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Abb. 1: Auszug aus dem ÖGARI Fragebogen zur präoperativen Erhebung der Blutungsanamnese bei Erwachsenen (http://www.oegari.at/arbeitsgruppe.asp?id=205)

Abb. 2: Von der Anamnese zur Laboranalytik - Beispielhafte Befundkonstellationen.

 
Anästhesie 29. Oktober 2010

Moderne präoperative Gerinnungsabklärung

Hintergrund und praxisrelevante Empfehlungen zur Verbesserung des Patientenergebnisses

Die moderne präoperative Gerinnungsabklärung soll Sicherheit und Wohlbefinden der Patienten im perioperativen Umfeld steigern. Blutungs- und Thrombosekomplikationen sind die wichtigsten Outcomekriterien zur Objektivierung der Qualität der Gerinnungsabklärung. Bereits in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde erkannt, dass die traditionelle Gerinnungsabklärung nicht zur perioperativen Risikostratifizierung und Outcomeverbesserung geeignet ist. Traditionell wurden vor Operationen die in den Fünfzigerjahren nicht für diese klinische Fragestellung entwickelten globalen Gerinnungstests, wie aPTT, PTZ durchgeführt.

Einleitung

Als modern gilt die präoperative Gerinnungsabklärung mittels strukturierter Erhebung der Gerinnungsanamnese und darauf basierend selektiver Laboranalytik, welche auch die primäre Hämostasekapazität abbildet. Als modern gilt auch die intra- und postoperative Gerinnungsdiagnostik mittels point-of-care Methoden, welche die komplexen Pathomechanismen der akquirierten Blutung abbilden können. Da diese moderne perioperative Gerinnungsabklärung in der rezenten Literatur tatsächlich mit der Verbesserung einzelner Aspekte des Patientenoutcome assoziiert ist, sollen in diesem Beitrag Hintergrund und praktische Tipps zur Gerinnungsabklärung aus der modernen perioperativen Medizin dargestellt werden.

Im klinischen Alltag obliegt die Gerinnungsabklärung der Anästhesiologie, da hier direkt die Informationen der präoperativen Befundung und des intra- und postoperativen Outcome zusammenlaufen. Maßnahmen zur individualisierten Risikoreduktion, z. B. Stopp der intraoperativen erwarteten oder unerwarteten Blutung durch eine gezielte medikamentöse Gerinnungstherapie, liegen in der Kernkompetenz der modernen Anästhesisten. Daher sollen die praxisorientierten Empfehlungen der Fachgesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin ÖGARI zur präoperativen Abklärung vor elektiven Eingriffen beschrieben werden.

Aber so wie die funktionierende Blutgerinnung ein balanciertes Netzwerken ist, braucht es zum Risikomanagement und zur Optimierung des Outcome der uns anvertrauten Patienten ein interdisziplinäres und interprofessionelles Netzwerken zwischen Anästhesiologie, Chirurgie, Hämostaseologie, Pädiatrie, Labormedizin, Transfusionsmedizin und der Pflege. In diesem Sinne möge der vorliegende Beitrag zur Kommunikation der Berufsgruppen über das Management von Patienten mit Blutungs- oder Thromboserisiko anregen.

Was soll abgeklärt werden?

Grundsätzlich sollen vor der Operation häufige Gerinnungsstörungen diagnostiziert werden (z. B. von Willebrand Syndrom), sowie jene, die, wenn auch selten, einen massiven perioperativen Blutverlust bewirken können (z. B. Einzelfaktorendefizite, Organ-assoziierte Gerinnungsstörungen). Internistische Therapieregime enthalten zunehmend gerinnungshemmende Substanzen, welche das Blutungsrisiko erheblich steigern können. Diese Patienten-, Krankheits- und Medikamenten-bezogenen Risikofaktoren für eine perioperative Blutungsneigung müssen präoperativ erkannt werden und bestimmen, zusammen mit dem Interventions-bezogenen Risiko durch die geplante Operation, das anästhesiologische Management. Die Empfehlung der ÖGARI hat den Algorithmus der präoperativen Risikostratifizierung und Therapiemodalitäten für elektive Eingriffe dargestellt:

  1. Standardisierte Blutungsanamnese und Thromboseanamnese
  2. Labortests der plasmatischen und zellulären Gerinnung
  3. therapeutische und organisatorische Konsequenzen

Bei dringenden Operationen ist ein der Situation angepasstes Vorgehen zu wählen und gegebenenfalls die Labordiagnostik entsprechend der Empfehlung für blutungsriskante Eingriffe durchzuführen (Abb. 2).

Standardisierte Gerinnungsanamnese

Die Anamnese ist das wichtigste Werkzeug der modernen präoperativen Gerinnungsabklärung.

Blutungsanamnese

In der präoperativen Risikostratifizierung ist die Abklärung der Gerinnung mittels standardisierter Blutungsanamnese mit darauf basierenden, weiterführenden Labortests dem alleinigen Screening mittels plasmatischer Laborgerinnungstests überlegen. Ohne klinischen Hinweis auf eine Blutungsneigung vermag die unnötige Labordiagnostik keine messbare Erhöhung der Sicherheit zu leisten. Insofern lassen sich Blutabnahmen vermeiden – aus der Sicht kindlicher Patienten belastende, invasive Maßnahmen. Auch im Interesse der Wirtschaftlichkeit und der Nutzung der OP-Kapazität sollen entbehrliche Untersuchungen und OP-Programmverschiebungen vermieden werden. Aus forensischen Gründen muss eine sorgfältige präoperative Blutungsanamnese und klinische Beurteilung nachweislich dokumentiert werden. Die Arbeitsgruppe für perioperative Gerinnung (AGPG) der ÖGARI empfiehlt die Verwendung eines standardisierten Fragebogens zum Blutungsrisiko mit Fragen zur Eigen- und Familienanamnese und der Medikamentenanamnese. Die relevanten Fragenbestandteile wurden 2009 in den präoperativen Gesamtfragebogen der ÖGARI integriert (Auszug in Abb. 1).

Zeitpunkt der präoperativen Gerinnungsanamnese

Die präoperative Erhebung der Blutungsanamnese muss frühzeitig erfolgen, um eine weiterführende Labordiagnostik mit entsprechenden Konsequenzen zu erlauben. Tritt zwischen der Erhebung der Anamnese und der Intervention/Operation ein blutungsrelevantes Ereignis auf, so muss neuerlich evaluiert werden.

Durchführung der Blutungsanamnese

Grundsätzlich ist die Blutungsanamnese im Rahmen der Präanästhesievisite vom erfahrenen Anästhesisten (Facharztstandard) oder unter dessen Aufsicht zu erheben. Der verständige Patient (oder Erziehungsberechtigte, im Fragebogen für Kinder) soll den entsprechenden Teil des Anamnesebogens selbstständig ausfüllen. Es ist für die befragenden Ärzte obligat, die Korrektheit der Antworten zu validieren.

Ergebnis der Blutungsanamnese

Die Blutungsanamnese wird als auffällig bezeichnet, wenn mindestens eine Frage von den Patienten angekreuzt wurde und im Rahmen des Gespräches mit dem Anästhesisten als relevant bestätigt wurde (Abb. 1). Zur Einstufung der Relevanz der Blutungssymptome können interdisziplinäre Konsile erforderlich sein: Z. B. gilt eine Epistaxis nicht als hinweisend auf eine Gerinnungsstörung, wenn das HNO-Konsil eine Blutungsquelle am Locus Kisselbachii zeigt, eine saisonale Häufung bei bekannter Pollinose besteht oder ein schlecht eingestellter arterieller Hypertonus zur Blutung führt.

