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Sport�rztewoche 2010 8. Dezember 2010

Leistungsdiagnostik kritisch

Vortrag von Prof. Dr. Paul Haber im Volltext: Diagnostik an sich ist ein Basiselement der ärztlichen Tätigkeit. Eine der Hauptmethoden die in der Leistungsdiagnostik angewendet werden ist die Erstellung der sogenannten Laktatleistungskurve mit den verschiedenartigsten Auswertungen. Kritisch ist hier anzumerken, dass ein einziger Parameter, also irgendeine Art von Schwelle als medizinisch, ärztliche Diagnostik gehandelt wird, obwohl dieser meiner Ansicht nach das nicht ist. Die Einteilungen, mit den Laktatspannen, wie zum Beispiel regenerativen Bereich oder stabilisierender Bereich sind, glaube ich nur ein Torso und haben nicht wirklich viel mit medizinischer Leistungsdiagnostik zu tun hat.

Laktat-steady-state

Ein Laktat – steady-state, wenn sich weder Laktat- noch Herzfrequenz ändert - stellt sich erst nach acht Minuten einer Belastungsstufe ein. Während sich das Herz-steady-state bereits nach zwei bis drei Minuten einstellt. Das heißt: Bei allen Protokollen, die Belastungsstufen anwenden, die kürzer als acht Minuten sind, sind alle Herzfrequenzen zu hoch.

Laktatkonzentration

Das zweite ist, dass das Laktat, die Laktatkonzentration und vor allem der maximale Laktatspiegel in erster Linie vom Glykogengehalt der Muskulatur bestimmt ist. Also eine hohe Schwelle haben, kann zum Beispiel nur heißen, kein Glykogen in der Muskulatur haben, in Wirklichkeit sehr müde zu sein, erst gestern vom Trainingslager zurückgekehrt zu sein, oder sich völlig falsch - nämlich kohlehydratarm zu ernähren.

Laktatspiegel zeigt nicht den Trainingseffekt

Und der dritte Punkt ist: Der Laktatspiegel hat mit dem Trainingseffekt überhaupt nichts zu tun. Wenn wir zum Beispiel den trainingswirksamen Bereich mit 50-70 Prozent der Auslastung der maximalen Leistungsfähigkeit eingrenzen, dann kann der Laktatspiegel 3, 4 oder 5 sein - je nachdem wie gut man trainiert ist. Je besser jemand trainiert ist, umso geringer wird der Laktatspiegel.

Mit der Vorgabe im entwickelnden und stabilisierenden Bereich sollte der Puls 160 sein, ist erstens der Puls zu hoch, zweitens ist überhaupt nicht gewährleistet, dass das wirkt und drittens wird die notwendige Belastungsdauer wahrscheinlich nicht erreicht werden können. Also im Grunde genommen, bedeutet das: Wenn man untersucht warum das Training beim Laktatspiegel x am aller besten sein sollte, ist das die gleiche Fragestellung wie: Warum sollte die Behandlung des Blutdruck mit so und so viel Milligramm am besten sein. Für Zweiteres gibt es klinische Studien, für das erste nicht. Es gibt keine klinische Studie, die verschiedene Laktatspiegel auf die Auswirkung auf das Training untersucht hat.

Was ist MEDIZINISCHE Leistungsdiagnostik?

Die medizinische Diagnostik untersucht die Funktionsfähigkeit von Organsystemen, niemals eine sportliche Leistung. Das ist keine ärztliche Aufgabe. Um zu wissen wie gut ein Schwimmer 800m schwimmt, braucht man nur eine Stoppuhr und die Motivation des Sportlers. In der medizinischen Diagnostik geht es hingegen um die Feststellung der Funktionskapazität von Organsystemen. Und da gibt es zwei die auf Training und auf Intervention tatsächlich enorm ansprechen: Das ist die Organik der Sauerstoffkette und die Kraft, also der aktive Bewegungsapparat.

