zur Navigation zum Inhalt
Nahrungsergänzungsmittel liegen nicht erst seit kurzem im Trend. Das Internet befördert ihre Verbreitung – nicht immer zum Vorteil der Sportler.
 
 
SportÃrztewoche 2010 2. Februar 2010

Die Angst des Tormanns vor dem Defizit

Nahrungssupplemente zur Leistungssteigerung sind nur bei intensiver Aktivität sinnvoll.

Viele Amateur- und Profisportler nehmen aus Angst vor einem Nährstoffdefizit und einer damit verbundenen Leistungseinbuße, aber auch für eine verbesserte Körperoptik unkontrolliert Nahrungsergänzungsmittel zu sich. Die Verantwortung für seine Gesundheit trägt jeder Sportler selbst, er sollte daher Nahrungsergänzungsmittel nur in Absprache mit seinem Betreuer, am besten mit seinem Arzt, einsetzen. Bestellungen aus dem Internet und von unbekannten Produzenten bergen immer das Risiko einer Verunreinigung mit Dopingsubstanzen und sollten vermieden werden.

 

Die richtige Ernährung des Sportlers ist eine wichtige Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit im Training und den Erfolg im Wettkampf. Erhält der Körper nicht die entsprechende Nahrung, so drohen rasche Ermüdung, nachlassende Konzentration sowie eine spürbare Leistungsverminderung im Wettkampf. Als Basisernährung für jeden Sportler gilt die Empfehlung der Lebensmittelpyramide, wie beispielsweise der Lebensmittelpyramide der Schweizer Gesellschaft für Ernährung (SGE 2005; www.sfsn.ethz.ch). Diese wurde im Jahr 2008 vom Swiss Forum for Sport Nutrition um den Aspekt „Mehrbedarf an Energie und Nährstoffen verursacht durch sportliche Aktivität“ erweitert.

Unkontrolliert und häufig

Viele Sportler glauben jedoch, ohne Nahrungsergänzungsmittel keine optimale Leistung erbringen zu können. Die Angst vor Nährstoffdefiziten und damit verbundenen Leistungseinbußen führt oft zu deren unkontrollierter Anwendung. Ebenso forciert diese Furcht die Suche nach einem Präparat, das die anderen Sportler noch nicht verwenden. Dabei wird die Hoffnung genährt, den „entscheidenden Vorteil“ zu erzielen.

Bei geringer Energiezufuhr, intensiven Trainingsphasen, im Trainingslager oder im Wettkampf kann der gezielte Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln sinnvoll sein. Anlässlich der Olympischen Winterspiele in Turin wurden Sportler vom IMSB–Olympiazentrum Südstadt befragt, woher sie die Empfehlung erhielten, ein Nahrungsergänzungsmittel zu verwenden. Die Hälfte der Athleten gab ihren Trainer an.

Dabei lockt sicher auch das ständig wachsende Angebot von Nahrungsergänzungsmitteln. Die Zunahme neuer Produkte ist dabei primär von Marketinggesichtspunkten geprägt und nur selten von Fragen der physiologischen Sinnhaftig- oder Notwendigkeit. Diese Entwicklung erfordert eine gezielte Aufklärung der Sportler, um eventuelle Nebenwirkungen und Probleme zu vermeiden. Die häufigsten Motive für die Einnahme von Supplementen sind der Wunsch nach verbesserter Leistung (74%) und verbesserter Körperoptik (61%). Der häufigste Grund für den Verzicht sind Bedenken bezüglich ihrer Sicherheit.

Unseriöse Anbieter

Nationale und internationale Studien, wie etwa eine vom IOC geförderte Studie des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, haben indes gezeigt, dass bis zu 26 Prozent der am Markt befindlichen Produkte mit anabol-androgenen Steroiden (Prohormonen) vermengt waren. Als Hauptgründe für diese Kontamination werden unzureichende Standards bei der Herstellung und der Qualitätskontrolle vermutet.

Nahrungsergänzungsmittel sollen die normale Ernährung ergänzen und bestehen aus Nährstoffkonzentraten bzw. Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung. Sie werden in dosierter Form vertrieben, das heißt in Form von Kapseln, Pastillen, Tabletten, Pillen und ähnlichen Darreichungsformen, aber auch in Pulverbeuteln, Flüssigampullen, Flaschen mit Tropfeinsätzen etc. In Österreich wird das Inverkehrbringen von Nahrungsergänzungsmitteln von der Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NEMV) geregelt.

