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Foto: Max-Planck-Gesellschaft, München
Noch bevor die ersten Krankheitszeichen spür- bzw. sichtbar werden, besteht schon längere Zeit vorher eine Regulationsstörung im Organismus.
Foto: Privat

Dr. Kurt Gold-Szklarski Arzt für Allgemeinmedizin, Wien

 
Anästhesie 24. November 2009

Wenn Regelsysteme entgleisen und Schmerzen verursachen

Teil 2: Ziel der neuraltherapeutischen Behandlung ist es, Funktionsstörungen des Organismus auf verschiedenen physiologischen Ebenen wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Im ersten Teil dieser Übersichtsarbeit, die in der letzten Ausgabe der Ärzte Woche erschienen ist, wurde auf die anatomischen Grundlagen der Segmentreflektorik sowie auf die physiologischen Mechanismen der Reizübertragung eingegangen. Im zweiten Teil dieser Ausgabe werden nun weitere Möglichkeiten der Reizausbreitung dargestellt, um dem Arzt ein besseres Verständnis für den therapeutischen Ansatz in der Regulationsmedizin zu bieten.

 

Ein gesunder Organismus setzt eine störungsfreie Vernetzung aller Organe, Muskeln, Nerven, des Bindegewebes und der Haut voraus. Ist aber diese Vernetzung gestört und der Körper nicht mehr in der Lage, die verschiedenen regulatorischen Vorgänge aufeinander abzustimmen, treten Symptome wie zum Beispiel Schmerzen oder Funktionsstörungen auf, die mitunter weit von der Störquelle gelegen sein können. Neben der Eliminierung solcher störenden Einflüsse kann die Neuraltherapie direkt regulatorisch eingreifen.

Pseudoradikuläre Symptomatik

Die pseudoradikuläre Symptomausbreitung resultiert aus dem Umstand, dass synergistisch agierende Muskeln über polysynaptische Reflexbahnen des Myelons zu gleichsinnig reagierenden Ketten verschaltet sind. Erkrankt ein Partner, folgen die anderen seinem Beispiel. So werden Schmerzsymptome als Referred Pain in die Peripherie transportiert, wobei ihre Verläufe die radikulären Projektionswege imitieren.

Typisches Beispiel dafür wären die Glutaealtrigger. Diese verursachen ischialgiforme Beschwerden, die ein Schmerzband entlang des Tractus iliotibialis und der Außenkante des Unterschenkels zum Außenknöchel transportieren. Diese Art der Schmerzausbreitung ist viel häufiger anzutreffen als die radikulären Ausbreitungsmuster. Sie ist auch verantwortlich für die Varianz von Beschwerden bei radikulären Läsionen, da sie bei diesen immer begleitend anzutreffen ist. Über die Triggerpunkte bietet sie einen idealen Ansatz für die Neuraltherapie.

Physiologische Konsequenz

Pseudoradikuläre Schmerzen treten sehr häufig auf, jedes Individuum erleidet im Laufe des Lebens mehrmals ein solches Schmerzsyndrom. Da sie der Muskulatur entspringen, sind sie einer bildgebenden Diagnostik nicht zugänglich und werden daher oft therapeutisch bagatellisiert. Sie können so über lange Zeit unbehandelt bestehen und führen aufgrund zum Teil massiver Energiedefizite zu degenerativen Folgeerkrankungen (Sehnensporn, Enthesiopathien, Arthrosebildung). Aber erst diese Folgeerkrankungen sind im Röntgen sichtbar und viele Therapeuten beginnen dann, nur diese Symptome zu behandeln (Zertrümmerung von Sehnenspornen, Impingement-Operationen etc.).

Solange ein funktionelles Krankheitsbild vorliegt, besteht die Möglichkeit zur völligen Restitution. Daher müssen solche „unspezifischen Schmerzbilder“ frühzeitig suffizient behandelt werden. Dies setzt eine adäquate Diagnostik und die Kenntnis dieses Krankheitsbildes voraus. Die Neuraltherapie bietet dafür ein ausgezeichnetes Armentarium.

Reizausbreitung über bindegewebige Strukturen ...

Aus der Osteopathie und der Kraniosakraltherapie sind bindegewebige Ausbreitungsmuster bekannt. Diese Strukturen leiten Information durch Zug und Druck, Piezoelektrizität und über die Reizung von Nachbarstrukturen (Muskeln, Ganglien) weiter. Faszien sind selbst nicht zu aktiver Bewegung fähig. Akteur ist immer eine muskuläre Struktur, Ursache meist eine arthrogene Störung. Ändert sich die Faszienspannung, dann gerät das gesamte statomotorische System in Aufruhr und es können Fernsymptome entstehen. Die Beziehung der Faszien zur Dura Mater (z. B. im Bereich des Foramen okzipitale magnum) erklärt den therapeutischen Effekt der Kraniosakraltherapie.

Die Neuraltherapie kann Faszien- und Bindegewebssymptomatik durch Behandlung der zugrunde liegenden arthrogenen Störung oder durch Herabsetzung der Muskelspannung beeinflussen. Eine Kombination mit osteopathischer Therapie ist daher sinnvoll.