Die Hypermenorrhoe gilt nicht als hinweisend, wenn im gynäkologischen Konsil eine Endometriose als Blutungsursache festgestellt wird. Hingegen ist eine Hypermenorrhoe ein empfindlicher Hinweis, wenn die Blutungsneigung seit der Menarche besteht.

Klinische Untersuchung und allgemeine Anamnese

Klinisch muss auf Zeichen thrombozytärer oder plasmatischer Funktionseinschränkungen (Petechien, Hämatome) geachtet werden. Leber- und Nierenfunktionsstörungen und die allgemeine Klassifikation nach der ASA sind hinsichtlich diagnostischer Konsequenzen zu beachten. Eventuell bestehende Komorbiditäten (z. B. arterielle Hypertonie) sind sorgfältig hinsichtlich der therapeutischen Konsequenzen bei Blutungsereignissen zu beachten.

Thromboseanamnese

Neben dem Blutungsrisiko besteht bei Operationen auch ein besonderes Risiko für venöse Thrombosen und Embolien. Diesem Risiko wird durch die nicht-medikamentöse und/oder medikamentöse Thromboseprophylaxe meist mit niedermolekularem oder unfraktioniertem Heparin, sowie zunehmend auch durch oral verfügbare direkte Thrombin- oder Faktor Xa Inhibitoren entgegen gewirkt. Wichtig ist präoperativ die Identifikation von Patienten mit besonders hohem Thromboembolierisiko (Tab. 1). Perioperativ ist hier eine gewissenhafte Thromboseprophylaxe entscheidend. Laborchemische Thrombophiliemarker müssen nicht unmittelbar im zeitlichen Umfeld der Operation getestet werden.

Präoperativ sollen auch Patienten mit Kontraindikationen gegen die konventionelle Thromboseprophylaxe mit Heparinen z. B. wegen Heparin-induzierter Thrombozytopenie Typ II (HIT) identifiziert werden. Konsequenz bei (Verdacht auf) HIT ist die gewissenhafte Vermeidung der Triggerzufuhr, der Einsatz von alternativen Gerinnungshemmern, wie Argatroban oder Hirudine, und spezifische Laboranalysen.

Labordiagnostik der primären und plasmatischen Hämostase

Die Indikation für präoperative Laborgerinnungstests ergibt sich als diagnostische Konsequenz einer auffälligen Blutungsanamnese, aus einer ASA Klassifikation ≥ III und/oder bei einer bevorstehenden blutungsriskanten Operation.

Zeitpunkt der präoperativen Labordiagnostik

Die Laboranalytik soll zeitnahe zur Operation stattfinden (ca. 14 Tage je nach Krankenhaus-internen Abläufen). Vor Eingriffen mit großer zu erwartender Blutungsmenge sollte ein Ausgangsstatus der aktuellen Gerinnung intraoperativ zu OP-Beginn möglichst mit einem Point-of-Care Verfahren durchgeführt werden, welches zur weiteren intraoperativen Gerinnungstherapie herangezogen werden kann (z. B. Rotationsthrombelastometrie).

Durchführung der Diagnostik

Zur präoperativen Basisdiagnostik stehen die Globaltests Quickwert oder Normotest (NT) oder International Normalized Ratio (INR), aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT), Fibrinogenkonzentration, Thrombozytenzahl und Thrombozytenfunktion zur Erfassung von Störungen der plasmatischen, kombiniert plasmatisch-zellulären und primären Hämostase zur Verfügung. Je nach Befundkonstellation sind weiterführende Analysen (z. B. Einzelfaktorenanalysen) erforderlich. Patienten mit auffälliger Gerinnungsanamnese und pathologischer Basisdiagnostik sollen einem hämostaseologisch versierten Team vorgestellt werden. Im Idealfall sind solche Teams im Krankenhaus in Form einer Gerinnungsambulanz organisiert und stehen rund um die Uhr zur Verfügung.

