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Abb. 1: Sensitivierung des Immunsystems für Tumor-spezifische Antigene
 
ÖGP 2010 29. September 2010

Update Lungenkarzinom

Neue Horizonte in der adjuvanten Therapie des NSCLC

Jährlich sterben in Österreich 3.500 Menschen an Lungenkrebs, etwa zwei Drittel davon sind Männer, ein Drittel Frauen. Damit ist das Lungenkarzinom die häufigste Krebstodesursache in Österreich. Die Erkrankung wird hauptsächlich durch Rauchen verursacht, jährlich werden etwa 3.900 Neuerkrankungen diagnostiziert. Die allgemeine Prognose ist nach wie vor schlecht. Die 5-Jahresüberlebensrate liegt unter 15 %, hängt jedoch stark vom Stadium bei Diagnosestellung ab. Während die mittlere Überlebensdauer bei bereits metastasiertem Lungenkrebs (Stadium IV) unter einem Jahr liegt, zeigen früh entdeckte Karzinome im Stadium IA (Tumorgröße unter 3 cm, keine Lymphknotenabsiedelungen) eine 5-Jahresüberlebensrate von bis zu 67 %. Leider werden jedoch die meisten Patienten erst bei fortgeschrittener Erkrankung diagnostiziert. Obwohl allgemein bekannt ist, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht, gibt es in Österreich noch immer keinen ausreichenden Nichtraucherschutz und einen Mangel an effizienten Präventionsprogrammen. Ebenso gibt es bis dato noch keine empfohlenen Screeninguntersuchungen.

Therapie

Der Therapiestandard des nichtkleinzelligen Bronchialkarzinoms (NSCLC), das etwa 85 % der Lungenkrebsfälle ausmacht, ist im Frühstadium die chirurgische Resektion. Trotzdem sind die Überlebenszeiten unbefriedigend, und daher wurden in jüngster Vergangenheit mehrere Studien zur Verbesserung der Lebensdauer durchgeführt. In der IALT (International Adjuvant Lung Cancer Trial)-Studie konnte durch eine adjuvante platinhältige Chemotherapie ein signifikanter Überlebensvorteil von 4,1 % im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne adjuvante Chemotherapie gezeigt werden. Weitere Studien (ANITA, JBR.10) untermauerten diese Ergebnisse. In der LACE (Lung Adjuvant Cisplatin Evaluation)-Metaanalyse wurden die Daten von 4.584 Patienten ausgewertet, und es zeigte sich ein 5-Jahres-Überlebensbenefit zugunsten der adjuvanten Chemotherapie im Stadium II von 39 auf 49 %, im Stadium IIIA von 26 auf 39 %. Somit kann eine adjuvante Chemotherapie (in erster Linie mit Cisplatin/Vinorelbin) bei operiertem Stadium II und IIIA derzeit als Therapiestandard angesehen werden. Im Stadium IB erfolgt je nach Ko-Morbiditäten eine individuelle Therapieentscheidung. Im Allgemeinen werden 4 Zyklen verabreicht, wobei die Chemotherapie innerhalb von 2 Monaten nach Operation begonnen werden sollte.

Ausblick

Da die oben angeführten Zahlen noch lange nicht zufriedenstellend sind und auch die ausgeprägten Nebenwirkungen der derzeitig verwendeten Chemotherapieschemata ein Problem darstellen, werden weiter laufend neue Therapien zur Verbesserung der Prognose untersucht. Impfstoffe gegen Krebs werden schon seit längerem gesucht und kommen mittlerweile erfolgreich bei der Prävention gegen Gebärmutterhalskarzinom in Form der HPV-Impfung zum Einsatz. Die Idee, dass das körpereigene Immunsystem Tumorzellen erkennt und vernichtet, wurde schon im 19. Jahrhundert aufgestellt, basierend auf Beobachtungen, dass „spontanen Tumorregressionen“ oft Infektionen vorausgingen. Ein entsprechender Versuch ist derzeit die Kombination von Tumor-spezifischen Antigenen mit einem immunologischen adjuvanten System – die sogenannten Antigen-Specific Cancer Immunotherapeutics (ASCIs). Diese sollen dem Körper zu einer T-Zell-Antwort gegen Antigene verhelfen, welche an Tumorzellen, jedoch nicht an normalen Zellen vorkommen. Ein vielversprechender Ansatz beim Lungenkarzinom stellt dabei MAGE (melanoma-associated antigen)-A3 dar. Dieses Gen wird in 35 bis 50 % beim NSCLC exprimiert. Ein zielgerichteter Impfstoff wird derzeit erprobt.

Studien

Vansteenkiste et al. konnten in einer Phase-II-Studie einen Benefit hinsichtlich krankheitsfreiem Überlebens zeigen. Auf Grund der erfreulichen Daten wurde eine Phase-III-Studie initiiert, welche unter dem Namen MAGRIT (MAGE-A3 as Adjuvant Non-Small Cell LunG CanceR ImmunoTherapy) seit 2009 Patienten einschließt. In Österreich nehmen derzeit 5 Zentren an dieser Studie teil. Neben unserer pulmologischen Abteilung am LKH Graz sind dies das AKH Linz, das KH der Elisabethinen in Linz, das KH Hietzing und das Klinikum Wels. Diese doppelblinde, randomisierte, plazebo-kontrollierte Studie schließt Patienten mit MAGE-A3 positivem Tumor im Stadium IB, II und IIIA ein, wobei sowohl Patienten nach abgeschlossener adjuvanter Chemotherapie als auch Patienten, die postoperativ keine Chemotherapie erhielten, eingeschlossen werden können.

Zusammenfassung

Adjuvante platinhältige Chemotherapie ist mittlerweile Therapiestandard bei Stadium II und IIIA. Die oben genannten neuen Therapieansätze haben zu einer Verbesserung der Prognose geführt, und neue Studien sind vielversprechend. Die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen Lungenkrebs ist jedoch nach wie vor das Nichtrauchen!

Tabelle 1 Therapieoptionen und Überlebensraten beim NSCLC
Stadium Therapie 5-J.-ÜLR
IA chirurgische Resektion 50–60 %
IB chirurgische Resektion (adjuvante Chemotherapie)  
IIA chirurgische Resektion und adjuvante Chemotherapie 25–40 %
II B chirurgische Resektion und adjuvante Chemotherapie  
IIIA (N2) chirurgische Resektion und adjuvante Chemotherapie
oder
Induktionschemotherapie + OP + adjuvante Radiatio
10-30 %
IIIB Chemotherapie, anschl. simult. Chemoradiotherapie
alternativ: Induktionschemotherapie + OP + Radiatio
1 %
IV Kombinationschemotherapie < 1 %
Zur Person
OA Dr. Robert Wurm
Klinische Abteilung für Pulmonologie
Universitätsklinik für Innere Medizin
Medizinische Universität Graz
Auenbruggerplatz 20
8036 Graz
Fax: ++43/316/385-17034
E-Mail:

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