Diagnostik2

Die Kraft ist in der Diagnostik der Medizin bis dato praktisch nicht existent. Das ist eigenartig, denn niemand kann ohne Kraft etwas ausüben. Die Kraft hat eine organgestützte Funktion, um die sich die Sportärzte nicht kümmern. Das gilt aber auch für den klinischen Bereich. Ohne ausreichender Kraft kann weder Beweglichkeit, noch Koordination oder Ausdauer ausreichend trainiert werden. Die Funktionskapazität der Organsysteme wird festgestellt in Reaktion auf Interventionen. Das ist die klassische Aufgabe von Ärzten. Man hat ein Organsystem und will wissen, wie es auf Intervention - und die Intervention ist Training oder auf der anderen Seite Detraining - reagiert. Es ist nicht die Feststellung der sportartspezifischen Leistungsfähigkeit. Das ist nämlich meistens überhaupt nicht möglich, weil die Untersuchungssituation den sportarztspezifischen Zugang bereits verhindert. Denn das Laufband ist kein Laufen zum Beispiel.

Die Grundlagen der medizinischen Trainingsberatung

Nach der Lehre der Allgemeinmedizin ist die ärztliche Beratung der Endzweck jeder ärztlichen Tätigkeit. In der Sportmedizin ist die Beratung nach der medizinischen Trainingslehre der Zweck, weil das physiologisch, wissenschaftlich begründet ist. Das ist die klassische Strategie der ärztlichen Tätigkeit, mit

1. der Feststellung des IST-Zustandes mit der Anamnese und der Diagnostik und

2. der Vergleich mit Referenzwerten Ohne Referenzwerte gibt es keine medizinische Diagnostik.

Weiß man zum Beispiel nicht, dass die Körpertemperatur normal 36,5 Grad beträgt nützt mir die Angabe „der Patient hat 38“ nichts.

Die Genese der österreichischen Grenzwerte ist richtig geschildert. Trotzdem haben sie sich in den letzten 35 Jahren wirklich gut bewährt. Unsere Erfahrung beruht auf 20- bis 30 000 Ergometrien, die bestätigen, dass diese einfach gut passen. Es gibt nur eine Gruppe, wo das nicht so ist und das sind junge Frauen, die durch die Referenzwerte meist unterschätzt werden.

Der Vergleich mit dem normalen Referenzwert legt den Trainingszustand fest. Wenn man den Trainingszustand definiert, dann ist dieser die Abweichung der persönlichen, individuellen Leistungsfähigkeit vom Referenzwert, also die Abweichung vom statistischen Mittel ist der Trainingswert und die wesentliche Information.

Der nächste Punkt ist die Feststellung von Defiziten, die Abweichung von diesem Referenzwert. Nachdem es sich um trainierende handelt wissen wir, dass das Training den Wert verändert. So kann man zum Beispiel nicht erwarten, dass jemand der 5 Stunden die Woche trainiert, am Referenzwert ist. Daher haben wir es auch mit einem „ trainingsabhängigen Erwartungswert“ zu tun, der mit der Fragestellung „Hat das Training das gebracht, was man sich davon erwarten kann?“ definiert werden muss. Das wäre eine wesentliche Information.

Dazu kommt ein weiterer Punkt der Diagnostik: Der Vergleich zwischen Sportart und disziplinspezifischen Voraussetzungen. Zum Beispiel bei Ausdauerwettkämpfen auf internationalem Niveau: Bei einem Lauf über 1500m hat kein Mann eine Chance, der nicht mindestens 80 ml Sauerstoffaufnahme pro Kilogramm hat und keine Frau unter 70ml pro Kilogramm. Natürlich ist nicht jeder dadurch vorne dabei. Man muss zusätzlich auch gut laufen können. Hier ist aber nur von den körperlichen Voraussetzungen die Rede.

In der Praxis stellen wir zuerst die Defizite fest, um dann zum eigentliche Zweck des Aufwandes zu kommen: Die Empfehlung eines individuell angemessenen Trainings von Ausdauer und/oder Kraft, häufig beides. Dazu gibt es die Leistungsdiagnostik Ausdauer und die Leistungsdiagnostik Kraft, mit einem Aufwand der notwendig ist, um beraten zu können.

