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Knoblauch bringts!
 
Kardiologie 24. November 2012

Studien, die zu Herzen gehen

Von lipidsenkenden Tomaten und blutdrucksenkenden Leinsamen.

Japaner reanimieren ungern ihre Familienangehörige, Kalifornier züchten genetisch veränderte Tomaten mit lipidsenkenden Eigenschaften, Feuerwehrmänner reduzieren erfolgreich ihren mentalen Stress mit Knoblauch/CoEnzym Q10-Pillen – abseits der doppelblinden Endpunktstudien werden auf den großen Herzkongressen Wissenschaftserkenntnisse ausgetauscht, die im wahren Leben wirklich eine Rolle spielen.

Infarkt-Gefahr bei Glatzköpfen – dies ist eine Erkenntnis aus Dänemark, sorgfältig erhoben am Kollektiv der Copenhagen Heart Study, immerhin 10.885 Patienten. Die Botschaft lautet: Achten Sie auf Ihr Äußeres, und ziehen Sie rechtzeitig alle Register der ästhetischen Gesichtschirurgie, wenn Sie morgens im Spiegel Zeichen des Älterwerdens erkennen. Sonst landen Sie mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit auf dem Kathetertisch eines Kardiologen, Diagnose akuter Herzinfarkt. Die einschlägigen Warnzeichen sind: Ohrläppchenfalten, größer werdende Geheimratsecken, konzentrisch um sich greifender Haarausfall auf dem Haupt, Xanthelasmen in Augennähe. Graues Haar und prominente Falten an den Augenwinkeln sind ebenfalls bedenklich. Jede dieser Veränderungen für sich, und am schlimmsten aber in Kombination, sind unabhängig von Alter, Krankheit, Reichtum oder Sozialstatus, Risikofaktoren dafür, dass der Herzinfarkt bevorsteht. (Tybjaerg-Hansen A, Abstract 15333)

Gemahlener Leinsamen senkt Blutdruck um 15 Prozent

Das können manche Hochdruckmittel auch nicht toppen: Bei hypertensiven PAVK-Patienten, die sechs Monate lang täglich 30 Gramm gemahlenen Leinsamen zu sich nahmen, sank der systolische Blutdruck um 15 mmHg und der diastolische Blutdruck um 8 mmHg. In der Plazebogruppe hingegen war ein leichter Anstieg der Blutdruckwerte zu verzeichnen. Die Ergebnisse ihrer FlaxPAD-Studie zeigen damit mit den stärksten antihypertensiven Effekt, der je durch eine diätetische Intervention vermittelt wurde, erklären die Autoren.

Verantwortlich für den positiven Effekt waren nach Auskunft der Autoren deutliche Anstiege der Werte für Alpha-Linolensäure, einer protektiven Fettsäure, sowie für Enterolakton, einem potenten Antioxidans. Das Ausmaß der Blutdrucksenkung lässt eine Halbierung der Schlaganfallrate sowie eine Senkung des Herzinfarktrisikos um ein Drittel erwarten, schreiben die Autoren vom St. Boniface Hospital in Winnipeg. (Pierce GN, Abstract 12080)

Alter Knoblauch schützt vor Stress

Spätestens seit 09/11 wissen wir, wie gefährlich das Leben des Feuerwehrmannes ist. Nicht nur, dass ihm die Brocken auf den Kopf fallen. Auch langfristig zehrt der Stress an den Nerven und verstopft die Koronargefäße. Dem kann vorgebeugt werden: Männer mit aufreibenden Jobs reduzieren ihr Stress- und Inflammationsniveau und verlangsamen ihre Atherosklerose-Entwicklung, wenn sie eine kombinierte Zauberpille täglich für ein Jahr einwerfen: Knoblauch, wohl gereift, und Coenzym Q10. Das ist das Resümee einer randomisierten plazebokontrollierten Doppelblindstudie bei 65 amerikanischen Feuerwehrmännern und war der American Heart Association, wie übrigens alle hier berichteten Studien, eine Pressemitteilung wert. (Larijani VN, Abstract 9943)

Tomaten lassen atherosklerotische Plaques schrumpfen

Die Story ist schnell erzählt: Wissenschaftlern der UCLA in Los Angeles ist es gelungen, Tomaten zu züchten, die 6F produzieren: ein kleines Lipidmolekül, welches die Wirkung von Apo A-1 kopiert, dem Kernbestandteil der HDL-Cholesterinfraktion. Nach Verzehr der gefriergetrockneten, genetisch veränderten Tomaten sprachen die Probanden umgehend auf die Diät an: Entzündungsparameter sanken, die Konzentration antioxidativer Enzyme stieg an, ebenso das HDL. Die Atheroskleroseprogression verlangsamte sich. Bei den Probanden handelte es sich vorläufig noch um Mäuse. (Fogelman AM, Abstract 11083)

Probiotische Cholesterinsenker

Wer Tomaten nicht mag oder Genfood ablehnt, kann es vielleicht auch mit probiotischen Kapseln versuchen. Diese sind die Natur selbst und zeigen sich bei regelmäßigem Verzehr im wissenschaftlichen Versuch in der Lage, nicht nur die LDL-Spiegel um 11,6 Prozent zu reduzieren (immerhin!), sondern auch – und das wurde erstmals nachgewiesen – die Konzentration von an gesättigten und damit ungesunden Fettsäuren reichen Cholesterinestern um 8,8 Prozent. Wichtig ist: Lactobacillus reuteri NCIMB 30242 muss sich im Joghurt tummeln. Die Kapseln werden in den USA sinnigerweise von einer Firma namens Micropharma als „Cardioviva“ angeboten. Lang lebe das Herz. (Jones ML, Abstract 11348)

Familienmitglieder ungeeignet zur Reanimation

Wer einen Herzinfarkt im Familienkreis erlebt, droht diesen nicht zu überleben, lautet das Fazit einer japanischen Studie. Die Autoren hatten über 500.000 Fälle von Herzstillstand ausgewertet und dabei 140.000 identifiziert, bei denen es Zeugen gab. Wenn jemand zur Verfügung steht, der eine kardiopulmonale Reanimation einleiten und Hilfe rufen kann, verdoppelt bis verdreifacht sich die Überlebensaussicht. Nicht so gut sieht es freilich aus, wenn es sich um Familienangehörige handelt, berichten Forscher der Kanazawa Universität in Japan. Diese schreiten deutlich seltener zur Reanimation als Fremde (36,5 vs. 46%), und wenn sie doch aktiv werden, dann geben sie sich mit Brustkompressionen zufrieden. (Inaba H, Abstract 230)

 

Quelle: Jahrestagung der American Heart Association (AHA), 3.–7. November 2012, Los Angeles

springermedizin.de, Ärzte Woche 47/2012

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