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Abb. 1: Individuelle Reintonaudiogramme am nicht implantierten Ohr (implantierte Seite nicht abgebildet, da bereits präoperativ gänzlich surd; n=7)

Abb. 2: Ausgangssituation am nicht implantierten Ohr: Hörvermögen bzw. Hörgeräte (HG)-Versorgung.

Abb. 3: Sprachverstehen in Ruhe für Freiburger Einsilber (ES), Zahlen (Z) und Innsbrucker Satztest (IST) mit akustischem Gehör alleine, CI alleine und in der bimodalen Kombination (akustisch und elektrisch). Präsentationslevel: 80 dB SPL; kontralaterales Ohr wurde jeweils vertäubt.
HA = Hörgerät; dnt = keine Daten vorliegend.

Abb. 4: Beispiel einer binauralen Messung mittels Oldenburger Satztest im Störlärm (Patient S4): S0Nac = Nutzsignal von vorne, Störschall auf akustisch hörendem Ohr; SciN0 = Nutzsignal auf CI-Ohr, Störschall von vorne u.s.w.; SRT50 = Signal-Rauschabstand, bei welchem noch 50 Prozent der Testsätze verstanden werden (je niedriger, desto besser). Verbesserungen jeweils durch Einschalten des CI-Prozessors im Sprachverstehen mit ➀ Summationseffekt, ➁ Kopfschatteneffekt, ➂ Squelcheffekt.

 
HNO 6. Oktober 2010

CI bei einseitiger Ertaubung

Auch wenn das andere Ohr normal hört: Cochlea-Implantate (CI) verbessern das Sprachverstehen und unterdrücken den Tinnitus.

Eine einseitige Ertaubung kann für Betroffene schwerwiegende Konsequenzen für das Hör- und Kommunikationsvermögen zur Folge haben, selbst bei Normalhörigkeit am zweiten Ohr.

Eine Reihe von Beeinträchtigungen können durch eine einseitige cochleäre Ertaubung bedingt werden:

  • Sprachverständnis im Störschall halbiert,
  • Probleme, wenn sich Sprecher auf ertaubter Seite befindet,
  • chronischer teils therapierefraktärer Tinnitus,
  • erhöhte Stressbelastung in Gruppensituationen,
  • Einschränkung bis Unfähigkeit der räumlichen akustischen Orientierung,
  • soziale Isolation mit evasivem Verhalten,
  • Gefühl der Ausgeschlossenheit, vor allem bei unbekannten Sprechern,
  • unspezifisches Schwindelgefühl.

Bisherige Behandlungsmöglichkeiten umfassen die CROS/BICROS-Hörgeräte-Versorgung (Contralateral Routing Of Signals) sowie Knochenleitungshörgeräte, z. B. BAHA (Bone Anchored Hearing Aid). Bei ausreichend guter Hörschwelle am noch hörenden zweiten Ohr kann so ein gewisses bidirektionales Hören wiederhergestellt werden. In der Praxis zeigen sich jedoch Limitationen: trotz hochwertigster Technologie werden die Geräte teils nur sporadisch benutzt, und oft wird der subjektive Hörgewinn von Patienten als unzufriedenstellend beschrieben.

Therapierefraktärer Tinnitus

In jüngster Zeit kamen erste positive Berichte über Cochlea-Implantation (CI) bei einseitiger Ertaubung in Kombination mit einem therapierefraktären, chronisch dekompensierten Tinnitus auf. Die elektrische Stimulation des noch intakten Hörnervens ermöglicht ein vom Gegenohr unabhängiges Hören und Sprachverstehen sowie eine zuverlässige Tinnitusunterdrückung.

Seit April 2008 wurden an der HNO-Abteilung des Landesklinikum St. Pölten sieben ausgewählte erwachsene Patienten auf dem ertaubten Ohr mit einem CI versorgt. Das Gegenohr zeigte ein normales bis maximal mittelgradig schwerhöriges Hörvermögen (Abb. 1 und 2). Vor und nach der CI des ertaubten Ohres wurden umfangreiche audiologische Tests durchgeführt, wobei insbesondere auch das Sprachverstehen in binauralen Störschallsituationen (Nutz- bzw. Störsignal von vorne bzw. seitlich) gemessen wurde (adaptiver Oldenburger Satztest). Unter anderem kann so evaluiert werden, ob der Patient das akustische Hören auf dem einen Ohr und das elektrische Hören auf dem anderen Ohr gewinnbringend „binaural“ integrieren bzw. verarbeiten kann (Kopfschatteneffekt, Summationseffekt, Störgeräuschunterdrückung/„Squelcheffekt“).

Postoperative Ergebnisse

Abbildung 3 zeigt das individuelle Sprachverstehen in Ruhe für Freiburger Einsilber, Zahlen und Innsbrucker Satztest mit (a) dem akustisch hörenden nichtimplantierten Ohr, (b) dem CI-versorgten Ohr und (c) in der bimodalen Kombination (akustisch und elektrisch). Wenn auf dem nichtimplantierten Ohr ebenfalls eine Innenohrschwerhörigkeit vorliegt, zeigt sich bereits in Ruhe eine Verbesserung des Sprachverstehens durch das Implantat. Im Störschall wurde schließlich bei allen Patienten eine deutliche Verbesserung im Sprachverstehen mithilfe des CI beobachtet. Abbildung 4 zeigt anhand eines Patientenbeispiels die postoperativen Ergebnisse im Störschall bei getrennten Schallquellen mit und ohne CI (eine Verbesserung des Sprachhörschwelle SRT50 um -1 dB entspricht einer Steigerung um 17 Prozent bei gleichbleibendem SNR).

Gute Ergebnisse

Bisher konnten in St. Pölten gute Erfahrungen gesammelt werden.

Bei Patienten mit normalhörendem Gegenohr oder Hochtonsteilabfall (S1, S2, S3):

  • Tinnitus-Suppression zehn Minuten nach Einschalten des CI-Prozessors mit „Nachhemmung“ in der Nacht bzw. bis zum Einschlafen;
  • Alle Patienten verwenden ihr CI den ganzen Tag;
  • Verbesserung des Sprachverstehens in Störschall (vor allem durch Kopfschatteneffekt bei räumlich getrennten Schallquellen);
  • Volle sensorische Integration der elektrischen Stimulation in das Klangbild;
  • Keine gegenseitige negative Beeinflussung zwischen elektrischem bzw. akustischem Hören.

Bei Patienten mit Gegenohr mit Innenohrschwerhörigkeit (S4, S5, S6, S7):

  • Verbesserung des Sprachverstehens bereits in Ruhe,
  • Verbesserung des Sprachverstehens im Störschall.

Implantate als effiziente Option

Die audiologischen und psychosozialen Folgen nach einseitiger Ertaubung sind oft schwerwiegend und werden heute vermehrt als ernstzunehmende und behandelbare Beeinträchtigung erkannt.

Mit der CI kann für diese Patienten nun eine neue und effiziente Therapieoption in Betracht gezogen werden. Die elektrische Stimulation des ertaubten Ohres ermöglichte bei unseren Patienten eine zuverlässige Tinnitusunterdrückung und eine Verbesserung des Sprachverstehens vor allem im Störschall.

Vor Indikationsstellung zur CI sollten aber Möglichkeiten der konventionellen Versorgung z. B. mittels CROS, BICROS oder BAHA-Versorgung erwogen und auch angeboten werden.

 

Die Autoren sind an der Abteilung für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde am Landesklinikum St. Pölten–Lilienfeld tätig.

 

Der Originalartikel inkl. Literaturangaben ist nachzulesen in WMW Skriptum 08/10 © Springer-Verlag Wien

Von Dr. Stefan-Marcel Pok und Prof. DDr. Klaus Böheim, Ärzte Woche 40 /2010

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