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Kolumne Nebenwirkungen 22. November 2007

Der Vergleich macht Sie sicher

Im Wettstreit Hausarzt – AKH verweist die moderne High-Tech-Medizin die praktischen Kollegen auf die Plätze. Zumindest in einem virtuellen Gedankenexperiment. Möge der Bessere, nicht der Billigere gewinnen!

Wir verfügen über einen Patienten mit dem Symptom eines verstärkten Harndranges. Zu Testzwecken schneiden wir den Probanden (n=1) randomisiert in zwei Hälften, besser gesagt, wir klonen ihn und schicken ihn einerseits in die Hausarztpraxis, andererseits in den medizinischen Olymp des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Im direkten Head-to-Head-Vergleich Hausarzt gegen AKH, David gegen Goliath. Auch wenn unsensible Menschen den AKH-Head als Wasserkopf bezeichnen, so ist es doch legitim, die beiden gegeneinander antreten zu lassen.
Wir beginnen mit der Anreise- und Wartezeit – hier ist natürlich der Allgemeinmediziner in der Regel deutlich flotter, mindestens um den Faktor 3. In der AKH-Ambulanz fällt allerdings das persönliche Vorgeplänkel weg, also die drei W-Fragen („Wie geht‘s der Familie?“, „Wie geht‘s den Kindern?“, „Wie geht‘s?“). Dennoch wird dabei kaum Zeit gewonnen, denn hinzu kommen die W-Fragen des Patienten bei der Suche nach der richtigen Ansprechperson („Wer ist hier zuständig“, „Wo muss ich hin“ und „Wo bin ich überhaupt?“). In Summe: Hausarzt 2 Schritte vor.
Jetzt geht’s an die Diagnostik: Der Hausarzt macht einen Harnstreifen, das AKH macht „Harn komplett und noch mehr“. Nachteil: Der Hausarzt könnte bei seinem spartanischen Sparefroh-Labor eine genetisch bedingte familiäre Erkrankung übersehen, die in 1,2 Promille aller Fälle auftritt. Dieses Restrisiko bedeutet für den Hausarzt einen halben Schritt zurück. Noch führt der Praktiker. Doch in der niedergelassenen Praxis muss der Patient weite Fußmärsche zurücklegen, um etwa zu einem Röntgeninstitut zu kommen. Im AKH ist hingegen alles unter einem Dach. Und obwohl die Wege deswegen nicht kürzer werden, wird man zumindest nicht nass und man erspart sich frische Luft. Gleichstand.
Nun beginnt der für den Praktiker demütigende Siegeszug klinischer Diagnostik: Der Hausarzt palpiert den Bereich über der Blase und klopft die Nieren ab, das AKH arbeitet umgehend mit Ultraschall, Uroflowmetrie, Harnröhrenkalibrierung, Zystoskopie und Ganzkörperszintigrafie zum Ausschluss von allem, was es so gibt in der Medizin. Tausende Punkte für das AKH.
Und bei der Therapie muss man leider eingestehen: Die Großklinik ist nicht mehr zu schlagen. Der laipdare Vorschlag des Hausarztes: „Trinken Sie mehr“ kann hier nicht mithalten. Die auf dem 480-seitigen Patientenordner basierende Empfehlung des AKH: Drei Mal täglich H2O-Trockenpulver, aufzulösen in Wasser und leider nur in der roten Box erhältlich. Und da soll einer noch sagen, alle würden mit Wasser kochen!

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 47/2007

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