zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 14. November 2007

Durchgestrichenes Cremetörtchen statt

Ein durchgestrichenes Cremetörtchen statt des nüchternen Aufdrucks „Statin“ sollte dem Endverbraucher, im Sinne der Kundenfreundlichkeit, von der Medikamentenpackung entgegenstrahlen.

„Wozu san die?“ Mit hoffnungsvollen großen Augen blickt mich meine Patientin, Frau K., 81, an und leert den Inhalt ihrer Tasche auf den Tisch. Pillen, Tabletten und Kapseln aller Größen und Schattierungen breiten sich vor mir aus. Nachdem ich die Suppositorien erfolgreich von den hellblauen rautenförmigen Tabletten (woher hat sie die denn?) sortiert habe, geht es daran, die anderen Mittelchen zu identifizieren. Mangels Zeit und Befähigung beschließe ich, sosehr ich die Worte meiner Großmutter auch im Stammhirn internalisiert habe (die Inder wären froh darüber), die Tabletten zu entsorgen, statt sie einer Entwicklungshilfsorganisation in die Schuhe zu schieben. K. bekommt neue Mittel verschrieben und ist zufrieden.
Dennoch bezweifle ich stark, ob sie zu Hause noch nachvollziehen kann, wofür welche Tablette sein soll, selbst wenn diese noch in der Originalverpackung auf den Verzehr wartet. So eine Medikamentenschachtel – und dieser Begriff sei bitte nicht als Beleidigung meiner betagten Patientin missverstanden – ist für den Endverbraucher nicht zu klassifizieren. Wie würden wir uns verhalten, wenn wir zum Beispiel beim Billa die Tiefkühlkost nur mehr in weißen Kartons verpackt bekommen? Auf denen keine Fischstäbchen, Erbsen oder sojafreies Soja abgebildet ist, sondern lediglich – und dies in handlich kleiner Schrift – sehr kryptische Angaben wie E423, E712 und E-klar gedruckt sind. Natürlich kann man in die Packung blicken, nur: Die Differentialdiagnose zwischen einem tiefgekühlten Marillen- oder Grammelknödel und einem zerdrückten Zitronensoufflé zu stellen, ist wahrhaft nicht einfach. Und hier geht es nicht einmal um Leben oder Tod, sondern lediglich um die Frage, ob einem ein Grammelknödel auf Zuckerbröseln auch schmeckt.
Wem nützt es, wenn die weiße Tablette in der Packung an der Außenseite nochmals vergrößert abgebildet ist? Ich empfehle dringend etwas User-freundlichere Designs, die eine klare Unterscheidung ermöglichen. Ein symbolisch abgebildeter Gastrointestinaltrakt ist zwar hie und da zu finden, doch wenn man drei verschiedene Tabletten „für den Magen“ einzunehmen hat, steht man wieder an. Eine klare Symbolik muss her: ein durchgestrichenes Säurefläschchen in einem lachenden Fundus, ein Dirigent mit Taktstock neben einem schlagenden Herzen und ein glückliches Stuhlhäufchen nach erfolgreichem Abgang. Auch die dunkle Wolke im Kopf eines kleinen Männchens lässt sich als Symbol bei Antidepressiva einsetzen. Psychopharmaka können generell als kreatives Betätigungsfeld für Grafiker herhalten. Meine Ideen zur Schachtelgestaltung gewisser hellblauer rautenförmiger Tabletten kann ich aus Platzgründen leider hier nicht veröffentlichen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 46/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben