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Anästhesie 1. Dezember 2009

Von sympathikoton zu trophotrop

Teil 3: Wirkung der Neuraltherapie basiert auf Sticheffekt und Applikation kleiner Lokalanästhetikamengen am richtigen Ort.

Im dritten und letzten Teil der Übersichtsarbeit zum Thema Neuraltherapie werden die Wirkmechanismen dieser Behandlungsform erklärt sowie diagnostische Möglichkeiten von reflektorischen Krankheitszeichen aufgezeigt. Die unterschiedlichen Stichtechniken werden abschließend als Behandlungsmethode beschrieben.

 

Bei der Neuraltherapie (NT) werden kleine Mengen kurzwirksamer Lokalanästhetiker (LA) an typische Therapielokalisationen appliziert. Damit werden Syndrome moduliert, resonierende Systeme beruhigt und der Organismus zur Normalfunktion zurückgeführt. Diese Summeneffekte sind klinisch in vielen Kasuistiken belegt. Die Wirkung beruht auf der physikalischen Reizung durch den Injektionsvorgang sowie auf den substanzspezifischen Eigenschaften von LA.

Zum „Needle-Effect“ existiert eine alte, aber immer noch gültige Arbeit von Lewit. Nadelung in speziellen Spots (z. B. hyperalgetischen Zonen) ist dem Stich in ein willkürlich gewähltes Areal bei Weitem überlegen. Der Mechanismus dürfte über ein Gating des Hinterhorns erklärbar sein. Dadurch werden die Hinterhornneurone entlastet, eine Genexpression verhindert und einer Chronifizierung vorgebeugt.

Effekt der Lokalanästhetiker

Zur Wirkung der LA ist zu sagen, dass der neuraltherapeutische Effekt weder mit der Menge der Substanz oder ihrer Halbwertzeit korreliert noch der lokalanästhetische Effekt allein entscheidend ist. LA sind oberflächenaktive basische Moleküle, die bei physiologischem pH in einem Äquilibrium aus dissoziierter und undissoziierter Substanz vorliegen. So können sie durch verschiedene Phasen diffundieren (durch saures Gewebe in dissoziierter Form, durch Lipidmembranen in undissoziierter Form etc.) und an Rezeptoren andocken. Nach Beubler trägt die Molekülgrundstruktur die Sequenz C-C-N, eine Struktur, die zahlreichen anderen Substanzen gemein ist (z. B. Antidepressiva).

LA haben neben der Wirkung auf Na+-Kanäle auch eine Affinität zu vielen weiteren Rezeptoren (wie Serotonin-, Muskarinrezeptor) und neben der anästhesierenden Wirkung ein ausgeprägtes antiinflammatorisches Potenzial (Cassuto et al.). Der neuraltherapeutische Effekt ist nur zu geringem Teil auf die anästhesierende Wirkung der Substanz zurückzuführen, da er deren Halbwertzeit um ein Vielfaches überdauert. In Summe dürfte der zentralnervöse Effekt auf Rückenmarksebene und im Cortex für die therapeutische Wirkung hauptverantwortlich sein (Zieglgänsberger 2009). Da die Physiologie der projektionsbedingten Krankheitszeichen sehr umfangreich ist, werden hier nur die Vor- und Nachteile dieser Diagnostik beleuchtet.

Vorteile

Reflektorische Krankheitszeichen (RK) sind bezüglich ihrer Intensität in Phase mit dem Krankheitsgeschehen. Ihre Dynamik zeigt die derzeitige Dimension der Erkrankung, ihre Beeinflussbarkeit und Therapieeffekte unmittelbar an. Beschwerden, die von wechselnder Intensität sind und durch äußere und innere Reize abgeschwächt oder verstärkt werden können, weisen auf ein vorwiegend funktionelles Krankheitsbild hin, das die Möglichkeit zur weitgehenden Restitution trägt.