In Anlehnung an das Australische Institut für Sport hat die ETH-Zürich (eidgenössische Technische Hochschule Zürich) gemeinsam mit dem Bundesamt für Sport in Magglingen einen Supplementguide erstellt. Dabei wurde versucht, die Nahrungsergänzungsmittel anhand ihres leistungsbeeinflussenden Potenzials in Klassen von A bis F einzuteilen (siehe Kasten Seite 10)

Häufig verwendete Nahrungsergänzungsmittel (NEM)

NEM-Kohlenhydratpräparate (A-Supplement): Kohlenhydrate (KH) sind für den Sportler perfekte Energielieferanten sowohl für die körperliche als auch die geistige Leistungsfähigkeit. Vor allem bei längeren Belastungen sollten KH auch während der Belastung zugeführt werden. Eine gute Möglichkeit bieten KH-Konzentrate, die es in Form von Gels, Pulver, Riegel und Drinks gibt. Am häufigsten werden Kohlenhydrate über Sportgetränke zugeführt. Die Anforderung an ein Sportgetränk sind die Förderung der freiwilligen Flüssigkeitsaufnahme, die Stimulation der schnellen Flüssigkeitsaufnahme (Kohlenhydratanteil, Elektrolyte), die Bereitstellung verschiedener Kohlenhydratarten mit dem Ziel der maximalen Aufnahme, die Verbesserung verschiedener Stoffwechselfunktionen (Blutzucker, Immunsystem, Entzündungsstoffwechsel, Natriumstoffwechsel) sowie die schnellere Wiederauffüllung verlorener Flüssigkeit.

Verwendet man nur eine Kohlenhydratquelle im Getränk, können maximal 1,0 bis 1,1 Gramm Kohlenhydrate pro Minute verstoffwechselt werden – selbst bei Bereitstellung der dreifachen Menge pro Minute erhöht sich die Kohlenhydratverbrennungsrate nicht. Begründet wird dies durch die begrenzten Transportsysteme im Darm. Durch eine Kombination von verschiedenen Kohlenhydratarten, insbesondere einer Kombination von Glukose und Fruktose zu gleichen Teilen, kann die Aufnahme und Verbrennungsrate auf 1,75 Gramm Kohlenhydrate pro Minute gesteigert werden.

Starke Proteine

NEM- Eiweiß/Protein (C-Supplement): Eiweißpräparate gibt es ebenfalls als Riegel, in Pulver-, Kapsel- oder in flüssiger Form. Sie werden meistens aus Molke, Milch, Soja und Hühnereiweiß hergestellt. Viele Athleten erwarten sich eine optimale Unterstützung zum Muskelaufbau. Aus Ernährungsanalysen weiß man, dass die österreichische Bevölkerung täglich durchschnittlich 1,2 Gramm Eiweiß (EW) pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nimmt. Kasein führt zu langsam steigenden, länger anhaltenden Aminosäue (AS)-Werten im Blut. Hingegen ist Molkeprotein zwar schneller verfügbar, jedoch scheint Kasein den Gesamtkörperproteinaufbau stärker zu beeinflussen. Beide Stoffe stimulieren auf ähnliche Weise den Eiweißaufbau in der Muskulatur.

Weitere Einflussfaktoren auf die Proteinsynthese sind der Zeitpunkt der Proteinzufuhr in Relation zu einer körperlichen Aktivität (eine Zufuhr unmittelbar vor oder nach dem Training führt zu stärkerer Proteinsynthese in der Nachbelastung), der zelluläre Hydrationsstatus (eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist Voraussetzung für die Proteinsynthese) sowie eine positive Energiebilanz (bei unzureichender Energiezufuhr wird durch Proteinabbau kaum eine optimale Proteinsynthese erfolgen können, um einen Mangel an Energie zu decken).

Die drei verzweigtkettigen Aminosäuren (BCAA) – Leucin, Isoleucin und Valin – zählen zur Gruppe der essentiellen Aminosäuren und können vom Körper nicht synthetisiert werden. BCAA sind Hauptbestandteil der Skelettmuskulatur. Aber auch im Blut finden sich verzweigtkettige Aminosäuren. In der Nahrung sind sie verstärkt in Emmentaler Käse (vollfett), magerem Rindsfilet, magerem Fischfilet, in Hülsenfrüchten und in Hühnerschenkeln zu finden.