Zu berücksichtigen ist, dass die plasmatischen Globaltests nicht für die Prädiktion von intraoperativen Blutungen oder von spinalen Hämatomen bei neuroaxialen Regionalanästhesien entwickelt wurden. Normalbefunde schließen das Risiko einer hämorrhagischen Diathese nicht aus, sondern erzeugen nur das Gefühl falscher Sicherheit. Die Rate an pathologischen Befunden ist bei präoperativen Patienten gering und von diesen Pathologien hat nur ein geringer Prozentsatz einen relevanten Einfluss auf das perioperative Management.

Allgemein gilt, dass das Unter- bzw. Überschreiten globaler Referenzwerte nicht immer klinisch bedeutsam und therapiebedürftig ist, dass aber zwingend eine weiterführende Abklärung erfolgen muss (z. B. bei aPTT-Verlängerung wird die Thrombinzeit, Lupus-Antikoagulans und gegebenenfalls Faktor VIII-, IX- und V-Mangel als mögliche Ursachen mit klinischer Relevanz hinsichtlich der perioperativen Blutung bestimmt). Ein Restrisiko, potentiell blutungssteigernde Pathologien auch bei unauffälliger Blutungsanamnese zu übersehen, bleibt bestehen. Hier kann bei eingetretener Blutung nur fallspezifisch und symptomatisch therapiert werden.

Epidemiologisch betrachtet, betreffen die häufigsten Störungen der Blutgerinnung jedoch die Thrombozytenfunktion bzw. der primären Hämostasekapazität. Aufgrund der Häufigkeit dieser angeborenen und erworbenen Störungen und deren Assoziation mit erhöhtem Blutungsrisiko ist folgerichtig eine präoperative spezifische Testung erforderlich. Die primären Hämostasekapazität kann erfasst werden mit Bestimmung des von Willebrand Faktor Antigens (vWF:Ag), Ristocetin Cofaktors (vWF:RCo) und Thromboztytenfunktionstests – Möglichkeiten der Thrombozytenfunktionstestung wurden im Wiener Klinischen MAGAZIN, Heft 2/2008 dargestellt.

Die präoperative Basisdiagnostik kann nach dem in Abbildung 2 dargestellten Algorithmus systematisch durchgeführt werden.

Keine Laboranalytik

Bei organgesunden Patienten ohne spezifischen Risikohinweis in der Blutungsanamnese besteht vor einer nicht-blutungsriskanten Operation keine zwingende medizinische Notwendigkeit, ergänzende Laboranalysen durchzuführen (Empfehlungsgrad A). Die Tatsache einer anstehenden Operation ist im Allgemeinen keine Indikation für präoperative Laborgerinnungstests.

Ist der Patient auf Grund von Sprachbarrieren, intellektueller Einschränkung, Bewusstseinseinschränkung oder mangelnder Compliance nicht in der Lage, den Fragebogen adäquat auszufüllen, sollten mangels Alternativen die globalen Labortests der Gerinnung bestimmt werden. Die erwähnten Gründe sollen nachvollziehbar und dokumentiert sein. Der Versuch einer Fremdanamnese ist anzustreben.

Der Anteil an organgesunden Patienten am Gesamtkollektiv der zu operierenden Patienten ist vom Leistungsspektrum des Krankenhauses abhängig, betrug aber in einem Bundesland während einer Querschnittbeobachtung nahezu 80 Prozent. Die Vermeidung unnötiger Labortests in dieser großen Patientengruppe führt zu einer dramatischen Reduktion der direkten Kosten. Auf einer anderen Kostenstelle fallen aber zusätzliche Personalkosten an: Da der Anästhesiologie eine entscheidende Rolle in der präoperativen Risikostratifizierung zukommt und zur Anamneseerhebung Personal erforderlich ist, muss hinkünftig eine neue Abrechnungsmodalität für die präoperative Evaluierung entworfen werden.

INR, aPTT, Fibrinogenkonzentration und Thrombozytenzahl

Patienten mit ASA ≥ III sollen auch bei unauffälliger Blutungsanamnese laboranalytisch abgeklärt werden, bei Patienten mit Leberinsuffizienz zumindest INR und Thrombozytenzahl (Empfehlungsgrad C).

