlagenheit)?

Die befragten Schüler wurden in drei Gruppen geteilt: Wer weniger als zwei Fragen mit „Ja“ beantwortete, galt als unauffälliger User, bei drei bis vier erfüllten Kriterien sahen die Wissenschaftler die Internetnutzung als problematisch, bei fünf und mehr Kriterien als pathologisch an.

Die Prävalenz für pathologischen Internetgebrauch lag in dieser Untersuchung bei 4,8 Prozent. Eine problematische Nutzung fanden die Forscher bei 14,5 Prozent und 80,7 Prozent zeigten einen unauffälligen Internetkonsum. Auffällige Jugendliche gaben im Vergleich zu unauffälligen signifikant höhere Depressionsraten an und wiesen häufiger selbstverletzendes und suizidales Verhalten auf. Diese Erkenntnisse müssten dazu führen, nicht erst bei pathologischem, sondern bereits bei problematischem Konsum präventiv einzugreifen, um psychische Probleme rechtzeitig zu erkennen, so das Fazit der Autoren.

Als Risikofaktoren für eine Internetsucht zählten laut europaweiter Auswertung unter anderem eine städtische Umgebung und nahezu alle Variablen, die mit der Eltern-Kind-Beziehung im Zusammenhang standen. Als besonders gefährdet identifizierten die Forscher Schüler, die nicht bei ihrer Familie lebten, unter einer geringen elterlichen Fürsorge standen oder arbeitslose Eltern hatten.

Quelle: 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP), 6. – 9. März 2013, Rostock

springermedizin.de, Ärzte Woche 20/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben