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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Wer seinen Körper trainiert, will auch sichergehen, dass sein Trainingsprogramm effektiv ist. Die Aussagekraft des Laktatspiegel-Werts ist in dieser Hinsicht gering.
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Prof. Dr. Paul Haber

Leiter der Abteilung Sport- und Leistungsmedizin, MedUni Wien

 
Sport�rztewoche 2010 2. Februar 2011

Problematische Leistungsdiagnostik

Ein einzelner Schwellenwert kann nicht als Parameter für die medizinische Bewertung der körperlichen Leistungsfähigkeit herangezogen werden.

Im Dezember des Vorjahrs nahm bei der „Sportärztewoche“ in Zell am See Prof. Dr. Paul Haber, Leiter der Abteilung Sport- und Leistungsmedizin an der Universitätsklinik Innere Medizin IV, MedUni Wien, kritisch zur Leistungsdiagnostik Stellung. Vor allem der übliche Laktattest zeige den Trainingseffekt bei Sportlern oder Patienten nur unzureichend an. Die Ärzte Woche bringt in der Folge seinen Vortrag.

 

Diagnostik ist ein Basiselement der ärztlichen Tätigkeit. Eine der Hauptmethoden, die in der Leistungsdiagnostik angewendet werden, ist die Erstellung der sogenannten Laktatleistungskurve und seine Auswertung. Kritisch ist hier anzumerken, dass ein einziger Parameter, irgendeine Art von Schwelle, als medizinisch-ärztliche Diagnostik gehandelt wird, obwohl der Parameter das nicht ist. Die Einteilungen nach den Laktatspannen in „regenerativer“ oder „stabilisierender“ Bereich sind, wie ich meine, nur ein Torso und haben nicht viel mit medizinischer Leistungsdiagnostik zu tun.

Laktatspiegel und Trainingseffekt

Ein Laktat-Steady-state (Laktat- und Herzfrequenz ändern sich nicht mehr) stellt sich nach acht Minuten einer Belastungsstufe ein, das Herz-Steady-state bereits nach zwei bis drei Minuten. Das bedeutet: Bei allen Protokollen, die Belastungsstufen anwenden, die kürzer als acht Minuten dauern, sind alle Herzfrequenzen zu hoch. Außerdem: Das Laktat, die Laktatkonzentration und vor allem der maximale Laktatspiegel werden hauptsächlich vom Glykogengehalt der Muskulatur bestimmt und haben deshalb eine hohe Schwelle. Das kann dann nur heißen, kein Glykogen in der Muskulatur zu haben, in Wirklichkeit sehr müde zu sein, erst gestern vom Trainingslager zurückgekehrt zu sein oder sich völlig falsch, nämlich kohlehydratarm, zu ernähren. Außerdem: Der Laktatspiegel hat überhaupt nichts mit dem Trainingseffekt zu tun. Wenn wir etwa den trainingswirksamen Bereich mit 50-70 Prozent der Auslastung der maximalen Leistungsfähigkeit eingrenzen, kann der Laktatspiegel drei, vier oder fünf sein. Je besser jemand trainiert ist, umso geringer wird der Laktatspiegel.

Puls zu hoch

Mit der Vorgabe „im entwickelnden und stabilisierenden Bereich sollte der Puls 160 sein“, ist der Puls zu hoch und es ist unter dieser Voraussetzung auch nicht gewährleistet, dass es wirkt. Zudem wird bei dieser Vorgabe die notwendige Belastungsdauer wahrscheinlich nicht erreicht werden können. Es gibt auch keine klinische Studie, die verschiedene Laktatspiegel hinsichtlich der Auswirkung auf das Training untersucht hat.

Die medizinische Diagnostik untersucht die Funktionsfähigkeit von Organsystemen, niemals eine sportliche Leistung, weil das keine ärztliche Aufgabe ist. Um zu wissen, wie gut ein Schwimmer 800 m schwimmt, braucht man nur eine Stoppuhr und die Motivation des Sportlers. In der medizinischen Diagnostik gibt es zwei Faktoren, die auf Training und auf Intervention enorm ansprechen: die Organik der Sauerstoffkette und die Kraft.

