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Dermatologie 16. November 2010

Komplikationen rechtzeitig vermeiden

Management von Hämangiomen: Säuglingshämangiome entstehen üblicherweise um den Geburtstermin (können also bei Geburt vorhanden sein oder innerhalb der ersten Lebenswochen noch auftreten) und betreffen je nach Untersuchung (und Beobachtungszeitraum) 0,1 bis 2,8 % der Neugeborenen.

Der typische Lebenszyklus eines unkomplizierten Hämangioms lässt sich in eine Proliferationsphase, eine Plateauphase und eine Phase spontaner Regression einteilen. Die Dynamik dieser Phasen unterliegt individuellen Schwankungen. Wie groß ein Säuglingshämangiom am Maximum seiner Ausdehnung werden wird, lasst sich in seiner Frühphase nicht voraussagen, andererseits ist eine aktive Proliferation nach dem 9. Lebensmonat nicht mehr zu erwarten.

 

Das Akut-Management von Hämangiomen ist somit eine Sache der ersten Lebenswochen. Ziel ist im engeren Sinne eine Sekundärprophylaxe. Es geht weder darum das Auftreten von Hämangiomen völlig zu verhindern, noch darum ein Hämangiom restlos zu entfernen. Wesentlich ist es, Probleme durch ein Hämangiom möglichst zu vermeiden, nicht erst zu reagieren, wenn sich Komplikationen eingestellt haben. Die Meinung, Hämangiome seien lediglich zu beobachten und nur im Falle von Komplikationen einem Spezialisten zuzuweisen, ist noch weit verbreitet. Dies ist nicht mehr zu empfehlen. Komplikationen lassen sich oft nur schlecht behandeln und sind mit vergleichsweise großen Belastungen für das Kind verbunden.

Eine frühzeitige Intervention mit dem Farbstofflaser hingegen ist umso einfacher, schonender und effektiver, je kleiner das Angiom ist, kann aber Komplikationen vermeiden. Genauso falsch wäre es, allzu aggressiv gegen Hämangiome vorzugehen. Weder bleibende Narben noch das Risiko von Medikamentennebenwirkungen sind gerechtfertigt, wenn ein Angiom unter Kontrolle ist und mit einer weitgehenden Rückbildung nach Abwarten der Regressionsphase zu rechnen ist.

Stufe 1: Abschätzen des Risikos

3 wesentliche Punkte tragen zur Abschätzung des Risikos bei:

  1. die Dynamik – anamnestische Angaben der Eltern über ein aktives Wachstum oder Beobachtung durch den Arzt (kurzfristig, z. B. 2 Wochen-Abstand);
  2. die Lokalisation (Auge, Gesicht, Funktionszonen);
  3. das Alter des Kindes (nach dem 9. Lebensmonat ist keine signifikante Proliferation mehr zu erwarten).

Stufe 2: Intervention als unkomplizierte Sekundär-prophylaxe

In Abhängigkeit von der Körperstelle sollte im Falle einer Proliferation bald mit einer Farbstofflasertherapie begonnen werden. Sie ist unkompliziert, schnell und wenig belastend. Diese Therapie wird solange wiederholt (je nach Eruptionsdruck alle 2 bis 4 Wochen), bis klare Regressionszeichen erkennbar sind oder kein Wachstum mehr zu beobachten ist. Alternativ zur Farbstofflasertherapie kann von mit dieser Methode sehr vertrauten Ärzt-Innen auch ein kryochirurgisches Vorgehen erwogen werden. Bei Stillstand des Wachstums (ohne zu behandelnde Komplikationen) sollte die Behandlung gestoppt und die weitere Regression abgewartet werden.

Stufe 3: Intervention bei hohem Komplikationsrisiko

Sollte die Proliferation trotz Farbstofflaserbehandlung nicht in den Griff zu bekommen sein und Komplikationen drohen, besteht rascher Handlungsbedarf. Die wichtigsten zu erwägenden Therapieoptionen sind

  1. systemische Kortikosteroidgabe: derzeit immer noch Standardtherapie, falls eine systemische Therapie zur Bremsung der Proliferation nötig ist;
  2. systemische Betablockergabe (n. b.: off-label use!): vielversprechende Beobachtungen mit Atenolol. Die Ergebnisse einer klärenden Studie liegen noch nicht vor. Ungeachtet dessen ist zu bemerken, dass eine Farbstofflasertherapie in jedem Fall einfacher und weniger belastend ist, weshalb eine systemische Therapie nur in solchen Fällen in Erwägung gezogen werden sollte, wo mit der Lasertherapie keine ausreichende Kontrolle über das Hämangiom erzielt werden kann;
  3. koagulierender Laser (Nd:Yag) perkutan oder interstitiell: führt zu einer relativ unspezifischen Koagulation und damit zu Reduktion des Tumorvolumens;
  4. Kryochirurgie: ebenfalls unspezifisch, mit Beeinträchtigung der über dem Angiom liegenden Haut. Trotzdem relativ gute kosmetische Ergebnisse;
  5. operatives Eingreifen: nur, wenn keine andere Alternative und Handlungsbedarf besteht (sinnvoll z. B. bei Cyrano-Nase mit Druck auf Nasenknorpel).

 

All diese Schritte verlangen eine besondere Spezialisierung und meist eine interdisziplinäre Betreuung. Bei a) und b) kann die Farbstofflasertherapie parallel weitergeführt werden.

Komplikationen

Komplikationen durch Hämangiome sind selten und können durch rechtzeitiges Handeln oft verhindert werden.

Die häufigste Komplikation sind Erosionen (auch in der Regressionsphase noch möglich!) und damit zusammenhängend Infektion und/oder Blutungen. An Funktionszonen können Angiome allein aufgrund ihrer Ausdehnung Probleme schaffen. Vor allem im Augenbereich ist besondere Vorsicht geboten und ggf. rasch zu handeln. Die Verlegung der optischen Achse durch behinderte Lidöffnung kann zur (irreversiblen) Amblyopie führen. Das Management komplizierter Hämangiome bedarf eines interdisziplinären Approaches (Dermatologie, Pädiatrie, Ophthalmologie, plastische Chirurgie, Gefäßchirurgie, HNO, [interventionelle] Radiologie).

Nachbeobachtung

Wenn kein Wachstum mehr besteht bzw. schon Regressionszeichen erkennbar sind, kann wieder ein beobachtender Standpunkt eingenommen werden. Bleibende störende Residuen sind selten, eine Rückbildung ist prinzipiell bis zur Pubertät möglich, weshalb bei narbenbehafteten Interventionen im Kindesalter Zurückhaltung geübt werden sollte.

Zur Person
ao. Univ.-Prof. Dr. Alexis Sidoroff
Univ.-Klinik für Dermatologie und Venerologie
Medizinische Universität Innsbruck
Anichstraße 35
6020 Innsbruck
Fax: ++43/512/504-22990
E-Mail:

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