INR, aPTT, Fibrinogenkonzentration und Thrombozytenzahl und zusätzlich empfohlen: Point-of-Care Gerinnungstests (ROTEM mit den Testansätzen EXTEM oder INTEM plus FIBTEM, sowie Aggregometrie oder PFA-100)

Entsprechend der gängigen Praxis soll zur Einstufung einer Operation in blutungsriskant oder nicht-blutungsriskant

die Lokalisation einer potenziellen Blutungsquelle

die Detektierbarkeit und

das Ausmaß der Blutung (auch bezüglich Krankenhaus-interner Erfahrungen) berücksichtigt werden.

Eingriffe im oder nahe dem Zentralnervensystem, Eingriffe am Augenhintergrund oder Ohren, die bei Blutung zu einem Verlust der Sinnesfunktion führen können und Eingriffe mit vorhersehbaren großen Blutungsmengen, die unbehandelt vital bedrohlich sind, gelten als blutungsriskant. Vor einer solchen Operation sollen Patienten auch bei unauffälliger Blutungsanamnese und ASA < III laboranalytisch abgeklärt werden (Empfehlungsgrad A für die Bestimmung der Fibrinogenkonzentration).

Bei manchen großen Operationen, wie abdominalchirurgischen Eingriffen, ist das Blutungsrisiko gering (nicht zuletzt durch die Einführung wie cavitron ultrasonic surgical aspirator CUSA oder neuen Koagulatoren), während bei manchen kleinen Operationen das Blutungsrisiko vergleichsweise hoch ist, wie z. B. bei der Tonsillektomie (1,5–4 %). Aber auch hier ist zu berücksichtigen, dass die Laboruntersuchung das Blutungsrisiko nicht vorherzusehen vermag. Folglich ist hier bei unauffälliger Blutungsanamnese keine Indikation zur Labordiagnostik zu stellen.

Abklärung der primären Hämostasekapazität und INR, aPTT, Fibrinogenkonzentration, Thrombozytenzahl, sowie empfohlen: Point-of-Care Gerinnungstests (ROTEM und PFA-100, Aggregometrie)

Patienten mit auffälliger Blutungsanamnese durch klinische Blutungssymptome unklarer Genese sollen laboranalytisch abgeklärt werden (Empfehlungsgrad B). Bei unbekannter Blutungsursache soll auch die Abklärung der primären Hämo stasekapazität erfolgen.

Bei bekannter Blutungsursache (z. B. Hämophilie) sollen interdisziplinär (Hämostaseologie, Innere Medizin, Pädiatrie) die weitere diagnostische Abklärung und perioperative Gerinnungstherapie festgelegt werden.

Bei Patienten mit auffälliger Blutungsanamnese wird vor allem bei bevorstehendem blutungsriskanten Eingriff eine Point-of-Care Diagnostik mittels ROTEM zur Bestimmung der globalen Gerinnungssituation zu OP-Beginn empfohlen. Die aktuell verfügbaren Testansätze sind jedoch nicht zur Detektion von Hämophilie oder Störungen der primären Hämostasekapazität geeignet. Aggregometrie und PFA-100 können zur Beobachtung des perioperativen Verlaufes bei Patienten mit präoperativ nachgewiesenen Störungen der primären Hämostasekapazität eingesetzt werden.

Spezifisches Drug-Monitoring und INR, aPTT, Fibrinogenkonzentration, Thrombozytenzahl, sowie weiters empfohlen: Point-of-Care Gerinnungstests (ROTEM und Aggregometrie, PFA-100)

Ein Drug-Monitoring zur Quantifizierung des Wirkeffekts eines gerinnungshemmenden Medikaments wird empfohlen (Empfehlungsgrad C) bei

  • blutungsriskanten Eingriffen ohne präoperative Therapiepause
  • verminderter Elimination (z. B. schwere Nieren- oder Leberinsuffizienz)
  • Medikamenten mit klinisch relevanter Steigerung der Blutungsmenge (z. B. orale Antikoagulation: International Normalized Ratio INR; Hirudin: aPTT oder Ecarintests; Danaparoid: anti-Xa-Aktivität; Clopidogrel plus Aspirin: Aggregation mit spezifischer Agonist-Aktivierung).

