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Foto: Privat
Dr. Erich Altenburger Sportarzt, Facharzt für Unfallchirurgie, ÖSV-Teamarzt
 
SportÃrztewoche 2010 2. März 2010

Bilanz Wintersportsaison 2010: "Möglichst gerade runter“

Wie hoch ist das Risiko beim Spitzensport und was kann die Sportmedizin abfedern?

Spektakuläre Stürze, schwere Verletzungen und sogar einen toten Sportler gab es bei der Olympiade 2010 in Vancouver. Wie gefährlich ist der Wintersport heute und was kann die Sportmedizin in punkto Prävention, Bewusstseinsbildung und Rehabilitation ausrichten?

Die Sportmedizin kann die Athleten fitter machen, eventuell auch schwere Verletzungen rascher heilen, doch die Anforderungen an die Gladiatoren der Moderne werden immer stärker und die Materialien immer besser. Das Motto HIGH TECH – HIGH SPEED gilt scheinbar nicht nur für Vancouver, es wurde auch von den Veranstaltern der SportÄrzteWoche 2010 (5. bis 10. Dezember) in Zell am See/Kaprun aufgegriffen. Die Ärzte Woche sprach mit dem wissenschaftlichen Leiter der Veranstaltung, ÖSV-Teamarzt Dr. Erich Altenburger.

 

Wann erreichen wir auf der Streif jene Spitzenzeit, die nicht mehr geschlagen werden kann?

ALTENBURGER: Das hängt gar nicht so sehr vom Material ab, wie oft geglaubt wird. Hier gibt es viele andere Faktoren, die ebenso wichtig sind, wie etwa Streckenführung oder Wetter. Ich denke, dass wir keine großartigen Sprünge mehr machen können. Man kann schließlich nicht mehr machen, als möglichst gerade herunterzufahren.

 

Es scheint, dass modernes Sportgerät ausschließlich in Richtung Geschwindigkeit bzw. Weite getrimmt und dabei die Sicherheit vernachlässigt wird. Werden eigentlich Ärzte bei der Entwicklung neuer Sportgeräte herangezogen?

ALTENBURGER: Die Firmen wollen naturgemäß das erfolgversprechendste Produkt liefern. Dass dabei die Sicherheit der Sportler nicht im Fokus steht, ist eigentlich logisch. Was die Entwicklung von neuen Materialien betrifft, so halten die Produzenten dies bis zuletzt streng unter Verschluss, weshalb auch Ärzte – zumindest in den ersten Planungsphasen – nicht einbezogen werden und daher kein Mitspracherecht haben.

 

Es gibt Studien, die dem Carving im Breitensport kein erhöhtes Verletzungsrisiko zuschreiben. Ist die starke Taillierung der Skier und die große Standhöhe bei den Profisportlern nicht doch ein Verletzungsgrund?

ALTENBURGER: Die gibt es durchaus – das Verletzungsrisiko hat sich beim Skifahren vor allem auf die obere Extremität und das Kniegelenk fokussiert.

Natürlich sind die Ski-Hersteller daran interessiert, die Kurvenfahrt zu optimieren und vor allem die Radien möglichst eng zu halten. Dies ist mit den kurzen Skiern und enger Taillierung sowie hoher Platte möglich. Allerdings wurde dadurch die Innenlage so extrem, dass die Entwickler beschlossen, die Plattenhöhe zu reduzieren. Aus meiner Sicht ist dies zu wenig, man hätte auch die Skibreite nicht so extrem gestalten dürfen. Nun bleibt bei rasanter Fahrweise weiterhin eine hohe Sturzgefahr bestehen, da die Fahrer nun am Schuh leicht ausrutschen.

 

Sollte man zum Schutz der Sportler nicht nur das Doping verbieten, sondern auch die Weiterentwicklung allzu schneller Sportgeräte eindämmen, indem man diese vom Wettbewerb ausschließt?

