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Foto: Max-Planck-Gesellschaft, München
Mit der Neuraltherapie wird grundsätzlich ein Reiz gesetzt. Dabei ist der primäre Angriffspunkt die periphere Läsion.
Foto: Privat

Dr. Kurt Gold-Szklarski Arzt für Allgemeinmedizin, Wien

 
Anästhesie 17. November 2009

Der Schmerzspirale mit Neuraltherapie begegnen

Teil 1: Die wichtigste modulierende Funktion dieser Behandlung basiert auf Inhibition vegetativer Fasern.

Die Neuraltherapie ist eine Heilmethode, die der Komplementärmedizin zugeordnet wird, obwohl sämtliche diagnostische und therapeutische Schritte rein schulmedizinischen Ursprungs sind. Ursachen dafür liegen in ihrer Entstehungsgeschichte, in ihrem Fokus auf dem bislang nicht schlüssig erklärbaren Störfeldbegriff sowie in einer weitverbreiteten Unkenntnis der zugrunde liegenden Mechanismen. Die in der Ärzte Woche zu drei Teilen aufbereitete Übersichtsarbeit soll die wichtigsten anatomischen und physiologischen Voraussetzungen skizzieren.

 

Die Neuraltherapie (NT) beschäftigt sich in diagnostischer und therapeutischer Hinsicht mit der Vielschichtigkeit einer individuellen Erkrankung. Sie entstand durch eine zufällige Beobachtung von Huneke, der heute als Begründer dieser Methode gilt. Etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts begann die Grundlagenforschung: Pischinger und Kellner beschrieben das Grundsystem und begründeten damit die moderne Matrixforschung. Trotz unzulänglicher technischer Mittel waren ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zutreffend und werden durch rezente Forschungsergebnisse, etwa jene von Heine bestätigt.

Die Vielzahl klinischer Parameter und die breite Streuung individueller Befundkonstellationen erschweren bis heute die systematische Erforschung der Regulationsmedizin. Als Pionier der klinischen Forschung beschrieb Bergsmann die Biokybernetik. Sämtliche regulationsmedizinische Disziplinen, etwa die damals in Europa gerade Fuß fassende Akupunktur, bedienten sich derselben Erkenntnisse. Der Körper wurde als kybernetisches System, jede Erkrankung als eine individuelle Störung von Information beschrieben. Hauptproblem ist, dass die für die Leitung dieser Information benötigten Energiequanten so gering sind, dass bis heute kaum befriedigende Messgeräte existieren. Apparate für die Messung von Hautwiderstand, elektrischen, thermischen und optischen Parametern sind meist zu unempfindlich oder fehleranfällig.

Nach wie vor beruht die wissenschaftliche Grundlage der Regulationsmedizin auf Kasuistik und interindividueller Beobachtung. Wie in der Physik gilt der Grundsatz, dass Phänomene, die wiederholbar und für verschiedene Betrachter wahrnehmbar sind, als wissenschaftliches Faktum zu akzeptieren sind. Im Zeitalter prospektiv randomisierter doppelblinder Studien, die sich hauptsächlich für die allopathische Pharmakotherapie eignen, besteht trotzdem Bedarf, den Dingen aus einem anderen Blickwinkel auf den Grund zu gehen. Objektivierung, Vorhersagbarkeit und nachvollziehbare Dokumentation stehen ganz oben auf der Wunschliste. Dabei wird übersehen, dass viele Fragen bereits beantwortet sind und lediglich ein Zusammenhang fehlt.

Segmentregulation

Anatomische Grundlage der reflektorischen Krankheitszeichen ist die Segmentreflektorik. Die von Bergsmann als segmentregulatorischer Komplex und von Junghanns als Bewegungssegment beschriebene Einheit von Dermatom, Myotom, Sklerotom, Neurotom und Enterotom beruht auf der Embryonalentwicklung der Somiten (Ursegmente) und ihrer weiteren Reifung. Sämtliche Partnerstrukturen behalten ihre Verwandtschaft zeitlebens als spinale Peripherie und reagieren bei Erkrankung einer Struktur ebenfalls mit pathologischem Verhalten. Durch kortikale Interpretation werden die Symptome vom Patienten oft fehlbeurteilt, aber auch Therapeuten haben wiederholt Schwierigkeiten, rein muskuloskelettale Störungen von projektionsbedingten Symptomen viszeraler Organmanifestationen zu unterscheiden.

Physiologische Mechanismen

Ein Reiz gelangt von Rezeptoren bzw. Nozizeptoren über einen gemischten afferenten Nerv ans Hinterhorn. Die Schaltstelle, speziell das WDR (Wide Dynamic Range)-Neuron verarbeitet diesen je nach Intensität, Qualität und Zustand des Gates. Das Resultat sind efferente reflektorische Antworten der somatischen Systeme und eine vegetative Begleitreaktion, die via Grenzstrang und postsynaptisch-sympathischem Geflecht laufen. Zentral wird der Reiz bei geeigneter Qualität und Intensität via Thalamus zu kortikalen und subkortikalen Zentren geleitet. Von dort deszendieren inhibitorische Bahnen, welche die Intensität des Signals begrenzen.

Primärer Angriffspunkt der NT ist die periphere Läsion. Dies kann eine rezente noxische Läsion, eine oligosymptomatische Narbe oder ein postentzündliches Residuum sein („Störfeld“). NT wirkt durch Hemmung der Nozizeption und der Leitung im afferenten Nerv. Indirekte verstärkende Faktoren der „Entzündungssuppe“ werden durch spezifische antiinflammatorische Effekte der Lokalanästhetika (LA) antagonisiert. Einer pH-Senkung im entzündlichen Milieu wirken basische LA entgegen.

Die Transmission ins Hinterhorn kann durch Leitungsunterbrechung verhindert werden. So werden die WDR-Neurone entlastet, gesteigerte reflektorische Reizantworten können abklingen, Genexpression und der Aufbau eines Schmerzgedächtnisses werden vermieden. Ein direkter Einfluss auf Rückenmarksebene besteht für die NT nicht. Auf den Cortex kann durch Infusions- bzw. intravenöse Verabreichung von LA direkt Einfluss genommen werden. Die Wirkmechanismen sind nicht geklärt, eine modulatorische Wirkung auf verschiedene Schmerzsyndrome ist aber klinisch erwiesen. Ein weiterer kortikaler NT-Effekt ist die Aktivierung der Pyramidenbahnhemmung, z. B. durch Triggerpunktinfiltration.

Die wichtigste modulierende Funktion übt NT über die Inhibition vegetativer Fasern aus. Über mehrere Therapielokalisationen kann das efferente und afferente vegetative Signal abgeschwächt und der Circulus vitiosus der Schmerzspirale unterbrochen werden. Durch die segmental reflektorische Verschaltung gelangt der therapeutische Reiz auch an Regionen, die nicht direkt mit der Nadel erreicht werden können (Viszera).

 

Literatur beim Verfasser

Von Dr. Kurt Gold-Szklarski, Ärzte Woche 47 /2009

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