Interaktionen von Gerinnungshemmern und anderen Substanzen (z. B. Analgetika, Phytopharmaka, Antidepressiva, Antiepileptika) sind zu berücksichtigen.

Therapeutische und organisatorische Konsequenzen

Beispiele für therapeutische Konsequenzen einer auffälligen Blutungsanamnese und Laboranalytik sind

das Pausieren von gerinnungshemmenden Medikamenten

die pharmakologische Reversierung von Medikamentenwirkungen

die pharmakologische Optimierung einer Gerinnungspathologie präoperativ und

allgemeine Maßnahmen zur Optimierung der Patientensicherheit (z. B. Vermeiden von Hypothermie, Azidose, schwerer Anämie, Elektrolytentgleisungen; wenn möglich kontrollierte Hypotension).

Pausieren von gerinnungshemmenden Medikamenten

Im interdisziplinären Konsens ist nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung zu klären, ob gerinnungshemmende Medikamente abgesetzt oder fortgeführt werden sollen. Der Operateur muss hierbei festlegen, ob und wie lange für den geplanten Eingriff optimale Blutgerinnungskompetenz benötigt wird. Es gibt sehr viele Eingriffe, die problemlos auch unter Gerinnungshemmung durchzuführen sind.

Wegen des hohen Stentthromboserisikos soll Clopidogrel bei kardialen drug-eluting stents für zwölf Monate, bei kardialen bare-metal stents für bis zu drei Monate nicht abgesetzt werden (elektive Eingriffe sollen entsprechend verschoben werden). Eingriffe sollten unter Weitergabe von Aspirin durchgeführt werden. Hier wird besondere Aufmerksamkeit auf die mögliche (nachhaltige) blutungssteigernde Wirkung empfohlen.

Pharmakologische Reversierung von Medikamentenwirkungen

Zur (notfallmäßigen) Reversierung von Medikamentenwirkungen stehen prinzipiell Antidote (Protamin, Vitamin K), medikamentöse Therapieoptionen, wie Desmopressin, Antifibrinolytika, Gerinnungsfaktorenkonzentrate, rekombinanter Faktor VIIa (rFVIIa), Thrombozytenkonzentrate, sowie theoretisch nicht-medikamentöse Eliminationsverfahren (Plasmapherese, Hämodialyse, Hämofiltration) zur Verfügung. Die Kontrolle der Wirksamkeit der Reversierung kann sich am geeigneten Drug-Monitoring orientieren. Kontraindikationen und Komplikationen der Therapiestrategien sind zu beachten.

Pharmakologische Optimierung einer Gerinnungspathologie präoperativ

Zur Optimierung einer Gerinnungspathologie vor der Operation stehen Plasmatherapie (Frischplasma, Quarantäneplasma, Octaplas), Thrombozytenkonzentrate, Faktorenkonzentrate (z. B. Prothrombinkomplex, Fibrinogen, Einzelfaktoren, rFVIIa) und andere hämostyptische Substanzen (Antifibrinolytika, Desmopressin) zur Verfügung. Kontraindikationen und Komplikationen der Therapiestrategien sind zu beachten. Der Desmopressin-response Test wird zur Optimierung bei von Willebrand Syndrom und Medikamenten-induzierten (Cyclooxygenase I-Hemmer) Thrombozytenfunktionsstörungen empfohlen und soll zeitnahe zum Operationsbeginn bzw. der blutungsriskanten Phase der Operation durchgeführt werden.