Die (Spiro) - Ergometrie

Die Basismethode und der „Rolls Royce“ ist sicher die (Spiro)Ergometrie, wobei die bei gering verminderter Leistungsfähigkeit bis zur mittelgradig guter Leistungsfähigkeit ausreichend ist. Anders ist das im Hochleistungssport und im sehr schwachen Bereich, wo Sportlerdurch die einfache Ergometrie unterschätzt werden. Das heißt bei geschwächten Patienten und im Hochleistungssport empfiehlt sich die Spiroergometrie, dazwischen liegt ein breiter Bereich der Ergometrie, wo man mit Verlaufsbeobachtungen sehr gut zurecht kommt.

Absolute Leistung - relative Leistung

Die absolute Leistung in Watt ist körpergewichtsabhängig, drei Watt pro Kilogramm bei schlanken jungen Männern und 2,4 Watt pro Kilogramm bei jungen, schlanken Frauen sind zum Beispiel die österreichischen Referenzwerte für das Alter 20 bis 35 Jahren. Häufiger wird die relative Leistung bezogen auf das Körpergewicht angegeben. Dabei wird aber immer übersehen, dass die relative Leistung stark negativ körpergewichtsabhängig ist: Je größer ein Mensch wird um so geringer ist die relative Leistungsfähigkeit. Das ist wesentlich, da zum Beispiel ein und der selbe Messwert von 60ml pro Kilogramm für einen hundert Kilogramm schweren Mann sehr, sehr viel für einen 65 Kilogramm schweren Mann hingegen als mittelmäßig zu werten ist. Daher lässt sich der Trainingszustand damit nicht sicher beurteilen.

Leistungsfähigkeit als Prozent des Referenzwertes

Betrachtet man hingegen die Leistungsfähigkeit als Prozent des Referenzwertes, dann ergibt sich daraus der Trainingszustand, mit der individuelle Abweichung vom Mittelwert. Der Trainingszustand kann deshalb in Prozenten angegeben werden, weil dieser von Körpergewicht, Alter und Geschlecht unabhängig ist. Die Abweichung hängt nur vom Training ab.

Natürlich ändert sich mit dem Alter der Absolutwert, also zum Beispiel hat ein 70 kg schwerer Mann mit 30 Jahren eine Leistungsfähigkeit von 210, 220 Watt während in 80-Jähriger mit 70 kg eine Leistungsfähigkeit von 110, 120 Watt hat. In beiden Fällen sind es aber 100 Prozent. Das heißt: in diesem Wert sind alle Variablen enthalten wobei der Trainingszustand natürlich von der Trainingsdosis abhängig ist. Bei der Ausdauer stellt die wöchentliche Netto-Trainingszeit die engste Beziehung zum Trainingszustand her und hat und ein zusätzliches Nebenprodukt: Man kann auch einen Herzfrequenzbereich bestimmen.

Die Beurteilung der Effektivität des Trainings

Dazu braucht man trainingsabhängige Erwartungswerte, die man zum Beispiel mit einer Dosis-Wirkungsbeziehung mit der wöchentlichen Nettotrainingszeit kalkulieren kann. Pro Stunde Wochen-Nettotrainingszeit werden bei Männern zwölf Prozentpunkte der Leistungsfähigkeit dazu gerechnet und bei Frauen siebzehn Prozentpunkte, da sie besser trainierbar sind. Trainiert jemand zum Beispiel sechs Stunden pro Woche und es wurden für diesen Mann zum Beispiel 160 Prozent berechnet und er bringt nur 110, dann ist klar zu erkennen, dass etwas nicht stimmt. Entweder waren es keine sechs Stunden Nettotrainingszeit oder das Training war falsch aufgebaut oder er ist krank.

Dynamometrie – Messung der Kraft

Zur Messung der Dynamometrie kann die olympische Scheibenhantel verwendet werden. Teure Dynamometer eignen sich nicht, da diese nicht genormt sind, genauso wie Hanteln oder Krafttrainingsmaschinen. Die olympische Scheibenhantel ist weltweit genormt und somit gut vergleichbar.

Gemessen wird das „Einwiederholungsmaximum". Jene gesamten physischen und psychischen Kräfte, die man nur einmalig und sicher kein zweites Mal bewältigen kann. Dieses Wiederholungsmaximum hat die gleiche Bedeutung wie die VO2max und ist ein Bruttokriterium. Es ist der Rahmen der Funktionsfähigkeit des Organmuskels, innerhalb dessen sich alle anderen Krafteigenschaften abspielen und mehr oder weniger stark von diesem Einwiederholungsmaximum statistisch abhängen. Das bedeutet, dass jede andere Kraftanwendung nur das nutzen kann was durch dieses Einwiederholungsmaximum vorgegeben ist.

Für die Messung gibt es drei Schlüsselübungen: Bankdrücken und Bankziehen für die Schultermuskulatur und die Tiefkniebeuge für die Beinmuskulatur. Diese sollten, so wie die Spirometrie ein- bis zweimal im Jahr durchgeführt werden.

Vorschlag zur Bewertung

Dieser Vorschlag bezieht sich auf die Endaufbaustufe des Krafttrainings in verschiedenen Sportarten, die sich nach der Belastung „Wettkampfdauer“ einteilen. Und zwar wird hier Maß genommen an internationalen Sportarten, also ein Kraftniveau das ausreichen würde um bei internationalen Wettkämpfen auch einmal in den Endlauf kommen zu können.

Dazu braucht man die Körpergröße in cm und zieht 100 ab. Das multipliziere man mit dem sogenannten Einwiederholungsmaximum – Faktor, weil dieses Einwiederholungsmaximum das Ziel ist. Wer die Werte bezüglich der vorgegebenen Wettkampfdauer gravierend verfehlt, wird auch bei guten technischen Voraussetzungen nicht zu einer guten Zeit bringen. Auf diese Weise lassen sich Endziele sehr gut definieren.

Training und Kraftbewertung von Jugendlichen

Schafft ein 15-jährigen Ruderer beim Bankdrücken zum Beispiel 35 Kilo und er sollte auf 115 Kilogramm kommen, um Wettkampftauglich zu sein, dann hat man 90 Kilo Differenz für fünf bis sechs Jahre. Das erscheint zunächst einmal sehr viel, klingt aber mehr als es tatsächlich ist. Da er in diese Zeit mindestens 20 cm wächst wird ein großer Teil der Differenz simpel durch Wachstum erreicht, da die Körperlänge eine Hauptdeterminate der Muskelkraft ist. Zwei Drittel der Differenz erreicht der junge Ruderer durch das Wachstum und nur ein Drittel muss durch Training erreicht werden.

Zum Abschluss: Sinnvolle Nutzung des Laktat-Tests

Ein Laktattest ist eine hervorragende Möglichkeit zur Evaluierung der Bewegungsökonomie, zum Beispiel der Laufökonomie. Wenn wir die Bewegungsökonomie einer Sportart bestimmen wollen, dann ist das mit der Bewegungsgeschwindigkeit bei einem bestimmten Laktatspiegel möglich, wobei das keine Schwelle sein muss. Ganz im Gegenteil: bei einem Laktatspiegel von fünf oder sechs wird die Bestimmung genauer, da hier die Varianz geringer wird.

Ist zum Beispiel die Bewegungsökonomie eines Schwimmers schlecht, wird dieser trotz hoher Sauerstoffaufnahme nur langsam weiter kommt. Das äußert sich durch eine geringe Geschwindigkeit an einem bestimmten Laktatspiegel. Möchte man eine Bewegungsverbesserung messen, kann man das durch eine Wiederholung des Laktattests nach einem entsprechenden Bewegungstraining erreichen: Hat sich die Geschwindigkeit bei gleichem Laktatspiegel wesentlich verbessert, wurde die Bewegungsökonomie tatsächlich gesteigert.

Mit dieser Methode lässt sich die Bewegungsökonomie objektivieren. Ansonsten ist der Laktattest wenig brauchbar, weil man mit diesem kaum feststellen lässt, was mit einem Sportler tatsächlich in dieser Zeit passiert ist.

Prof. Paul Haber

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