ALTENBURGER: Die Weiterentwicklung der Sportgeräte im erlaubten Bereich gehört zum Sport dazu, und im Normalfall werden neu entwickelte Sportutensilien von der zuständigen Organisation vorab geprüft.

 

Manchmal hat man das Gefühl, dass das Verletzungsrisiko gar nicht nur am neuen Material liegt, sondern auch an der immer schwieriger werdenden Streckenführung, schließlich wünschen sich die Zuschauer spektakuläre Abfahrten. Wie sehen Sie das?

ALTENBURGER: Das spielt sicher eine Rolle. Nehmen wir als Beispiel den alpinen Skisport, der hinsichtlich seiner Popularität zunehmend vom Snowboarden bedrängt wird. Daher steuerten die zuständigen Funktionäre dagegen an, und so wurden auch die Abfahrten immer spektakulärer und schneller. Auch bei den Olympischen Spielen in Vancouver, wo es etwa bei der Damenabfahrt ganz schön zur Sache ging. Denken Sie nur an die furchtbaren Stürze – auch von routinierten Läuferinnen.

Bei welcher olympischen Winterdisziplin spielt aus Ihrer Sicht High-Tech eine dominierende Rolle?

ALTENBURGER: Dieses Gefühl habe ich vor allem bei den Bobsportarten. Hier geht es ja um tausendstel Sekunden, die der Mensch ja kaum noch beeinflussen kann, während sich im alpinen Skisport ein extrem guter Fahrer unter Umständen auch mit schlechterem Material durchsetzen kann.

 

Wozu braucht ein Spitzenathlet überhaupt die Sportmedizin?

ALTENBURGER: Ich übe die Funktion eines Rennbetreuers aus, betreue also die Sportler auf der Piste beim Training und im Wettkampf. Und dann gibt es da noch den größeren Teil der Sportärzte, welche die internistische Sportmedizin ausüben, also vor allem für die Wettkampfvorbereitungen, den körperlichen Aufbau und bei Bedarf für die Rehabilitation zuständig sind.

 

Welcher Spitzensportler beeindruckt Sie persönlich ganz besonders?

ALTENBURGER: Mir imponiert ganz besonders die Karriere des Golfers Tiger Woods, der bereits in seinem ersten Jahr die restliche Weltelite quasi pulverisiert hat. Die Skandale, die derzeit um seine Person kreisen, interessieren mich überhaupt nicht, gehören sie doch in Tiger Woods Privatbereich. Für mich zählen vor allem die sportlichen Leistungen. Bei den Frauen ist es Anja Pärson, die bei dieser Olympiade eine Leistung wie seinerzeit Hermann Maier bot und fast unverdrossen nach einem fürchterlichen Sturz ihre sechste Olympiamedaille eringen konnte. So etwas nötigt mir ungeheuren Respekt ab.

 

Sie haben ja die wissenschaftliche Leitung der SportÄrzteWoche 2010, die auch heuer im Dezember in Zell am See/Kaprun stattfindet. Was gibt es in diesem Jahr Neues?

ALTENBURGER: Wir weichen im Kern auch dieses Jahr nicht von unserem erfolgreichen Rezept ab, wollen uns weiterhin als wichtigste Wintersportveranstaltung im deutschsprachigen Raum etablieren und stecken drei wichtige Teilbereiche ab: Orthopädie und Unfallchirurgie, Internistische Sportmedizin und Leistungsdiagnostik sowie die Rehabilitation nach Sportverletzungen. Aber wir bieten erstmalig einen Grundkurs an, der mehr Punkte als bisher für die österreichische Ausbildung zum Sportmediziner beisteuert. Gleichzeitig nehmen wir für unsere deutschen Teilnehmer verstärkt Rücksicht auf die neue deutsche Fortbildungsverordnung. Was mich besonders freut: Auch 2010 werden wir am 10. und 11. Dezember die österreichische Ärzte-Skimeisterschaften mit internationaler Beteiligung ausrichten.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

 

www.sportärztewoche.comwww.ärzte-ski.at

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