Kommt es zu einem Abbau der Glykogendepots im Muskel und zum Absinken des Blutzuckerspiegels, beispielsweise durch Ausdauerbelastung, setzt die Glukoneogenese aus Protein ein. Dazu werden vor allem verzweigtkettige Aminosäuren aus dem Blut in die Muskelzellen aufgenommen.

Glutamin trägt wesentlich zur Stärkung des Immunsystems bei. Es dient insbesondere als Brennstoff in den Zellen des Immunsystems.

Nach längerer Belastung kommt es zu einer Abnahme der Plasmaglutaminkonzentration sowie zu vermehrten Infekten. Bei langen Ausdauereinheiten ist die Zufuhr einer Menge von 0,1 bis 0,3 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht für einige Wochen möglich.

Top-Energielieferant Kreatin

NEM-KH-EW-Präparat (B-Supplement): Die Aufnahme von Kohlenhydraten in Kombination mit Eiweiß im Verhältnis 3:1 vor einer Belastung erhöht den Muskelaufbau in größerem Ausmaß als entsprechende Mengen, die nach der Belastung eingenommen werden, bzw. wenn nur Eiweiß zugeführt wird. Im Handel gibt es bereits zahlreiche Präparate, die je nach Verträglichkeit mit Wasser oder Magermilch zubereitet werden. Nach der Belastung fördern sie die Regeneration.

NEM-Kreatin: (B-Supplement): Kreatin ist eine in Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse aus den Aminosäuren Glycin, Arginin und Methionen synthetisierte Stickstoffverbindung. Das in der Nahrung enthaltene oder supplementierte Kreatin wird im Dünndarm intakt und vollständig absorbiert und gelangt über die Blutbahn in Organe wie Muskulatur (95 Prozent des Gesamtkreatinpools), Herz, Hirn und Hoden, bevor es als Kreatinin über die Niere wieder ausgeschieden wird. Der Tagesbedarf beträgt etwa zwei bis drei Gramm bei einem Gesamtkörperpool von etwa 120 Gramm. Der Tagesbedarf wird zur Hälfte über die Nahrung und zur anderen Hälfte über die Eigensynthese gedeckt. Fisch und Fleisch weisen 0,5 Gramm pro 100 Gramm Lebensmittel auf.

Kreatinphosphat dient im Rahmen der Energiebereitstellung zur Resynthese für das ATP für Belastungen von etwa zehn Sekunden. Eine höhere Zufuhr von Kreatin wirkt sich positiv als größere Speichermenge der energiereichen Phosphate aus. Positive leistungssteigernde Effekte können sich bei hochintensiven, sich wiederholenden Belastungen von weniger als 30 Sekunden einstellen sowie bei Aktivitäten von mehr als 30 Sekunden Dauer, die phasenweise im anaeroben Bereich stattfinden (Spielsportarten). Zu möglichen Nebenwirkungen zählen vor allem eine Körpermassezunahme sowie Muskelkrämpfe. Jugendlichen Sportlern wird die Einnahme von Kreatin nicht empfohlen.

Antagonistischer Kaffee

Eine Kreatineinnahme in mehreren Einzeldosen soll zu konstanten, erhöhten Blutkreatinwerten führen und die Absorption in die Muskelzellen stimulieren. Der aktive natriumabhängige Kreatintransport in die Muskelzelle, scheint durch Insulin verbessert, bei Vitamin E-Mangel dagegen reduziert zu sein. Kreatinmonohydrat, kombiniert mit schnell verfügbaren Kohlenhydraten mit hohem glykämischen Index (>35 bis 90 Gramm), können den Transport verbessern, fünf Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpermasse scheinen den leistungssteigernden Effekt des Kreatins hingegen aufzuheben. Eine Supplementierung erfolgt meist nach zwei verschiedenen Einnahmeschemen.

  • Die Fast-load-Variante: Begonnen wird mit einer Ladephase von 0,3 Gramm Kreatin pro Kilogramm Körpermasse täglich, aufgeteilt auf vier bis fünf Einzeldosen, kombiniert mit ca. 2,5 Deziliter kohlenhydratreicher Flüssigkeit für eine Dauer von fünf bis sieben Tage. Danach folgt eine Erhaltungsphase mit drei Gramm Kreatin pro Tag, aufgeteilt auf zwei bis drei Einzeldosen für eine Dauer von sechs bis acht Wochen mit einer anschließenden Absetzphase von drei bis vier Wochen.
  • Die Slow-load-Variante: Hier werden drei bis fünf Gramm Kreatin pro Tag, aufgeteilt auf drei Einzeldosen, kombiniert mit etwa 2,5 Deziliter kohlenhydratreicher Flüssigkeit, für eine Dauer von rund vier Wochen eingenommen. In der anschließenden Erhaltungsphase werden drei Gramm Kreatin pro Tag, aufgeteilt auf zwei bis drei Einzeldosen für eine Dauer von vier Wochen eingenommen – wiederum mit einer Absetzphase von drei bis vier Wochen.

