zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 2. Februar 2010

Good Vibrations

Wie gut ist die Evidenz der Whole Body Vibration in Prävention und Therapie?

Ein Sport- und Bewegungsprogramm, das sanft in der Anwendung und dennoch hoch effektiv für den Bewegungsapparat ist, versprechen immer mehr Hersteller von Ganzkörpervibrationsgeräten. Zahlreiche Thesen zu den Effekten mechanischer Schwingungsreize wurden bereits beschrieben, doch sind diese im Sinne einer Evidenzbasierung wissenschaftlich gesichert? Ein Überblick der Studienlage soll Pro und Contra dieser Trainingsgeräte für den Einsatz in Prävention und Therapie ausarbeiten.

 

Beim Ganzkörpervibrationstraining – auch Whole Body Vibration (WBV) genannt – steht der Proband auf ei-ner mit variierbaren Frequenzen arbeitenden Trainingsplattform. Durch die Vibrationen werden beim Trainierenden Reflexe ausgelöst, die eine Muskelkontraktion auslösen.

Obwohl die Marktsituation zunehmend unüberschaubar wird, haben sich im Wesentlichen drei Konstruktionsprinzipien durchgesetzt: Die Wippe mit einer abwechselnden Rechts-/Links- sowie Auf- und Abwärtsbewegung, die Einzelplatte für beide Füße mit vertikaler Auslen-kung und das System mit Standplatten für jeweils einen Fuß mit stochastischem Schwingungsmuster. Wesentlich für den Einsatz im medizinischen Bereich ist die eine Zulassung nach dem Medizinproduktegesetz. Dies wird nicht von allen Geräteanbietern erfüllt.

Große Unterschiede bestehen in den technischen Spezifikationen. So liegt der regelbare Frequenzbereich je nach Gerätetyp zwischen 1 und 12 Hertz, 10 und 30 Hertz oder zwischen 20 und 60 Hertz. Auch die Amplituden differieren zwischen 1 und 9 Millimeter. Dies erschwert die Vergleichbarkeit der Systeme enorm. Bei einem Vergleich von drei unterschiedlichen Systemen konnte eine Studie von J. J. Pel et al. (2009) Unterschiede in der Belastung an Knie und Hüfte um das Zehnfache nachweisen.

Einsatzgebiete und Studienlage

In den Datenbanken von Medline® und Pedro® sind über 700 Arbeiten zu Whole Body Vibration angeführt. Studien mit mittlerer bis guter Evidenz konnten Benefits in der Steigerung der Muskelkraft für Untrainierte und Ältere zeigen. Es zeigten sich Verbesserungen von Muskelfaserrekrutierung und Sensomotorik. Und bei Osteoporose konnte der Erhalt der Knochendichte nachgewiesen werden.

Verbesserungen in der Glukoseutilisation, Benefits für den Knorpelstoffwechsel und Erhalt der Muskelmasse während eines Diätprogramms konnten in Arbeiten mit mäßiger Evidenz gezeigt werden. Der Nachweis für Leistungssteigerungen durch WBV bei Trainierten wurde aber bislang nicht erbracht.

Die im Tiermodell vielversprechenden Daten zur Gewichtsreduktion konnten am Menschen noch nicht verifiziert werden. Ebenso wenig konnten die von den Herstellern beworbenen kosmetischen Effekte nachgewiesen werden.

Neben der Streuung der Belastung durch die schon angesprochenen Systemunterschiede bestehen weitere Störquellen für allfällige Untersuchungen. Die Belastungen auf den Körper sind von Frequenz, Amplitude, Masse, Gelenkwinkel und Muskeltonus abhängig. In einer eigenen Untersuchung konnten bei variierendem Muskeltonus Unterschiede in der sagittalen Beschleunigung des Kopfes bei konstanter Frequenz und Amplitude sowie gleicher Gelenkstellung um das Zwölffache gezeigt werden. Optimale Amplitude, Frequenz, Intensität und insbesondere Langzeiteffekte sind unzureichend erforscht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die marktschreierische Werbung einiger Hersteller in keinem Verhältnis zur derzeitigen Studienlage steht. Nur qualitativ hochwertige, unabhängige Arbeiten unter Berücksichtigung von Langzeiteffekten könnten diese Situation ändern.

 

Literatur beim Verfasser

 

Prim. Dr. Klaus Hohenstein, MSc, ist als Abteilungsvorstand am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Geriatriezentrum Am Wienerwald in Wien, tätig.

Vorschau 2010 und Rückblick: www.sportärztewoche.com

Von Prim. Dr. Klaus Hohenstein, MSc , Ärzte Woche 5 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben