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Anästhesie 24. April 2008

Glücklich ist, wer vergisst

Geringe Mengen des gebräuchlichen Anästhetikums Sevofluran können das Entstehen schmerzhafter Erinnerungen verhindern. Wissenschaftler der University of California haben nachgewiesen, dass Sevofluran-Gas dafür sorgt, dass Patienten sich an gefühlsmäßig aufgeladene Bilder nicht erinnern. MRT-Scans zeigten, dass das Narkosemittel die Signale zwischen Amygdala und Hippocampus beeinflusst. Die Forscher hoffen, dass diese Erkenntnisse in jenen seltenen Fällen helfen könnten, in denen sich Patienten trotz Narkose an Details von Operationen erinnern. Die Studie wurde in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht (PNAS 2008 105: 1722-1727). Narkosemittel werden primär für den selektiven und zeitlich begrenzten Bewusstseinsverlust während chirurgischer Eingriffe verwendet. Ihre (Neben-)Wirkungen sind jedoch ebenfalls von großer Bedeutung.
US-amerikanische Wissenschaftler untersuchten den Effekt geringer Mengen von Sevofluran in einer Dosierung weit unter dem anästhetischen Bereich.
Die Probanden wurden entweder mit dem niedrig dosierten Anästhetikum oder einem Placebo-Gas behandelt. Anschließend wurde ihnen eine Reihe von Fotografien gezeigt. Einige zeigten Gegenstände des täglichen Lebens, andere sollten eine weitaus stärkere emotionale Reaktion hervorrufen. Dazu gehörte zum Beispiel das Bild einer abgetrennten blutigen Hand. Eine Woche später wurden die Teilnehmer ersucht, sich an so viele Bilder wie möglich zu erinnern. Jene, die das Plazebo-Gas erhalten hatten, erinnerten sich an rund 29 Prozent der stark emotionalen Bilder und zwölf Prozent der Alltagsbilder. Jene, die mit Sevofluran behandelt worden waren, erinnerten sich nur an fünf Prozent der gefühlsmäßig aufgeladenen Bilder und zehn Prozent der übrigen.
Bildgebende Verfahren zeigten, dass das Gas die Impulse zwischen Amygdala und Hippokampus beeinflusste. Diese beiden Hirnareale sind dafür bekannt, dass sie an der Verarbeitung von Gefühlen und Erinnerungen beteiligt sind. Auswirkungen auf bereits bestehende, ältere Erinnerungen scheint dieser Behandlungsansatz nicht zu haben.

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