Kraft als Merkmal der Leistung

Die Kraft ist eigenartigerweise in der medizinischen Diagnostik bis dato praktisch nicht existent. Niemand kann ohne Kraft etwas ausüben. Sie hat eine organgestützte Funktion, um die sich die Sportärzte nicht kümmern. Das gilt aber auch für den klinischen Bereich. Ohne ausreichende Kraft können weder Beweglichkeit, noch Koordination oder Ausdauer ausreichend trainiert werden. Die Funktionskapazität der Organsysteme wird festgestellt in Reaktion auf Interventionen. Das ist die klassische Aufgabe von Ärzten. Man hat ein Organsystem und will wissen, wie es auf Intervention – und die Intervention ist Training oder auf der anderen Seite Detraining – reagiert. Es ist nicht die Feststellung der sportartspezifischen Leistungsfähigkeit.

In der Sportmedizin ist die Beratung nach der medizinischen Trainingslehre der Zweck, weil das physiologisch, wissenschaftlich begründet ist. Das ist die klassische Strategie der ärztlichen Tätigkeit: erstens Feststellung des Ist-Zustandes mit Anamnese und Diagnostik, zweitens Vergleich mit Referenzwerten. Ohne Referenzwerte gibt es keine medizinische Diagnostik.

Die österreichischen Grenzwerte haben sich in den letzten 35 Jahren gut bewährt. Unsere Erfahrung beruht auf 20.000 bis 30.000 Ergometrien. Es gibt nur eine Gruppe, wo das nicht so ist: Beijungen Frauen, die durch die Referenzwerte meist unterschätzt werden.

Der Vergleich mit dem normalen Referenzwert legt den Trainingszustand fest. Definitionsgemäß gilt er als Abweichung der individuellen Leistungsfähigkeit vom Referenzwert. Man kann nicht erwarten, dass jemand, der fünf Stunden die Woche trainiert, am Referenzwert ist. Daher haben wir es mit einem „trainingsabhängigen Erwartungswert“ zu tun, der mit der Fragestellung „Hat das Training das Erwartete gebracht?“ definiert werden muss. Dazu kommt ein weiterer Punkt der Diagnostik: der Vergleich zwischen Sportart und disziplinspezifischen Voraussetzungen. Zum Beispiel bei Ausdauerwettkämpfen auf internationalem Niveau: Bei einem 1.500-Kilometer-Lauf hat kein Mann eine Chance, der nicht mindestens 80 ml/kg Sauerstoffaufnahme hat, und keine Frau unter 70ml/kg. In der Praxis stellen wir zuerst die Defizite fest, um dann zum eigentlichen Zweck des Aufwands zu kommen, der Empfehlung für ein individuell angemessenes Trainings von Ausdauer und/oder Kraft, häufig beidem. Dazu gibt es die Leistungsdiagnostik „Ausdauer“ und die Leistungsdiagnostik „Kraft“; der Aufwand ist notwendig, um beraten zu können.

(Spiro)-Ergometrie

Die (Spiro-)Ergometrie gilt als Basismethode und ist bei gering verminderter bis zu mittelgradig guter Leistungsfähigkeit ausreichend. Anders ist das im Hochleistungssport und im sehr schwachen Bereich, wo Sportler durch die einfache Ergometrie unterschätzt werden. In diesen Bereichen empfiehlt sich die Spiro-Ergometrie. Die absolute Leistung in Watt ist körpergewichtsabhängig, drei Watt pro Kilogramm bei schlanken jungen Männern und 2,4 W/kg bei jungen, schlanken Frauen sind die österreichischen Referenzwerte für das Alter von 20 bis 35 Jahren. Häufiger wird die relative Leistung bezogen auf das Körpergewicht angegeben. Dabei wird aber übersehen, dass die relative Leistung stark negativ körpergewichtsabhängig ist: Je größer ein Mensch, umso geringer ist die relative Leistungsfähigkeit. Das ist wesentlich, da etwa ein und derselbe Messwert von 60ml/kg für einen hundert Kilogramm schweren Mann sehr viel ist, für einen Mann mit 65 kg hingegen als mittelmäßig zu werten ist. Daher lässt sich der Trainingszustand damit nicht sicher beurteilen.

