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Foto: ©iStockphoto.com/raclro / Ärzte-Woche-Montage
 
Sport�rztewoche 2010 2. Februar 2011

Semesterferien: „Schifahren ist Kniefahren“

Beim Carven bedarf es einer konsequenten und nachhaltigen Vorbereitungsphase. Dr. Manuel Sabeti Aschraf

Schifahren ist ein weltweit etablierter und beliebter Wintersport. Der große Reiz dabei liegt wohl einerseits darin, die winterliche Natur genießen zu können und andererseits durch eben selbige talwärts zu fahren. Die allgemeine körperliche Verfassung spielt gerade beim Schifahren eine elementare Rolle, um Verletzungen zu vermeiden, wobei das Kniegelenk seit vielen Jahren die Liste der am häufigsten verletzten Gelenke anführt.

 

Um die Wende des 19. Jahrhunderts wurden in Europa die ersten Schier entwickelt. Die frühesten Aufzeichnungen vom Schneetreten in Form von Holzlatten datieren von 2500 v.Chr. 1905 wurde in Lilienfeld der erste Schitorlauf der Welt abgehalten. Seither haben sich sowohl die Fahrtechnik als auch das Material verbessert. Trotz stetig steigender Zahl der Alpin-Wintersportler ist die Zahl der Verletzten rückläufig. Die Art und die Schwere der Verletzungen haben sich aber dramatisch zu Ungunsten der Athleten entwickelt. Gründe dafür liegen vor allem im eigenverantwortlichen Bereich der Betroffenen: unangepasste Geschwindigkeit und Fehleinschätzung des eigenen Vermögens, fehlende Fitness, Übermüdung, Alkohol etc.

Carving Schier: Schwere Knieverletzungen nehmen zu

Die Carving Schier werden zu Unrecht beschuldigt, die Unfallstatistik negativ zu beeinflussen, denn die Anzahl der Unfälle hat sich seit Anfang der 70er-Jahre halbiert. Die Rate an schweren Knieverletzungen ist jedoch seit Einführung der Carver stark gestiegen.

Der Vorteil der Carving Schier liegt in ihrer hohen Drehfreudigkeit, bedingt durch die kurze Schilänge und die stärkere Taillierung. Durch Aufkanten des Schis kann so ein rascher Richtungswechsel eingeleitet werden. Der Nachteil der Carver liegt darin, dass bei unkontrolliertem Kantendruck der Schi blitzartig die Richtung ändern kann. Der Carving-Stil braucht aber im Vergleich zum „klassischen“ Stil wesentlich mehr Körpereinsatz. Denn die im klassischen Stil benötigte vertikale Belastung wird beim Carven gegen eine horizontale Belastung getauscht. Es sind also beim Carven Hüft- und Kniegelenke und die entsprechenden Muskelgruppen wesentlich höheren Anforderungen ausgesetzt. Um diese Bewegung und das gleichzeitige Belasten beider Schikanten zu erreichen, sind ein großes Maß an Kraft/Ausdauer, Laktattoleranz und sehr gute sensomotorische Kapazität gefragt. Es bedarf also einer konsequenten und nachhaltigen Vorbereitungsphase, um die Kniegelenke an diese Anforderungen anzupassen.

Vordere Kreuzbandruptur – eine stets präsente Verletzung

Das Kniegelenk ist in mehr als 30 Prozent jenes Gelenk, welches durch diese Faktoren zum Teil schwer geschädigt wird. Eine wesentliche und medial stets präsente Verletzung stellt die vordere Kreuzbandruptur (VKBR) dar. Die normale Reißfestigkeit eines gesunden Kreuzbandes liegt zwischen 1200-2500N.

In der Normalbevölkerung liegt die Rate, eine VKBR zu erleiden, bei 0.5-2/1000 pro Jahr verglichen mit 85/1000/ Jahr bei Schirennläufern. Es ist erwiesen, dass durch eine VKBR mit konsekutiver anterior-posterioren Instabilität eine signifikante Disposition zur Arthrose besteht. Hinzu kommen die Begleitverletzungen, die zusammen mit dem Kreuzbandschaden exakt evaluiert und individuell behandelt werden müssen (z.B.: Un-happy Traid: VKBR+ mediale Seitenbandruptur+ mediale Meniskusruptur).

Synergistische Wirkung

Betrachtet man das VKB biomechanisch genauer, so werden im Wesentlichen zwei funktionell unterschiedliche und synergistisch wirkende Bündel beschrieben. Das längere und kräftigere anteromediale (AM) und das posterolaterale (PL) Bündel (die Nomenklatur ergibt sich aus der femoralen Ansatzposition). Das AM-Bündel stabilisiert das Knie vor allem gegen einen vorderen Vorschub und ist in Streckstellung gespannt. Das PL-Bündel hingegen stabilisiert vor allem die Rotation des Schienbeinkopfes. So ist leicht erklärt, warum partiell gerissene Kreuzbänder (also entweder AM- oder PL- Bündel) in manchen Fällen eine ausreichende Reststabilität haben, also nach individueller Beurteilung der Patientensituation keine Operationsindikation gestellt werden muss.

Chondropathia Patellae – ein weiteres häufiges Problem

Ein anderes sehr häufig zu beobachtendes Problem stellt der vordere Knieschmerz im Sinne einer Chondropathia Patellae des Schifahrers dar. Grund für dieses Syndrom sind die für die Patella ungewohnten hohen Anpress- und Friktionskräfte am femoro-patellaren Gleitlager.

Dynamisches Schifahren kann nur mit gebeugten Kniegelenken stattfinden. Dem Vastus medialis ist hierbei große Aufmerksamkeit zu schenken. Einerseits wirkt er als kräftiger Kniestrecker, andererseits wirkt er stark steuernd auf das mediolaterale Gleitverhalten der Patella. Beobachtet man Schifahrer am Anfang einer Schisaison, erkennt man häufig eine Abnahme der Beschwerden mit Zunahme der Schitage und eine Verbesserung des Trainingszustandes.

Vorbereitungsphase dringend zu empfehlen

Stürze im Schisport wird es immer geben. Den Ausgang eines Sturzes bestimmt in den allermeisten Fällen aber der Fahrer selbst. Fitness, Muskelstatus und Koordination spie-len dabei eine übergeordnete Rolle. Deshalb ist für ambitioniertes Schifahren eine Vorbereitungsphase dringend zu empfehlen, um den hohen Anforderungen auf der Piste wie im Gelände Rechnung zu tragen.

 

Dr. Manuel Sabeti Aschraf ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, Additivfach Sportorthopädie, Wien.

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