Beispiele für organisatorische Konsequenzen einer auffälligen Gerinnungsanamnese und Laboranalytik sind a) Verschiebung der Operation, b) Änderung des operativen Vorgehens (z. B. Wahl einer möglichst atraumatischen, blutsparenden Operationstechnik, großzügiger Einsatz von Drainagen), c) Änderung des anästhesiologischen Vorgehens (z. B. Allgemein- oder periphere Regionalanästhesie anstatt rückenmarksnaher Regionalanästhesie), d) allgemeine Maßnahmen zur Optimierung der Patientensicherheit (z. B. geschulte postoperative Überwachung in Aufwachraum oder Intensivstation), e) ausreichende und dokumentierte Aufklärung der Patienten über (ein erhöhtes) Blutungsrisiko.

Das Ausstellen eines Ausweises erscheint bei Patienten mit auffälliger klinischer Gerinnungsanamnese (auch ohne definitive Diagnose) sowie bei auffälliger perioperativer Blutung/Thrombose sinnvoll (ähnlich wie bei seltenen Blutgruppenmerkmalen oder zu erwartender schwieriger Intubation).

Patienten mit unerwarteter Blutung sollten nach dem Spitalsaufenthalt einer systematischen hämostaseologischen Abklärung zugeführt werden (ggf. auch Verwandte ersten Grades). Es wäre wünschenswert, dass die laboranalytischen Befunde dieser Patienten mit auffälliger intraoperativer Blutung in einer überregionalen Blutungsdatenbank archiviert und elektronisch späteren Behandlern zugänglich gemacht werden.

Abschließende Bemerkung

Die dargestellte moderne präoperative Gerinnungsabklärung führt über eine Anamnese-basierte selektive Testung zu einer systematischen Risikoerfassung. Wenn davon eine perioperative Optimierungsstrategie abgeleitet wird, können Blutungsrate, Transfusionsbedarf, Revisionsrate, Liegedauer auf Intensiv- und Normalstationen und postoperative thrombotische Ereignisse reduziert werden. Insgesamt könnte mit dem Evidenz-basierten Modell der Gerinnungsabklärung und dem adäquaten perioperativen Gerinnungsmanagement eine Reduktion der Morbidität und Mortalität erzielt werden. Die Verbesserung dieser Outcomeparameter ist aber nur durch ein bewusstes prospektives Beobachten erfassbar. Die beobachtete Qualitätssteigerung kann im Sinne eines positiven Feedbacks die Anwendung der modernen Gerinnungsabklärung vervielfachen.

Literatur bei der Verfasserin

Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird auf die geschlechtsspezifische Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten grundsätzlich für beide Geschlechter.

1 Prim. Univ.-Doz. Dr. Sibylle A. Kozek-Langenecker Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin Evangelisches Krankenhaus Wien

Eigenanamnese
  • tiefe Beinvenenthrombose
  • Tumorleiden
  • Thrombophlebitiden
  • Lungenembolie
  • Herzinfarkt, Angina pectoris, andere Zeichen einer koronaren Herzerkrankung
  • Herzrhythmusstörungen
  • arterielle Gefäßverschlüsse, Embolien, Zeichen einer arteriellen Verschlusskrankheit
  • Schlaganfall, vorübergehende neurologische Defizite
  • gerinnungshemmende Therapie (Vitamin K-Antagonisten, Aspirin, Clopidogrel, andere)
  • Unverträglichkeiten auf gerinnungshemmende Medikamente
  • Stentimplantation
  • Immobilisation unmittelbar vor Operation
  • Infektion unmittelbar vor Operation (Akutphasenreaktion)
Familienanamnese
  • venöse Thrombosen oder Embolien
  • arterielle Verschlüsse oder Embolien
  • Schlaganfälle, vorübergehende neurologische Defizite
  • Personen mit dauerhafter gerinnungshemmender Therapie
Tabelle 1 Fragen zur präoperativen Erhebung der Thromboseanamnese

S. A. Kozek-Langenecker1, Wiener Klinisches Magazin 5/2010

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