NEM- L-Carnitin (C-Supplement): Carnitin wird im Körper aus den essentiellen Aminsosäuren Methionin und Lysin sowie den Kofaktoren Vitamin C, B6, Niacin und Eisen gebildet. In Lebensmitteln ist es vorwiegend im Fleisch enthalten.

Langkettige Fettsäuren werden aus der Zellflüssigkeit in die Mitochondrien geschleust. Dieser aktive, durch die Zellwand der Zellorganellen stattfindende Transport ist zwingend auf die Koppelung an verschiedene Carnitin-abhängige Enzyme (Carnitintransferase, Carnitintranslokase) angewiesen. In den Mitochondrien werden die langkettigen Fettsäuren vom Carnitin abgekoppelt und zur Energiebereitstellung über die Betaoxidation genutzt. Carnitin wird in die Zellflüssigkeit zurücktransportiert und ist so für weitere Transportvorgänge wieder verfügbar. Außer bei einem Mangel (wie er bei körperlich sehr aktiven, sich vegan ernährenden Personen auftreten kann, oder die unerklärlich hohe Muskelschäden nach Belastungen aufweisen und zu wenig Eiweiß aufnehmen bzw. einen Mikronährstoffmangel haben) bewirkt eine zusätzliche Einnahme über NEM somit keine Verbesserung des Fettstoffwechsels.

Carnitin als Förderer der Regeneration?

Eine Carnitin-Supplementation von etwa drei Gramm pro Tag, begrenzt auf einige Wochen, kann bei einem Mangel in Betracht gezogen werden. Ob Carnitin die Regeneration beschleunigt, muss erst in weiteren Studien bestätigt werden.

 

Bernadette Wegscheider, MSc, ist Diaetologin und an der Abteilung Ernährungsmedizin der Universitätsklinik Innsbruck tätig.

Vorschau 2010 und Rückblick: Die SportÄrzteWoche

Supplementeinteilungskriterien der ETH-Zürich
A = Aufgrund verschiedener, an gesunden und nicht mangelernährten sowie trainierten Menschen durchgeführten Studien ist bei adäquater Anwendung und Dosierung eine direkte (schnell eintretende) positive Leistungsbeeinflussung wahrscheinlich.
B = Aufgrund verschiedener, an gesunden und nicht mangelernährten sowie trainierten Menschen durchgeführten Studien ist bei adäquater Anwendung und Dosierung eine indirekte (zeitlich verzögerte) Leistungsbeeinflussung wahrscheinlich.
C = Aufgrund verschiedener, an gesunden und nicht mangelernährten sowie trainierten Menschen durchgeführten Studien ist bei adäquater Anwendung und Dosierung eine direkte (schnell eintretende) oder indirekte (zeitlich verzögerte) positive Leistungsbeeinflussung zwar möglich. Dies wird aber derzeit kontrovers diskutiert.
D = Die Substanz steht auf der Dopingliste.
E = Aufgrund verschiedener, an gesunden und nicht mangelernährten sowie trainierten Menschen durchgeführten Studien ist bei adäquater Anwendung und Dosierung weder eine direkte oder indirekte positive Leistungsbeeinflussung wahrscheinlich.
F = Aufgrund der bisher an gesunden und nicht mangelernährten sowie trainierten Menschen durchgeführten Studien sind bei nicht adäquater Anwendung und Dosierung eine negative Leistungsbeeinflussung oder Nebenwirkungen nicht auszuschließen.
Fazit
Einige Grundsätze sollten bei einer Supplementierung unbedingt beachtet werden: Jeder Sportler hat eine Eigenverantwortung und die langfristige Gesundheit des Athleten sollte immer im Mittelpunkt stehen. Um das Verunreinigungsrisiko mit Dopingsubstanzen möglichst zu minimieren, sollte auf Bestellungen aus dem Internet und von unbekannten Produzenten verzichtet werden. Ein individueller, gezielter Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln sollte mit dem betreuenden Umfeld (Arzt, Ernährungsfachkraft) besprochen werden.

Von Bernadette Wegscheider, MSc., Ärzte Woche 5 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben