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Oft beginnt die Leistungssport-Karriere schon in der Kindheit. Besonders figurbetonte Sportarten wie Turnen können anfällig für Essstörungen machen.
 
Sportmedizin 17. Mai 2013

Fluch oder Segen?

Psychische Erkrankungen bei jugendlichen Leistungssportlern.

Psychische Erkrankungen bei prominenten Spitzensportlern sorgten in der Vergangenheit dafür, dieser Schattenseite des Leistungssports mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie müsse sich noch stärker mit psychischen Erkrankungen bei Leistungssportlern auseinandersetzen, betonte Prof. Beate Herpertz-Dahlmann, Aachen, beim 33. Kongress der DGKJP.

Jeder Kinder- und Jugendpsychiater kennt das Phänomen des exzessiven Sporttreibens bei Magersucht: 31 bis 80 Prozent aller anorektischer Patienten sind von einer motorischen Unruhe betroffen.

Die Ursache dafür liegt nicht nur in psychologischen Faktoren, wie Gewichtsphobie und Schlankheitsstreben, sondern auch in krankheitsbedingten neurobiologischen Veränderungen. So zeigen Patientinnen mit sehr niedrigen Leptinspiegeln z.B. die höchste motorische Unruhe (Holtkamp et al. 2006, Biol Psychiatry 60 (3):311-3).

Körperliche Hyperaktivität bei Magersucht

Für Ärzte ist es wichtig zu wissen, dass die Patienten selbst unter dieser Hyperaktivität leiden. So gaben in einer Befragung am Aachener Klinikum etwa die Hälfte der Anorexie-Patienten an, den Bewegungsdrang als etwas Fremdes zu erleben, 22 Prozent empfanden die motorische Unruhe als unangenehm, 12 Prozent machte sie sogar Angst und für 37 Prozent sei sie kaum oder gar nicht zu unterdrücken gewesen (Schöll Melanie, 2008, Dissertation Universität Aachen, http://d-nb.info/990239497). Insgesamt müsse die ausgeprägte Hyperaktivität als ein negativer prognostischer Faktor betrachtet werden und laut Herpertz-Dahlmann zu einer intensiveren Therapie führen.

Bettruhe ist keine Therapie

Wegen der Osteoporosegefahr sei Bettruhe in der Anorexie -Therapie obsolet: „Das halte ich nicht mehr für vertretbar“ so Herpertz-Dahlmann. Vor allem sei es wichtig, offen mit den Patienten über ihren Bewegungsdrang zu sprechen und ein Bewegungsangebot zu machen, gekoppelt an einen Ernährungsplan und ein definiertes Sportgewicht (10 BMI-Perzentile).

Auch Gespräche über eine geeignete Sportart und das Üben, den Ernährungsbedarf an den Verbrauch anzupassen, gehören laut Herpertz-Dahlmann zu einer magersucht-spezifischen Therapie dazu.

Therapeutische Interventionsmöglichkeiten

Bei schwer erkrankten Patienten mit einer ausgeprägten Unruhe hat sich eine medikamentöse Behandlung mit Olanzapin als wirksam erwiesen (Leggero et al.2010, J Child Adolesc Psychopharmacol 20 (2):127-33). Entgegen früheren Erwartungen ergeben sich aber durch das Medikament prognostisch keine besseren Heilungschancen. Inwieweit ambulante Sportprojekte die Prognose von magersüchtigen Patienten verbessern können, ist noch nicht endgültig belegt. Eine Untersuchung aus Freiburg konnte jedoch in einer kleinen Stichprobe (n=22) eine positive Bilanz ziehen: Fast die Hälfte der Patienten gab an, wieder Freude an der Bewegung zu empfinden und diese erstmals nicht als Zwang (27%) zu erleben. Auch gaben die Befragten an, durch das Angebot weniger exzessiv Sport zu treiben (27%) und besser eigene physische Grenzen zu akzeptieren (27%).

Wie oft leiden Leistungssportler an Essstörungen?

Immer wieder werden Fälle von Essstörungen auch bei Spitzensportlern bekannt. Norwegische Forscher interessierten sich deshalb für die Prävalenz von Essstörungen bei Leistungssportlern. Dazu befragten sie mehr als 600 Probanden an 16 Sporteliteschulen zu ihrem Essverhalten und verglichen diese mit einer Highschool-Kontrollgruppe. Etwa 7 Prozent der Sportler litten unter Essstörungen, im Vergleich zu 2 Prozent in der Kontrollgruppe. In der Subgruppe der Sportlerinnen lag das Verhältnis sogar bei 13,5 vs 3,2 Prozent.

Es ist wenig überraschend, dass Sportler in figurbetonten Sportarten, wie Turnen oder Tanzen als besonders gefährdet gelten. Aber auch Marathon, Ringen oder Rudern, also Sportarten mit einem hohen Energieverbrauch bzw. Gewichtskategorien, die häufig mit restriktivem Essverhalten eingehalten werden, können für Essstörungen anfällig machen. Winterpausen, verletzungsbedingte Ausfälle, früher Leistungsdruck und ehrgeizige Trainer sind weitere Risikofaktoren (Sundgot Borgen, Torstveit, 2010, Scand J Med Sci Sports, 20 Suppl 2:112-21).

Bei essgestörten Sportlern sei es wichtig „das Kind beim Namen zu nennen“, so die Kinder- und Jugendpsychiaterin und eine essstörungsspezifische Therapie anzubieten. Bei Gewichtsabnahmen müsse das Training modifiziert, reduziert oder ganz unterbrochen werden. Ebenso sollten bestimmte Regeln für die Ernährung gelten: z.B. eine Eiweißzufuhr von 1,5-1,8 g/kg/Tag.

 

Quelle: 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP), 6.– 9. März 2013, Rostock

Springermedizin.de, Ärzte Woche 20/2013

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