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Kolumne Nebenwirkungen 29. November 2007

Zwei grundverschiedene Wesen

Chirurgen sind vom Mars, Internisten von der Venus. Zwei grundverschiedene Wesen. Zusammen leben sie oft unter einem Dach. Doch können die beiden miteinander? Ohne Hintergedanken?

Klischee hin oder her: Das Chirurgische stellt doch irgendwie eine männliche Domäne dar: Da wird wenig geredet und wenn, dann zur Sache, zu Autos, Politik, Sport und manchmal auch zum Anästhesisten. In erster Line wird aber gehandelt. Schnell, ohne viel Umschweife und zur Sache kommend. Und in seltenen Fällen, so wird berichtet, saust auch das eine oder andere scharfe Instrument durch den Operationssaal. Diese testosteronschwangere Umgebung kann man getrost als Krankenhaus-Yang bezeichnen. In der Yin-Abteilung, wo die Internisten zu Hause sind, regiert das Wort. Das weibliche Prinzip. Dort wird geredet. Nicht unbedingt mit Patienten, aber zumindest untereinander.
Die Problemlösungsstrategien sind demnach komplett verschieden: Internisten benötigen Menschen, die in gefühlvollem, verbalem Austausch mit ihnen stehen, sie verstehen, bereitwillig Information geben und heikle Themen besprechen. Reden um des Redens willen. Chirurgen hingegen verkriechen sich bei auftretenden Problemen in ihre Höhle und operieren.
Wenn zwei Berufsgruppen innerhalb einer Berufsgruppe unterschiedlicher nicht sein können, so sind dies Internisten und Chirurgen. Stoßen diese beiden Prinzipien aneinander, so sind Kommunikationsprobleme vorprogrammiert. Wie der folgenden Beziehungskrise deutlich zu entnehmen ist.
Chirurg: „Trau dich, schneiden wir. Kann doch eh nichts passieren.“
Internist: „Aber können wir zuerst nicht einfach nur schauen?“
Chirurg: „Komm schon, wir wollen doch beide dasselbe.“
Internist: „Ich würde gerne noch einmal drüber reden.“
Chirurg: „Du bist so was von prüde.“
Internist: „Du redest ja nie mit mir. Du redest ja nicht einmal mit unserem Radiologen, obwohl wir doch ausgemacht haben, dass wir alle hingehen!“
Chirurg: „Der kostet nur Geld und bringt nichts!“
Internist: „Und wie soll das jetzt weitergehen?“
Chirurg: „Nur mit Schauen kommen wir nicht weiter!“
Internist: „Bis du dich wieder mit dem Pathologen einlässt.“
Chirurg: „Geh, das war doch ein Ausrutscher.“
Internist: „Was hat der, was ich nicht habe?“
Chirurg: „Komm, hör auf zu weinen. Tun wir gemeinsam noch ein bisserl schauen, gut?“

So lebten die beiden glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, so schauen sie noch heute. n

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 48/2007

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