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SportÃrztewoche 2010 29. Jänner 2010

Die Lawinenwoche: Sind Risk & Fun zwei untrennbare Gesellen?

Trotz eindringlicher Lawinenwarnungen forderte die erste Semesterferienwoche bis heute elf Todesopfer. Experten rechnen, dass die Zahl der tödlich Verunglückten auch diese Woche noch steigen wird. Während der diesjährigen SportÄrzteWoche ging Univ.-Prof. Dr. Günter Amesberger den psychologischen Aspekten des Spaß-und Risikoverhalten nach.

In unserer Wohlstandsgesellschaft bleibt uns heute viel mehr Zeit zur Freizeitgestaltung. Pointiert formuliert, kann man sagen, dass die Freizeit für zwei Hauptbeschäftigungen genutzt wird: zum einen für Ruhe, Entspannung und Erholung, zum anderen für Situationen, um den durchstrukturierten, mehr oder weniger digital und kognitiv bestimmten Alltag zu durchbrechen.

Die Suche nach Erlebnis, Abenteuer und Risiko scheint ein Versuch zu sein, trance- oder flowähnliche  Zustände zu erreichen, in denen man „total aufgehen“ kann. Wer allerdings glaubt, dass vor allem „wilde Haudegen“ diesen Kick suchen, der irrt.

Wagnis versus Abenteuer, Gefahr versus Risiko

Was ist Risiko-Sport? Der Bundesverband der Unfallkassen definiert: „Hierbei handelt es sich um die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines bestimmten Schadens.“ Nach dieser Definition zählen Ballspiele zu den risikoreichsten Sportarten. Aber auch schwere Motorradunfälle, von „sportlichen“ Motoradfahrern mit „Sportmotorrädern“ verursacht, könnten dazugezählt werden. Deshalb ist eine Trennung zwischen Wagnis/Abenteuer und Gefahren/Risiken für eine differenzierte Betrachtung wichtig.

Die Schwierigkeit der Klassifizierung

Wie schwierig es ist, Sportarten zu klassifizieren, zeigt ein einfacher Vergleich: Die Gefahr beim Klettern an Sportkletterwänden mit voller Ausrüstung unterscheidet sich fundamental von der beim Freesolo Klettern. Somit lässt sich sagen: Gefahren und Risiken werden aus ganz unterschiedlichen Gründen eingegangen.

Risiko als Freude an Extremen

Beim Skilauf etwa aus Unwissenheit, aus Freude an der Bewegung oder aus Lust an der Herausforderung, wie das bei bestimmten Freerider-Aktivitäten immer wieder anzutreffen ist.

Nicht immer nehmen SportlerInnen dabei die Sicherheitskompetenz selbst in die Hand. Beim Bungeejumping oder Raften hängt es zumeist von Dritten (Experten) ab, dass alles gut geht, darauf weist Bette in seiner Ermächtigungshypothese eindrucksvoll hin.  

Gefahr – „Just for fun“

 „Extremsportler sind offensichtlich hin- und hergerissen zwischen innerer Unruhe und äußerer Rastlosigkeit, zwischen der Suche nach Identität und der Bereitschaft, dafür Risiken einzugehen. Sie haben eine Lebenshaltung, wie sie insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene charakteristisch ist, die dementsprechend im Extrembereich überrepräsentiert ist“, so Opaschowski (2000) unter der Kapitelüberschrift „just for fun“.

Wie lassen sich Extremsportler charakterisieren?

Wer vermutet, dass es sich um „wilde Haudegen“ handelt, irrt. Zwar sind ExtremsportlerInnen überwiegend männlich, doch der Frauenanteil steigt. ExtremsportlerInnen verfügen über eine überdurchschnittliche Bildung. Das Planen und Durchführen riskanter Aktionen ist zumeist von rationalen Momenten geprägt (Allmer, 1995).

In Persönlichkeitstests (16 PF) schneiden Extremsportler mit überdurchschnittlicher Intelligenz, erhöhter Aggressivität, Unabhängigkeit sowie Offenheit ab (Breivik, 1995). Freerider im Besonderen beschreiben sich als ausgesprochen extrovertiert und risikofreudig (Brennsteiner, 2007). Die tatsächlichen Unterschiede zu anderen Sportlern sind aber sehr gering. Das bedeutet, dass man aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen nur mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit (5-10%) Extremsportler von anderen Sportlern unterscheiden kann.

Spannung durch neue Erfahrungen

Erhöhte Werte werden in den Dimensionen „Thrill and Adventure seeking“  (Spannung und Abenteuersuche) sowie „Experience seeking“ (erweiternde Erfahrungen durch interessante Leute, Stimulation durch Musik, Kultur, Reisen, Drogen) berichtet. Keine Unterschiede hingegen finden sich in den Dimensionen „Disinhibition Scale“ (Party, trinken, spielen, sexuelle Vielfalt) und „Bordom Susceptibility“ (Widerstand gegen wiederholende, langweilige Tätigkeiten) (Breivik, 1995).

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Brennsteiner (2007) am konkreten Beispiel der Ski- und Snowboard-Freerider. Im Vergleich zu „low-risk“-Sportlern weisen „high-risk“-Sportler erhöhte „sensation-seeking“-Merkmale auf. Sie verfügen über eine erhöhte physische Risikobereitschaft, während in unspezifischen Bereichen (finanzielle Risikobereitschaft) keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen bestehen.

Warum Abenteuer, Wagnis, Risiko und Grenzerfahrungen aufgesucht werden, findet viele Erklärungen:

Der Ansatz von V. E. Frankl (Gründer der Logotherapie) geht davon aus, dass der Mensch nicht grundsätzlich darauf angelegt ist, Spannungen zu vermeiden. Er sucht Spannung. Gegenwärtig findet er aber zu wenig. Daher schafft er sie sich.

Streben nach Selbstverwirklichung - „Motor“ Angst

„Ich habe mit dem Klettern begonnen, weil ich mich davor gefürchtet habe.“ Defizitorientierte, zumeist analytische Ansätze sehen die Grundlage der Risikosuche in psychodynamischen Aspekten, wie verdrängter Angst oder  Überwindungsversuchen von Minderwertigkeit. „Ich will das Gefühl haben, stärker als meine Angst zu sein, deswegen begebe ich mich immer wieder in Situationen, in denen ich ihr begegne, um sie zu überwinden.“ (Messner)

Wachstumsorientierte, humanistische Ansätze sehen hingegen den Menschen auf Entwicklung angelegt, weshalb er ständig nach Neuem und Selbstverwirklichung strebe. Der Wunsch nach Flow-Erfahrungen stelle hier ebenfalls eine wesentliche Dimension dar.

Beta-Endorphine und Identitätsschwäche

Psychophysiologische Ansätze betonen hingegen die vermehrte Ausschüttung von Beta-Endorphinen als Motivationsgrundlage.

Sozialisationstheoretisch betrachtet, ist das Risiko ein Mittel zur Identifikation insbesondere bei Identitätsschwäche. Nach K.-H. Bette (2004) stellt der Abenteuer- und Extremsport Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung, in denen Menschen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten im Zentrum des Entscheidens stehen. Die Eigengesetzlichkeit außergesellschaftlicher Größen (Berge, Meere oder Wüsten) verdichtet diese, gerade weil sie nicht sinnhaft gesteuert sind, als Fluchtpunkte für die Erzeugung und Stabilisierung von Sinn. Menschen riskieren Kopf und Kragen, um sich sozial sichtbar zu machen und den Nimbus der Einzigartigkeit zu erlangen.

Vorschau 2010 und Rückblick: www.sportärztewoche.com

Univ.-Prof. Dr. Günter Amesberger

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