Trainingszustand

Betrachtet man die Leistungsfähigkeit als Prozent des Referenzwerts, ergibt sich der Trainingszustand mit der individuellen Abweichung vom Mittelwert. Er kann in Prozenten angegeben werden, weil er unabhängig von Körpergewicht, Alter und Geschlecht ist. Die Abweichung hängt lediglich vom Trainingszustand ab.

Natürlich ändert sich mit dem Alter der Absolutwert, also zum Beispiel hat ein 70 kg-Mann mit 30 Jahren eine Leistungsfähigkeit von 210, 220 Watt, während ein 80-Jähriger mit 70 kg eine Leistungsfähigkeit von 110, 120 Watt hat. In beiden Fällen sind es aber hundert Prozent. In diesem Wert sind also alle Variablen enthalten. Bei der Ausdauer stellt die wöchentliche Netto-Trainingszeit die engste Beziehung zum Trainingszustand her und hat ein zusätzliches Nebenprodukt: Man kann auch einen Herzfrequenzbereich bestimmen.

Für die Beurteilung der Effektivität eines individuellen Trainings sind trainingsabhängige Erwartungswerte notwendig, die man beispielsweise mit einer Dosis-Wirkungsbeziehung mit der wöchentlichen Nettotrainingszeit kalkulieren kann. Pro Stunde Wochen-Nettotrainingszeit werden bei Männern zwölf Prozentpunkte der Leistungsfähigkeit dazugerechnet und bei Frauen siebzehn Prozentpunkte, weil Frauen besser trainierbar sind.

Zur Messung der Kraft kann die olympische Scheibenhantel verwendet werden. Teure Dynamometer eignen sich nicht, da diese nicht genormt sind, genauso wie Hanteln oder Krafttrainingsmaschinen. Die olympische Scheibenhantel ist weltweit genormt. Gemessen wird das „Einwiederholungsmaximum“. Jene physischen und psychischen Kräfte, die man nur einmalig und sicher kein zweites Mal bewältigen kann. Dieses Wiederholungsmaximum hat die gleiche Bedeutung wie die VO2max und ist ein Bruttokriterium. Es ist der Rahmen der Funktionsfähigkeit des Organmuskels, innerhalb dessen sich alle anderen Krafteigenschaften abspielen und mehr oder weniger stark von diesem Einwiederholungsmaximum statistisch abhängen. Das bedeutet, dass jede andere Kraftanwendung nur das nutzen kann, was durch dieses Einwiederholungsmaximum vorgegeben ist. Es gibt drei Schlüsselübungen: Bankdrücken und Bankziehen für die Schultermuskulatur und die Tiefkniebeuge für die Beinmuskulatur. Diese Messungen sollten, so wie die Spirometrie, ein- bis zweimal im Jahr durchgeführt werden.

Laktattest sinnvoll nutzen

Der Laktattest ist eine hervorragende Möglichkeit zur Evaluierung der Bewegungsökonomie (z. B. der Laufökonomie). Diese ergibt sich durch die Bewegungsgeschwindigkeit bei einem bestimmten Laktatspiegel. Ist die Bewegungsökonomie eines Schwimmers ungünstig, wird dieser trotz hoher Sauerstoffaufnahme nur eher langsam weiter kommen. Das äußert sich durch eine geringe Geschwindigkeit an einem bestimmten Laktatspiegel. Möchte man eine Bewegungsverbesserung messen, kann man das durch eine Wiederholung des Laktattests nach einem entsprechenden Bewegungstraining erreichen: Hat sich die Geschwindigkeit bei gleichem Laktatspiegel wesentlich verbessert, wurde die Bewegungsökonomie tatsächlich gesteigert. Mit dieser Methode lässt sich die Bewegungsökonomie objektivieren. Ansonsten ist der Laktattest wenig brauchbar, weil sich mit diesem kaum feststellen lässt, was mit einem Sportler tatsächlich in dieser Zeit passiert ist.

Von Prof. Dr. Paul Haber, Ärzte Woche 5 /2011

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