RK sind mit unmittelbar verfügbaren Diagnostika erhebbar (5 Sinne plus Verstand). Daher ist der diagnostische Zugang niederschwellig. Neben Anamnese und Inspektion werden durch Hautbild, Quellungszustand des Bindegewebes, Muskeltonus, Hyperalgesietest und Funktionsprüfung ein primäres Zustandsbild erhoben und dann durch Testinjektionen eine Differenzierung vorgenommen. Ergebnisse sind lokale unmittelbare oder langsam sich entwickelnde Zustandsänderungen, Auswirkung auf Allgemeinbefinden, Vigilanz und Leistungsfähigkeit sowie die Veränderung von Parametern, die durch andere klinische Untersuchungen nicht in Zusammenhang mit der Primärstörung gebracht werden können.

Nachteile

RK sind nur zum Teil interindividuell erhebbar. Dies ist durch viele Umstände bedingt. Exemplarisch seien Erfahrung, Ausbildungsstand und Training des Therapeuten, Flüchtigkeit und Veränderbarkeit der Zeichen (z. B. Veränderung des Hautbildes durch Massage) genannt, ihre Dokumentation wird mangels geeigneter technischer Hilfsmittel gelegentlich zur Glaubensfrage.

RK sind immer mehrdimensional. Die Segmentalreflektorik mehrerer Elemente projiziert in die gleiche Zielstruktur. Neben segmentaler Projektion existieren weitere Projektionsebenen wie die pseudoradikuläre Symptomausbreitung, die Projektion entlang von Faszien, Bändern etc. und weitere Ausbreitungsmuster. Neben einer räumlichen Beziehung ist die historische Entwicklung maßgeblich an der Beziehung von Verursachern und rezenten Symptomträgern beteiligt. Daher gibt es lediglich überlieferte Häufung von Zusammenhängen, die Beziehung von Störfeldern und erkrankter Zielstruktur ist jedoch immer individuell. Dies erschwert auch die Erstellung von Studienprofilen, die der Methode gerecht werden. Zusammenfassend können RK zur Diagnose einer Störung, zur Auflistung möglicher erkrankter Partnerstrukturen und zur Therapiekontrolle verwendet werden.

Methoden der Neuraltherapie

Zahlreiche technische Varianten stehen für neuraltherapeutische Injektionen zur Verfügung. Als direkt segmental wirksame Techniken (TLA) gelten die intrakutane Quaddel, die Triggerpunktinjektion, die Injektion an Insertionen von Muskeln und Ligamenten, die präperiostale Injektion, die peri- und intraartikuläre Injektion und die Injektion an gemischte Spinalnerven („Radix“). Die Behandlung von störfeldverdächtigen Regionen wird durch direkte Injektion oder durch Umfluten mit LA durchgeführt und dient zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken.

Weiters stehen die indirekten Segmenttechniken (= erweiterte Segmentbehandlung) durch direkte Injektion an vegetative Ganglien zur Verfügung. Häufig werden sie im Halsbereich am Ggl. stellatum oder am Ggl. cervicale superius (GLOA) durchgeführt. Die wichtigsten kaudalen Techniken sind die Injektio-nen an den Hiatus sakralis (epidurale Sakralblockade) und an den Plexus uterovaginalis bzw. prostaticus. Systemische Applikation i. v. oder per Infusionem rundet das Angebot ab.

Gemeinsames Ziel aller Interventionen ist eine Modulation von Reizantworten. Der Ausdruck „Blockade“ entstammt der Anästhesiologie und ist für NT nicht zutreffend. Auch der Ausdruck „TLA“ wird nur traditionell weiterverwendet, Lokalanästhesie ist nicht die primäre Intention. Der Organismus funktioniert durch zahlreiche Programme, deren ungestörtes Ablaufen Gesundheit bedeuten. Im Erkrankungsfall sind einige Abläufe gestört und es müssen Umwege begangen werden. Dies ist mit erhöhtem Energieaufwand verbunden und entlang einer Zeitachse fördert dieser Umstand die schnellere Degeneration der Zielstrukturen. Daher ist das Ziel der NT die Normalisierung der Programmabläufe durch Abschwächung inhibierender Signale. Ökonomisierung und die Rückkehr von der sympathikotonen zur trophotropen Ruhelage ist klinisches Korrelat der NT-Wirkung.

 

Dr. Kurt Gold-Szklarski ist Arzt für Allgemeinmedizin in Wien.

Von Dr. Kurt Gold-Szklarski, Ärzte Woche 49 /2009

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