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Anästhesie 5. Juni 2007

Schlaue Schmerzmittel wirken, wo’s wehtut

N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptoren gehören zu den ionotropen Glutamat­rezeptoren, die in der Schmerzverarbeitung eine zentrale Rolle spielen. Eine neue Analgetikageneration wird an diesen Rezeptor binden und gezielte, nebenwirkungsarme Analgesie möglich machen, etwa bei Gabapentinresistenz. Zur Marktreife ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Der pH-Wert im gesunden menschlichen Gewebe liegt bei etwa 7,4. Verletztes Gewebe ist saurer – sein pH liegt bei 7,0. Denn die gedrosselte Durchblutung führt zur Akkumulation von CO2, was wiederum anaeroben Stoffwechsel und Milchsäureproduktion zur Folge hat.

Neuer NMDA-Rezeptorblocker

Eine neue Generation von Schmerzmitteln dockt am NMDA-Rezeptor an. Dieser findet sich vor allem im Hippocampus und der Großhirnrinde, aber auch im peripheren Nervensystem. Zu den Aufgaben der NMDA-Rezeptoren gehört unter anderem die Schmerzvermittlung. Das mittlerweile indexierte Ketamin setzt ebenfalls am NMDA-Rezeptor an. Allerdings führt Ketamin als Nebenwirkung zu Bewegungsstörungen und Halluzinationen, da es auch am gesunden Nerv wirkt.
Prof. Dr. Ray Dingledine von der Emory University School of Medicine in Atlanta, Georgia, hat mit seinen Kollegen nun eine neue Wirksubstanz entwickelt, die an den NMDA-Rezeptor bindet. Sie heißt lakonisch NP-A. Durch sie wird eine Bindung von Glutamat und verwandten Neurotransmittern am Rezeptor verhindert. Das Besondere daran: eine geringe pH-Reduktion führt zu einer signifikanten Steigerung der Rezeptoraffinität der Substanz. Nimmt der pH von 7.6 auf 6.9 ab, vervielfacht sich die Bindungskraft des NP-A auf das 62-fache. In geschädigtem Gewebe bindet NP-A also besonders gut.
Entsprechende Ergebnisse wurden beim jährlichen Treffen der Biotechnology Industry Organization im vergangenen Monat in Boston vorgestellt.
„NP-A schaltet sich genau dort ein, wo es am meisten gebraucht wird“, meint dazu Dingledine, der eine Firma gegründet hat, um seine Entdeckung weiterzuentwickeln. „Die Substanz stellt einen Schmerzblocker dar, der sozusagen kontextabhängig ist.“ Das bewies Dingledine im Rattenexperiment. Für gesunde Rattenpfoten sind Druckbelastungen bis 15 Gramm nicht schmerzhaft, verletzte Pfoten scheinen schon bei 2 Gramm Belastung zu schmerzen, die Ratte versucht, ihre Pfote dem Reiz zu entziehen.

Ein Härtetest für Rattus rattus

Fünfundvierzig Minuten nach NP-A-Injektion zogen die Nager ihre wunden Pfoten erst bei 12g Belastung zurück.
Dieser schmerzstillende Effekt hielt über drei Stunden an. Die Tiere zeigten keinerlei Nebenwirkungen. Eines Tages könnte eine Substanz wie NP-A bei peripherer Neuropathie und anderen schmerzhaften Nervenerkrankungen Patienten Linderung bringen, welche etwa auf Gabapentingabe nicht ansprechen, so Dingledine.

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