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Kolumne Nebenwirkungen 7. Dezember 2007

Patienten sind anders. Ärzte auch.

Patienten sind anders. Ärzte auch.
Am deutlichsten treten die Unterschiede bei der Sprache zu Tage. Jede Gruppe bedient sich einer eigenen Diktion.

Die klagevolle Ansage „Herr Doktor, mir tut mein Fuß weh!“ bedeutet nicht unbedingt, dass sich der Schmerz tatsächlich an der angegebenen Lokalisation befindet. Vielmehr könnte damit auch das ganze Bein gemeint sein. Und wie oft blickte ich als junghüpfender Turnusarzt meinen betagten Patienten bei der anamnestischen Erhebung der Kinderkrankheiten mit verständnislosen Augen an, wenn sie mir von den „kleinen“ und den „großen Tüpfeln“ berichteten. Gewisse Aussagen können den Arzt verwirren.
Zum Glück können wir die Patienten mit unserem Wortschatz noch mehr verblüffen. Die Sprache gibt uns die Macht zu zeigen, wo der Barthel den Most herholt oder, um es medizinisch zu formulieren, wo der Anästhesist seine Privatgelder lukriert: „Die Galle von Zimmer 12 mit den niedrigen Erys wurde verlegt!“ Ärzte wissen, was hier gemeint ist. Für den gemeinen Patienten bedeutet dies aber, dass die blasse Omi, die gestern operiert wurde plötzlich weg ist und keiner weiß, wo Omi ist. Sprache kann aber auch befremden: „Die Frau Doktor ist grad steril!“ Ein „Sie wollte ohnehin keine Kinder mehr“ ist hier wohl fehl am Platz. Auch die Auskunft „Er macht gerade eine Leber“ bedeutet nicht unbedingt, dass sich ein Arzt in die Küche verirrt hat. Und umgekehrt kann mit dem Transfusionsraum auch das Kaffeekammerl gemeint sein.
Man kann sich bemühen, Klarheit und Transparenz für die Patienten zu schaffen. Man kann sich aber auch hervorragend hinter einschlägigen verbalen Konstruktionen verschanzen. „Ursächlich denke ich an eine idiopathische Erkrankung multifaktorieller Genese“ klingt doch weitaus fundierter als „Keine Ahnung, was Ihnen fehlt.“ Nicht die Behandlung ist wirkungslos, der Patient ist vielmehr „therapieresistent“. Nicht die Aufklärung war mäßig, sondern seine „Compliance“ ist unterm Hund. Ein „positiver Befund“ mag den Histopathologen erfreuen, nicht so sehr seinen Patienten.
Und wenn sich die iatrogen vom Patientennachtkasterl verschwundenen Weihnachtskeksi innerhalb des ärztlichen Körpers gastrointestinal per vias naturales fortbewegen, dann liegen bei aller Offenheit selbst diese kleinen Sünden hinter schönen Formulierungen verborgen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 49/2007

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