... und über das vegetative Nervensystem

Ein segmentaler Reiz gelangt über Hinterwurzel und Ramus communicans albus zum Grenzstrang und via Ramus communicans grise-us wieder an den gemischten Nerv. Im Grenzstrang und in den prävertebralen Ganglien wird das Signal jedoch divergent geschaltet, sodass in der Peripherie ein relativ großes Areal in die Reizbeantwortung involviert ist. Dies erklärt die quadrantenartigen oder halbseitigen Ausbreitungsmuster bei chronischen Schmerzsyndromen.

Sympathische Innervation findet sich ubiquitär, sei es via Spinalnerv oder periadventitielles Geflecht um Gefäße, Serosa oder Periost. Auch parasympathische Nerven wie z. B. der N. vagus tragen in ihrem Peri- neurium ein sympathisches Begleitgeflecht. So gelangt das Signal an je-de Stelle des Körpers, vice versa kann Therapie theoretisch über jede Lokalisation erfolgen. Bestimmte Lokalisationen haben sich jedoch empirisch behauptet: Die intrakutane Quaddel ist z.B. der subkutanen Injektion überlegen, die Injektion in einen myofaszialen Trigger übertrifft die unspezifische intramuskuläre Injektion etc. Ein weiteres Beispiel sind die paravertebralen Hautregionen des Rückens. Die Akupunktur beschreibt hier hocheffektive Meridiane (z. B. Blasenmeridian). Wissenschaftliche Erklärung für die Therapieeffizienz ist wiederum der Sympathikus. Dieser ist im Versorgungsgebiet des Ramus dorsalis prozentuell am höchsten vertreten. Dies erklärt auch, warum sich bei Stress nur die Nackenhaare aufrichten, nicht jedoch die Brustbehaarung (Musculi arrectores pilorum sind sympathisch innerviert). Eine Therapie in diesem Versorgungsareal hat modulierende Wirkung auf das sympathische Nervensystem.

Parasympathische Versorgung findet sich nur im Kopf, Stamm, Becken und den ekkrinen Drüsen. Trotzdem sind parasympathische Strukturen für die Neuraltherapie von großer Bedeutung. Beispielsweise laufen Schmerzbahnen im Versorgungsgebiet des N. trigeminus zu einem guten Teil über die parasympathischen Kopfganglien. Daher ist bei Pseudotrigeminusneuralgie die Therapie über diese Strukturen effizienter als eine Blockade der efferenten Trigeminusäste.

Reizausbreitung über die extrazelluläre Matrix

Das ubiquitär anzutreffende interzelluläre System wurde erstmals von Pischinger als „Grundsystem“ beschrieben. Heine setzte Pischingers Forschungen fort und benannte das System in extrazelluläre Matrix (ECM = griech. Muttertier) um. ECM ist ein System aus polymerisierten Glycosaminoglykanen und Wasser, in dem sich zelluläre Strukturen, kollagene Fasern, Transmitter, Zytoki- ne und neurale Strukturen (Nozizeptoren, Synapsen …) befinden. Alle Zellen mit Ausnahme der Odontoblasten sind von diesem System umgeben und jeder Austausch erfolgt als Transit durch die Matrix. Dabei kommt ihr selbst eine hohe regulatorische Potenz zu.

Grundbausteine sind Heparansulfat, Dermatansulfat, Hyaluronan und Chondroitinsulfat. Je nach Gewebeart polymerisieren diese Bestandteile zu großen Molekülen, die in ihrem Gefieder Wasser binden. Dieser Umstand ist die Basis für den Quellungszustand des Gewebes und ein guter Marker für die Palpationsdiagnostik.

In pathologisch veränderten Arealen ändern sich die Wasserbindung und die Molekülstruktur. Die physiologischen Sequenzen der einzelnen Disaccharide in den Makromolekülen sind prinzipiell aufgeklärt, ihre Veränderungen im pathologischen Geschehen jedoch nur bei wenigen Erkrankungen. Änderung der Disaccharidsequenz stellt eine Möglichkeit der Informationsverarbeitung und -leitung dar. Ein weiteres Potenzial hat das gebundene Wasser. Ihm wird eine sehr schnelle, weil ohne Reibung funktionierende Fähigkeit zur Reizausbreitung und Weiterleitung unterstellt, die jedoch bisher in ihrer Konsequenz ungeklärt ist. Klinisches Korrelat ist z. B. die „Myogelose“, eine derbe Quellung der Subkutis in pathologisch veränderten Hautsegmenten.

Wichtig ist, dass sich sämtliche Veränderungen beim Schmerzgeschehen primär in der Matrix abspielen und erst sekundär Auswirkung auf zelluläre Strukturen haben. Nach Omoigui (S. Omoigui: The unifying Law of Pain) resultiert jeder Schmerz aus einer entzündlichen Aktion und ist gekennzeichnet durch eine abnorme Produktion proinflammatorischer Substanzen wie der Zytokine. Diese bilden bei typischen Schmerzsyndromen charakteristische Profile. Diese inflammatorischen Profile bestehen unabhängig von der Intensität des Geschehens und dienen auch zur Erklärung der Störfeldwirkung. Die Neuraltherapie wirkt hier durch die antiinflammatorische Potenz der Lokalanästhetika (Cassuto et al.).

Von Dr. Kurt Gold-Szklarski, Ärzte Woche 48 /2009

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