zur Navigation zum Inhalt
 
SportÃrztewoche 2010 2. Februar 2010

Rehabilitation ist kein Solostück

Bei Sportverletzungen sind viele Komponenten zu berücksichtigen.

Verletzungen des Bewegungsapparates stellen sowohl bei Leistungs- als auch bei Hobbysportlern einen schwerwiegenden Einschnitt in die Sportlerkarriere dar. Dabei steht nicht allein die verletzte Struktur im Vordergrund, sondern auch die Nachteile infolge der Immobilisation, die einen raschen Verlust der sportarztspezifischen Leistungsfähigkeit bedingen.

 

Eine Verletzung des muskuloskelettalen Systems bedingt immer eine Strukturschädigung, geht mit Schmerzen einher und löst eine reparative Entzündungsreaktion aus. Dadurch und durch die Ruhigstellung kommt es zu einem raschen Verlust an funktionellen Fähigkeiten, wodurch die sensomotorische Kontrolle abnimmt und morphologische Rückbildungen auftreten.

Eine ruhiggestellte Muskelgruppe verliert 1 bis 1,5 Prozent ihrer Kraft pro Tag, sodass es bereits nach einer Woche zu einem Kraftverlust von zehn bis 20 Prozent kommt. Dabei verringert sich die Muskelmasse merklich: Nach vier Wochen Bettruhe erfährt die Oberschenkelmuskulatur eine Querschnittsreduktion zwischen zehn bis 18 Prozent.

Parallel dazu kommt es zu einer Abnahme der motorischen Einheiten, was einen Qualitätsverlust der intra- und intermuskulären Koordination zur Folge hat. Neben dem Verlust an Muskelmasse verschiebt sich die Muskelfaserzusammensetzung. Generell atrophieren Muskelfasern vom Typ I rascher als jene vom Typ II. Allerdings ist zu beachten, dass Muskelruhigstellungen in gebeugter Stellung auch die Rückbildung von Typ II-Fasern fördern.

Leistungsfähigkeit und Schmerz

Natürlich betreffen immobilitätsbedingte Rückbildungen auch das kardio-pulmonale System mit einer entsprechenden Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit. Derzeit werden verletzungsbedingte Schmerzen in ihrem schädlichen Einfluss auf die körperliche Leistungsfähigkeit noch deutlich unterschätzt. Aus zahlreichen Untersuchungen ist mittlerweile bekannt, dass Schmerzen nach Traumata signifikant mit der Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit korrelieren. So ändert etwa Muskelschmerz die lokale Ermüdbarkeit, Knieschmerzen beeinflussen die sensomotorische Leistungsfähigkeit des Gelenks und komplexe Bewegungsmuster werden durch Schmerzen nachhaltig gestört. Umgekehrt zeigen Untersuchungen, dass eine suffiziente Schmerztherapie die sensomotorische Leistungsfähigkeit der verletzten Struktur deutlich verbessert.

Weitere Daten zeigen, dass es ab einer belastungsinduzierten Schmerzintensität von fünf (auf der visuellen Analogskala) bei über zwei Drittel der Patienten zu schmerzbedingter Therapiemodifikation bei der frühfunktionellen Nachbehandlung kommt. Daher sollte in der Rehabilitation von Sportlern nicht nur der Ruheschmerz regelmäßig erfasst werden, sondern auch der Belastungsschmerz. Natürlich darf eine wirksame Schmerztherapie nicht zur Überlastung der verletzten Struktur verleiten.

Generell ist bei der Rehabilitation nach Sportverletzungen eine frühzeitige und aggressive Rehabilitation notwendig, sportarztspezifische Bewegungsmuster sollen dabei möglichst frühzeitig in den Rehabilitationsprozess eingebracht werden. Allerdings müssen die eingesetzten Stimuli in ihrer Intensität an die Belastbarkeit der verletzten Strukturen angepasst werden. Die schwächste Struktur ist hier der limitierende Faktor.

Rehabilitation ist Teamarbeit

Ein gut funktionierendes und kommunizierendes Team unter der Leitung eines entsprechend ausgebildeten Arztes ist die Grundvoraussetzung für einen Rehabilitationserfolg. Der verletzte Sportler sollte Teil des Teams sein, da er über seine sportartspezifischen Anforderungen am besten Bescheid weiß.

Phasen der Rehabilitation

Die gesetzmäßig ablaufenden Phasen der Gewebsheilung bieten einen guten Anhaltspunkt, um die Rehabilitation in ihren Inhalten und Umfängen stadiengerecht zu definieren.

