zur Navigation zum Inhalt
 
Gastroenterologie 6. Juni 2011

Vorsorgekoloskopie in Vorarlberg

15,25 % der Zielgruppe erreicht

Das Kolorektalkarzinom (CRC) ist eine der häufigsten Todesursachen in Europa und allen Industrienationen, etwa 5 % der Bevölkerung (jeder 20. Mensch) erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Die Zahl der CRC-Neuerkrankungen in Österreich betrug 2000 etwa 5.120/Jahr, in Vorarlberg wurde 2001 die höchste Inzidenz mit 178 erreicht, seit 2005 sinkt diese in Vorarlberg kontinuierlich. Diese Tendenz ist deutlich zu erkennen, und in Vorarlberg kommen derzeit minimal 124 Fälle im Jahresdurchschnitt 2005/07 vor (Quelle: Statistik Austria, Österr. Krebsregister 27.8.09).

Die CRC-Sterblichkeit (Mortalität) ist außerordentlich hoch, rund die Hälfte der Neuerkrankten stirbt an den Folgen der Metastasierung (2000: 2.536, 2008: 2.241, Quelle: s.o.). Durch die Vorsorgekoloskopie ist eine Reduktion der CRC von 76–90 % möglich [1, 2, 3, 4]. Bereits 2002 wurde in den USA die Kosteneffektivität des CRC-Screening belegt, neben den medizinisch-ethischen Aspekten sprechen auch die ökonomischen Fakten eindeutig für die Vorsorgekoloskopie: Die Therapiekosten des metastasierten CRC sind durch neue Zytostatika und Antikörper von 1997 (Jahrestherapiekosten: 570 €) auf 190.000 Euro im Jahr 2004 unter Nutzung der neuen Zytostatika und Antikörper [5] gestiegen und bis 2006 auf Jahrestherapiekosten von 250.000 € weiter exzessiv gestiegen.

Eckdaten unserer Vorsorge

Im Vorsorgekoloskopievertrag mit der Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK) sind die internationalen Qualitätsstandards enthalten (entsprechend ÖGGH-Qualitätszertifikat Darmkrebsvorsorge), deren Einhaltung wird von Ärztekammer und VGKK kontrolliert. Der Start des Programmes war 2/2007. Ausgewertet wurden Daten bis 12/2010. Als Zielbevölkerung werden alle über 50-jährigen Personen gesehen (das sind 101.755 Personen), die VGKK/SVB versichert sind (etwa 86.000 Personen). Die Gesamtzahl der Vorsorge-Koloskopien 2/07–12/2010 beläuft sich auf 13.118 (2007: 1.584; 2008: 3.520; 2009: 3.861, 2010: 4.153). Untersucht wurden 7.215 Frauen (55 %) und 5.903 Männer (45 %). Die Altersverteilung der Koloskopierten zeigte sich folgend:

  • 50–59 Jahre: 5.556 (42,35 %),
  • 60–69 Jahre: 4.852 (36,99 %),
  • 70–79 Jahre: 2.397 (18,27 %),
  • > 80 Jahre: 313 (2,39 %).

Ergebnisse

Eine komplette hohe Koloskopie wurde bei 12.640 Personen bzw. 96,4 % erreicht.

Befunde

Normalbefund: 6.235 Personen = 47,53 %, nicht-polypöse Pathologien (Divertikel, entzündliche Veränderungen etc.): 1.337 Personen = 10,19 %, benigne Polypen: 5.338 Personen = 40,69 %, pTis-Polypen (UICC-Stadium): 176 Personen = 1,34 %, CRC: 50 Personen = 0,38 %.

Auswirkung der Vorsorgekoloskopie auf die CRC-Inzidenz in Vorarlberg

2006/2008 laut Statistik Austria, Österr. Krebsregister vom 18.10.2010 Anstieg auf 174 Neuerkrankungen im Vgl. zu 124 Neuerkrankungen 2005-2007 (s.o.).

Komplikationen bei 52 Personen = 0,4 %

Komplikationen mit erforderlicher Hospitalisation („schwere“ Komplikationen): 11 Personen = 0,08 % (2 Akutperforationen – OP, 2 Spätperforationen – OP, 1 Blutung mit OP, 1 Blutung ohne erforderliche Intervention, 4 Spätblutungen mit Kontrollekoloskopie und Clipsbehandlung; 1 Patient mit minimal freier Luft im Abdomen – antibiotische, konservative Therapie) und einer stationären Behandlungsdauer von 3 bis 6 Tagen. 41 Personen hatten leichte Komplikationen ohne stationäre Behandlung (11 Blutungen – koloskopische Blutstillung/Clips, 30 kardiopulmonalen Abweichungen, überwiegend harmlose Bradykardien, Hypotonien, leichte Hypoxien). Bei unseren Vorsorgeuntersuchungen kam es zu keiner Mortalität.

Kostenkalkulation

Honorar der Vorsorgekoloskopie

Grundhonorar inkl. allfälliger Zangenbiopsien (Start 2/2007 mit 200 €, zuletzt 232 €, davon Qualitätssicherungsbeitrag des Landesgesundheitsfonds [Steuermittel] 40 €, zuletzt 46 €), Extravergütung der Schlingenpolypektomie (2/2007 30 €, zuletzt 34,70 €), zusätzlich werden die Präparate für die Darmreinigung und die Sedierung sowie die Reinigungs- und Des- infektionsmittel für die chemothermische Reinigung in den Waschmaschinen über den Ordinationsbedarf zur Verfügung gestellt.

Koloskopiegesamtkosten 2/07–12/2010: € 2,919.828, Kosten für Operationen, adjuvante Chemotherapie, Komplikationen: € 2,250.000, Kosten pro Patient im metastasiertem Stadium 250.000 € bei einer Lebenserwartung von im Mittel 3 Jahren. Vor Einführung der Vorsorgekoloskopie erfolgte die Diagnose bei jedem 2. Patienten im Stadium der Metastasierung. Wenn das auch bei den detektierten Kolorektalkarzinomen der Fall gewesen wäre (176 Frühkarzinome und 50 Karzinome zumeist in frühen Stadien), dann wäre von den insgesamt 226 Fällen die Diagnose bei 113 Personen erst im metastasierten Stadium gestellt worden mit Kosten von 28,250.000 €. Wenn davon die tatsächlich angefallenen Kosten von insgesamt 6.169.828 € abgezogen werden, dann beträgt die Kosteneinsparung etwa 22 Millionen € pro Jahr.

Zusammenfassung

Die Beteiligung der Bevölkerung an der Vorsorgekoloskopie in Vorarlberg ist in den ersten 47 Monaten außerordentlich gut, es konnten 15,25 % der Zielgruppe erreicht werden. 176 Personen bzw. 1,34 % haben ein kolorektales Frühkarzinom und 50 Personen bzw. 0,38 % haben ein manifestes Kolorektalkarzinom, davon 72 % im frühen Stadium I und II nach UICC. Die hohen vertraglich garantierten und regelmäßig überprüften internationalen Qualitätsstandards begründen die hohe Sicherheit mit nur 0,08 % Komplikationen mit Hospitalisationserfordernis, es ist keine Mortalität aufgetreten.

 

1 Winawer SJ et al (1993) Prevention of colorectal cancer by colonoscopic polypectomy. The National Polyp Study Workgroup. N Engl J Med 329:1977-1981

2 Winawer SJ et al (1997) Colorectal cancer screening: clinical guidelines and rationale. Gastroenterology 112:594-642

3 Schmiegel W et al (2000) Kolorektales Karzinom: Prävention und Früherkennung in der asymptomatischen Bevölkerung – Vorsorge bei Risikogruppen – Endoskopische Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Polypen und Karzinomen. Z Gastroenterologie 38:49-75

4 Lieberman DA et al (2000) Use of colonoscopy to screen asymptomatic adults for colorectal cancer. N Engl J Med 343:162-168

5 Saltz Lenard, Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, ASCO 2004

Zur Person
Dr. Michael Jonas
Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie, Hämatologie und internistische Onkologie
Riedgasse 2
6850 Dornbirn
Fax: ++43/5572/221 80-4
E-Mail:

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben