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Anästhesie 10. Mai 2007

Elektrische Stör-Impulse gegen quälende Signale

Ähnlich einem Herzschrittmacher mit Sonde und Generator wird bei der Neurostimulation eine Sonde in die äußere Rückenmarkshülle eingebracht.

Zu den aktuellen Entwicklungen bei der Therapie chronischer Schmerzen, die sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch nach seinen eigenen Erfahrungen zu besonders guten Erfolgen geführt haben, zählt die Neurostimulation, berichtete Prof. Dr. Alexander Kober, Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin im Wiener AKH, bei der Veranstaltung „Schmerz interdisziplinär“ im März. Bei der Neurostimulation oder Neuromodulation werden Elektroden als Störsender in den Rückenmarkkanal implantiert. Auf diese Weise gelingt es, die Schmerzempfindung des Patienten gezielt in einer bestimmten Körperregion zu hemmen. Dieses Verfahren ist besonders bei jenen Patienten effizient, die Schmerzen nur in einer bestimmten Körperregion verspüren und nicht am ganzen Leib. Etwa einen Monat vor der geplanten Implantation erfolgt zunächst eine Epiduroskopie, um den Rückenmarkkanal zu inspizieren und etwaige Verwachsungen zu lösen. In der etwa eineinhalb bis zwei Stunden dauernden Operation werden dann ein oder zwei Elektroden perkutan in den epiduralen Raum eingebracht und mithilfe des Patienten an der richtigen Stelle positioniert. Die Elektroden dienen als Störsender, ihre Stimulation unterdrückt die Weiterleitung der Schmerzsignale zum Gehirn, sodass der Patient statt Schmerzen nur ein leichtes Kribbeln in der betroffenen Körperregion verspürt. Amplitude, Impulsdauer und Frequenz der elektrischen Impulse bestimmen Ausdehnung und Intensität der Schmerzunterdrückung und die Art der Parästhesien. Durch die Verwendung von zwei Elektroden kann ein größeres Areal abgedeckt werden, allerdings nicht eine bessere Qualität der Schmerzunterdrückung.

Feintuning nach wenigen Tagen

Die Feineinstellung des Störsenders (Ziel: keine Schmerzen, möglichst geringe Parästhesien) erfolgt nach der OP durch eine geschulte Krankenschwester. Erst wenn die Probestimulation zufrieden stellend verläuft, wird nach ungefähr einer Woche der zündholzschachtelgroße Schrittmacher subkutan im Bauchbereich implantiert. Der Patient kann danach über eine Fernbedienung die Intensität des Störsenders innerhalb eines eingeschränkten Bereichs selbstständig modulieren. Nach fünf bis zehn Jahren ist ein Batteriewechsel notwendig. Da für den weiteren Verlauf eine enge Kooperation von Patient, Hausarzt und Schmerztherapeuten wichtig ist, wird kein Patient aus dem Spital entlassen, bevor nicht eine direkte Kommunikation mit seinem Hausarzt hergestellt wurde. Zu den wichtigsten Indikationen für eine Neurostimulation zählen Nervenschmerzen, z.B. infolge von Infektionen (Zosterneuralgie), Tumoren, Chemotherapie oder Diabetes mellitus, schmerzhafte Bandscheibenleiden, Zervikalsyndrom oder Osteoporose. „Wichtig ist eine frühzeitige Vorstellung“, betonte Kober, „denn die besten Erfolge sind zu erzielen, wenn operiert wird, bevor sich Chronifizierung oder psychische Begleiterkrankungen einfinden.“ Durch die äußerst nebenwirkungsarme Neurostimulation kann die Einnahme von Schmerzmitteln oder die Notwendigkeit weiterer Operationen stark reduziert bzw. ganz vermieden werden.

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche

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