Phase I: (Tag 0-5): Bei dieser vaskulären und zellulären Phase der Gewebsheilung steht die Kontrolle der Entzündungsreaktion mit der bestmöglichen Verhinderung von Verklebungen und eine optimale Schmerztherapie im Vordergrund. Neben Ruhigstellung, Krytherapie, Kompression und Hochlagerung sind physikalische Therapiemodalitäten und die Medikation entscheidend. Bereits in dieser Phase kann Augenmerk auf den Funktionserhalter der nicht verletzten Struktur gelegt werden.

Phase II: (Tag 5-21): Bei der sogenannten Proliferationsphase gibt es folgende Rehabilitationsziele: Stimulation von funktionell ausgerichteten Bindegewebsfasern; die Umwandlung des Collagentyps III in den belastungsstabileren Collagentyp I; Erarbeitung einer entsprechenden Gelenksbeweglichkeit mithilfe angepasster Belastung. Freilich werden diese Vorgaben weiterhin von einer optimalen Schmerztherapie flankiert.

Die Gewebsheilung wird durch Elektrotherapie und Ultraschall unterstützt. Schwellungen werden durch diverse Maßnahmen (inkl. manueller Lymphdrainage) kontrolliert. Eine Beweglichkeitsverbesserung wird mittels Bewegungsschiene und zunehmend aktive Bewegungsübungen (hier können bereits sportartspezifische Bewegungsmuster herangezogen werden) erreicht.

Ein Unterwassertherapiebecken bewährt sich durch verschiedene Eintauchtiefen, da die Belastung der verletzten Struktur sehr gut reguliert werden kann. Die Knochenheilung kann durch gepulste elektromagnetische Felder unterstützt werden. Die Atrophie der Skelettmuskulatur wird mithilfe neuromuskulärer Elektrostimulation hintangehalten, entsprechende Geräte werden den Patienten nach Einschulung mitgegeben, um adäquat lange Behandlungszeiten erzielen zu können. Je nach Sportarzt können Stimulationen mit 50 Hertz zur Muskelhypertrophie und Stimulationen mit 15 Hertz zu Verbesserung der muskulären Ausdauer angewendet werden.

Phase III (Tag 21-60): In der Umbau- und Konsultierungsphase sollte vor allem die Belastbarkeit des colingenen Bindegewebes weiter erhöht werden. Nach sechs bis zehn Wochen kann von einer Zugbelastung des Bindegewebes von 60 Prozent eines intakten Gewebes ausgegangen werden. Belastungen des täglichen Lebens sollten schmerzfrei bewältigbar sein. Mithilfe konsequenter Übungen und zunehmender Belastung sollten alle Komponenten des muskuloskelettalen Apparates im Sinn von Belastbarkeit, (Elastizität, Kraft, Ausdauer und sensomotorischer Steuerung) verbessert werden. Im Krafttraining wird zunächst auf die Kraftausdauer abgezielt. Unter Beachtung fehlender Schmerz- oder Schwellungsprovokation wird die Kraftbelastung zunehmend gesteigert. Die sensomotorische Therapie bedient sich labiler Therapiegeräte und stellt einen fließenden Übergang zu sportartspezfischen Bewegungsmustern dar.

Sanfter Übergang

Die Phase IV, die Organisations- oder Umbauphase beginnt ab dem 60. Tag. Mit fortschreitender Belastbarkeit wird die medizinische Bewegungstherapie zunehmend wichtig. Die betroffene Struktur wird durch systematisches Training auf die sportartspezifischen Belastungen vorbereitet, während ergänzende physikalische und medikamentöse Therapien in den Hintergrund treten. In dieser Phase ist ein fließender Übergang in das sportarztspezifische Training und konsekutiv in den sportlichen Wettkampf zu planen.

Die völlige funktionelle Wiederherstellung kann durch entsprechende Diagnostik überprüft werden. So sollte in einer Dynamometrie zumindest 90 Prozent der muskulären Leistungsfähigkeit der unverletzten Gegenseite erreicht werden.

Schlussendlich bestimmen die sportarztspezifischen Leistungstests den Erfolg der gesamten Versorgungskette der Sportler von der Akutversorgung bis zum Abschluss der Rehabilitation.

Vorschau 2010 und Rückblick: www.sportärztewoche.com

Prim. Prof. Dr. Michael Quittan, MSc, FEBPRM ist am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Sozialmedizinisches Zentrum Süd - Kaiser-Franz-Josef-Spital mit Gottfried von Preyer‘schem Kinderspital und Geriatriezentrum Favoriten tätig.

Von Prim. Prof. Dr. Michael Quittan, Ärzte Woche 5 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben