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Sport�rztewoche 2010 7. Dezember 2010

Die Lendenwirbelsäule im Sport

Bis zu 60 Prozent der Sportler klagen über Schmerzen im unteren Rückenbereich (Englisch „low back pain, LBP“) im Bezug zu ihrer aktiven Sportausübung. LBP ist definiert in seiner Ausdehnung vom Rippenbogen bis zum Gesäß. Am häufigsten tritt der LBP bei rhythmischen Sportgymnasten auf, gefolgt von Ringern, Fußballspielern, Tennisspielern und Ruderern. 90 Prozent aller Beschwerden bei professionellen Golfspielern beziehen sich auf Lenden- oder Halswirbelsäulenbeschwerden. Sportartunabhängig ist ein vorausgehender Kreuzschmerz der größte Risikofaktor für einen rezidivierenden Verlauf.

An pathoanatomischen Korrelaten finden sich am häufigsten Weichteilaffektionen im Sinne von muskulären und ligamentären Reizungen. An zweiter Stelle stehen degenerative Diskopathien gefolgt von Spondylolysen und Spondylolisthesen. Reizungen der Facettengelenke spielen ebenfalls eine Rolle. Nicht vergessen werden sollten Stressfrakturen, einerseits der Pedikel und der Facettengelenke, andererseits des Sacrums. Innerhalb der Jahresperiodisierung treten nur 6 Prozent der Kreuzschmerzen während des tatsächlichen Wettkampfs auf, der Rest verteilt sich auf Training und vorbereitendes Konditionstraining. Neben dem Wettkampftyp müssen auch anthropometrische Gegebenheiten der Athleten berücksichtigt werden.

Weichteilverletzungen

Hier sind Muskelzerrungen die häufigste Ursache. Aufgrund der komplexen neuralen Verschaltungen und segmentübergreifenden Innovationen reagiert die Muskulatur auch häufig auf Störungen anderer Wirbelsäulenstrukturen. Durch muskuläre Dysbalancen kommt es zu einer verstärkten Belastung des Bewegungssegments als dessen Folge Blockierungen oder funktionelle Hypermobilitäten auftreten können. Schmerzen bewirken eine weitere reflektorische Abschwächung der Muskulatur. Durch diese Muskelschwäche kommt es zu einer vermehrten Belastung des Diskus und der Ligamente. Frühzeitige Schmerztherapie und muskuläre Rekonditionierung mit Beseitigung eventuell bestehender Dysbalancen müssen beim Sportler frühzeitig einsetzen um die Belastung der passiven Wirbelelemente hintanzuhalten.

Auch bei muskulo-ligamentären Reizungen kann es zu einer Schmerzausstrahlung in die Beine kommen, diese Symptomatik wird unter dem Überbegriff der „pseudoradikulären Syndrome“ zusammengefasst.

Spondylolyse/Spondylolisthese

Diese Sturkturdefekte zeigen Inzidenzen 25 Prozent bei Wurfsportarten gefolgt von Ruderern, Turnern und rhythmischen Sportgymnasten. Beschwerden treten dabei in zwei Drittel der Fälle auf. Dysplastischen Spondylolisthesen sind häufig mit einem dysplastisch bzw. fehlrotiertem Facettengelenk kombiniert und treten häufiger bei Frauen. Isthmische Spondylolysen sind die häufigsten Formen mit Überwiegen der Männer.

Isthmische Spondylolysen können entweder als hereditärer Defekt oder als Überlastung im Sinne einer Ermüdungs- oder einer akuten Fraktur auftreten. Während Spondylolysen und Spondylolisthesen unter 25 Prozent klinisch und radiologisch kontrolliert werden und keine wesentliche Sporteinschränkung erfahren, muss bei Spondylolisthesen bis 50 Prozent eine Aktivitätsanpassung, bei Spondylolisthesen über 50 Prozent eine Sportpause und eine OP-Abklärung erfolgen.

Diskopathien

Vermehrte Druck- und Scherkräfte der Bewegungssegmente im Rahmen der Sportausübung, verbunden mit muskulären Dysbalancen führen zu einer progredienten Degeneration des Anulus fibrosus der Bandscheibe. Bedingt durch die Innervation der äußeren Bandscheibenanteile, vor allem im dorsalen Aspekt, und verstärkt durch allfällige Reparationsvorgänge kommt es zur Entwicklung diskogener Schmerzen.

Im weiteren Degenerationsprozess kommt es unter Einbeziehung der angrenzenden Wirbelkörper zum phasenhaften Verlauf wie von Modic MR-tomographisch beschrieben. Vom Bandscheibenschmerz muss der Nervenwurzelschmerz abgegrenzt werden. Der Zug und Druck auf die Nervenwurzel reduziert den endoneuralen Stofftransport und die Durchblutung. Die endoneurale Hypoxie führt zur Membrandestabilisierung mit ektoper Erregungsbildung.

Neben dieser mechanischen Komponente kommt es auch zur histochemischen Entzündungsreaktion mit erhöhter Prostaglandin E2 Produktion und Steigerung der Empfindlichkeit der Bradykinine. Da 20-30% der dokumentierten pathologischen bildgebenden Befunde keine klinischen Auswirkungen haben ist die Diagnose neben der Bildgebung klinisch zu stellen. Je nach Schweregrad der Nervenwurzelkompression wird zwischen konservativen und operativen Vorgehen zu unterscheiden sein wobei jedoch im Leistungssport häufiger die rasche operative Entlastung der Nervenwurzel gewählt wird.

Wirbelkörpergelenke

Durch die chronische Höhenminderung der Bandscheibe kommt es zu tiefgreifenden biomechanischen Änderungen im betroffenen Bewegungssegement. Während die Lastübertragung in einem gesunden Bewegungssegement zu 5-25 Prozent über die entsprechenden Facettengelenke abgeleitet wird, führt die Diskusdegeneration zu einer Verdopplung der Lastübertragung über die Facettengelenke. Es kommt zum vermehrten Auftreten von Druck- und Scherkräften die durch die nunmehr vermehrte Beweglichkeit der Facettengelenke noch verstärkt werden. Es entwickelt sich eine Arthrose der Wirbelgelenken, häufig verbunden mit einer Hypertrophie der ligamenta flava. Da diese Strukturen mit zahlreichen Rezeptoren ausgestattet sind bewirkt deren Reizung im Zuge der degenerativen Prozesse einen deutlichen Schmerzinput.

Rehabilitation

Wie immer im Leistungssport muss auch die Rehabilitation des wirbelsäulenverletzten Sportlers rasch und aggressiv erfolgten. An erster Stelle steht eine suffiziente Schmerztherapie, erst dann kann unter Beachtung biomechanischer und ergonomischer Gesichtpunkte eine entsprechende Rehabilitation erfolgen. Der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur kommt dabei die zentrale Bedeutung zu.

Um der zentralen Rolle unserer Wirbelsäule als Achsenorgan gerecht zu werden darf die Rehabilitation sich nicht auf die Wirbelsäule alleine beschränken sondern muss unter Bedachtnahme auf die aus der Wirbelsäule hinaus und in sie hinein laufenden Muskelketten schlussendlich den gesamten Körper umfassen.

Vortrag morgen
Die Lendenwirbelsäule im Sport, M.Qittan
Mittwoch 8.Dez.2010
12.45-13.45, Alpin Center

M.Quittan

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