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Die Epidemiologie zeigt den Zusammenhang zwischen Fettsucht und Krebs. Dass Gewichtsverlust Karzinomen vorbeugt, ist aber noch nicht bewiesen.
 
Endokrinologie 17. November 2011

Das metabolische Syndrom – eine (gastrointestinale) Präkanzerose

Patienten mit dokumentiert erhöhtem Krebsrisiko sollten früher in Programme zur Vorsorge einbezogen werden.

In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass Übergewicht und Adipositas nicht nur mit einer erhöhten kardiovaskulären Mortalität behaftet sind, sondern auch mit einem erhöhten Risiko für viele Malignome, vor allem der Brust, des Endometriums, der Nieren sowie des Gastrointestinaltrakts.

 

Man nimmt an, dass in Europa 3,2 Prozent aller Malignome bei Männern und 8,6 Prozent bei Frauen mit Übergewicht und Adipositas sowie deren metabolischen Konsequenzen in di-rektem Zusammenhang stehen. Diese Zahlen sind vor dem Hintergrund der globalen Adipositas-Epidemie mit rund 1,6 Milliarden Betroffenen außerordentlich besorgniserregend. Das relative Risiko gastrointestinaler Malignome ist bei adipösen Menschen ca. 1,5- bis zweimal größer als bei normalgewichtigen Individuen mit klaren organ- und geschlechtsspezifischen Unterschieden.

Es gibt exakte Hinweise auf eine Assoziation zwischen Adipositas und dem Adenokarzinom des Ösophagus, dem Gallenblasen- und dem Pankreaskarzinom sowie dem hepatozellulären und dem Kolorektalkarzinom. Dies ist vor allem bemer-kenswert, da sich gewisse gastrointestinale Karzinome über klinisch gut charakterisierte prämaligne Vorläuferläsionen definieren. Darüber hinaus besteht außerdem ein Zusammenhang zwischen Adipositas, metabolischem Syndrom und eben diesen Vorläuferläsionen.

Am besten belegt ist diese Assoziation zwischen Adipositas und dem Barrett-Ösophagus sowie dem kolorektalen Adenom. Daher ist es naheliegend, dass einerseits populationsbasierte Maßnahmen zur Behandlung der Adipositas sowie andererseits gezielte Tumor-Screening-Strategien zu einer signifikanten Reduktion von Tumorerkrankungen führen könnten.

Adipositas und metabolisches Syndrom spielen jedoch nicht nur in der Initiierung der Kanzerogenese eine wesentliche Rolle, sie haben auch einen deletären Einfluss auf die Langzeitprognose gastrointestinaler Malignome. Dies ist vor allem auf ein höheres Metastasierungspotenzial, eine erhöhte perioperative Morbidität sowie auch auf ein schlechteres Ansprechen diverser Chemotherapien zurückzuführen.

Adipositas und Karzinogenese

Aus pathophysiologischer Sicht ist die Assoziation zwischen Übergewicht, Adipositas und der Karzinogenese nur unvollständig verstanden. In den vergangenen Jahren ist es jedoch gelungen, einige wichtige Faktoren zu charakterisieren, die eine mögliche Verbindung zwischen metabolischem Syndrom, chronischer Inflammation und Kanzerogenese darstellen.

Eine wesentliche Rolle bei diesen postulierten Mechanismen spielen die Hyperinsulinämie sowie „Insulinlike growth factor signaling“. Eine zentrale Rolle dürfte auch die viszerale Adipositas spielen, da sie nicht nur eine Quelle für eine systemische subklinische Inflammation darstellt, sondern auch für eine Dysbalance wichtiger, in den Adipozyten gebildeter Zytokine wie Adiponektin und Leptin verantwortlich ist. Adiponektin-Serumspiegel sind vor allem bei Patienten mit Adipositas, metabolischem Syndrom und Diabetes mellitus deutlich erniedrigt. So konnte auch gezeigt werden, dass eine inverse Korrelation zwischen Adiponektin und dem Auftreten kolorektaler Adenome besteht. In-vitro-Studien zeigen, dass Adiponektin in der Lage ist, das Wachstum von Kolonkarzinomzellen sehr potent zu inhibieren. Andererseits konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass Leptin, ein weiteres Adipozytokin, welches bei Adipositas und metabolischem Syndrom fehlreguliert ist, in der Lage ist, das Wachstum verschiedener Krebszelllinien (Brust, Ösophagus, Pankreas, Kolorektum, Prostata und Lunge) zu stimulieren. Obwohl diese Daten relativ präliminär sind, scheinen Adipozytokine attraktive Kandidaten zu sein, um den Zusammenhang zwischen Adipositas, metabolischem Syndrom und Kanzerogenese besser verstehen zu können.

Fazit

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Übergewicht, Adipositas und metabolisches Syndrom Risikofaktoren für multiple Malignome vor allem des Gastrointestinaltrakts und des hepatobiliären Systems darstellen. Dieser negative Impact bezieht sich nicht nur auf die frühe Phase der Kanzerogenese, sondern auch auf die Prognose nach Diagnosestellung. Da wir davon ausgehen müssen, dass die Prävalenz der Adipositas weiter zunehmen wird, wird dies indirekt auch zu einer Zunahme adipositasassoziierter Tumorformen führen. Wenngleich aus epidemiologischer Sicht die Assoziation zwischen Adipositas und erhöhtem Krebsrisiko etabliert ist, existieren noch keine prospektiven Studien, die zeigen können, dass Ernährungsumstellung und Gewichtsverlust eine effektive Krebsprävention darstellen. In diesem Zusammenhang ist es auch naheliegend, dass ein besseres Verständnis um die Zusammenhänge zwischen Adipositas, metabolischem Syndrom und Kanzerogenese zur Entwicklung gezielter medikamentös chemopräventiver Strategien für übergewichtige Patienten führen wird. Wir sollten uns jedoch darüber im Klaren sein, dass Patienten mit Adipositas ein erhöhtes Risiko vor allem auch für potenziell vermeidbare Tumorformen wie das Adenokarzinom des Ösophagus und das Kolorektalkarzinom aufweisen. In diesem Zusammenhang müssen derzeit akzeptierte Screening-Guidelines überdacht und Patienten mit einem dokumentiert erhöhten Risiko früher in Vorsorgeuntersuchungen einbezogen werden.

 

Prof. Dr. Christian Datz ist Ärztlicher Leiter und Vorstand der Abteilungen für Innere Medizin, Akutgeriatrie und Remobilisation am Krankenhaus Oberndorf in Salzburg

 

Der Autor referierte am Samstag, dem 8. Oktober 2011, bei der 42. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) in Innsbruck zum Thema.

 

www.oegim.at

 

Von C. Datz , Ärzte Woche 46 /2011

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