zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 8. November 2007

Der Körper: das Betätigungsfeld vieler Experten

Man sollte meinen, im Laufe der Jahrhunderte hätten sich die Ärzte die Felle des menschlichen Körpers aufgeteilt. Je nach erkranktem Organ wäre ein bestimmter Mediziner zuständig. Das klingt logisch. Wenn aber zusätzlich zur entzündeten Leber noch ein Hautausschlag dazukommt, dann handelt es sich möglicherweise schon um ein Syndrom. Und das zieht Fachärzte an, wie eine Hammerzehe die Orthopäden!

Manche Organe scheinen eine klare Heimat in der Fachwelt zu haben. Etwa der Uterus. Hier hat sich die Gynäkologie den Feten zum Vorbild genommen und sich gemütlich eingenistet. Bei der weiblichen Brust sieht die Sache schon anders aus. Gilt es doch, dieses Gebiet in freundlicher Kooperation mit den Chirurgen zu besiedeln. Lange Zeit verschoben sich die Grenzen in die eine und die andere Richtung, ernst gemeinte Vorschläge, die Gynäkologen mögen sich mit der rechten, die Chirurgen mit der linken Brust begnügen, verliefen im Sand. Erst die Schaffung einer interdisziplinären Senologie sah irgendwie nach Kompromiss aus.
Viele Menschen wissen ja gar nicht, wie begehrt ihre Organe sind. Also abgesehen davon, dass Dialysepatienten nichts gegen die eine oder andere Niere einzuwenden haben – auch Fachleute streiten sich darum: Wer darf die Niere behandeln? Der Internist, der Urologe, der Chirurg? Mittlerweile mischen sich die Radiologen auch ein und sagen: Das können wir auch! Besser! Wenn man es nicht schafft, ein Organ einer Fachgruppe eindeutig zuzuordnen, dann gibt es auch die Möglichkeit des zeitlichen Aufteilens: So gehört die Niere vor der Geburt den Gynäkologen; von 0 bis 18 den Kindernephrologen, zwischen 18 und 75 den Internisten von oben und den Urologen von unten, eventuell kurzfristig den Transplantationschirurgen, ab 75 den Geriatern und nach dem Ableben den Pathologen. Dies ist eine Art Time-Sharing! Wie eine Ferienwohnung, die weitergegeben wird und von Mal zu Mal, das heißt von Mieter zu Mieter mehr abgewohnt aussieht. Was einerseits sicherlich auf das steigende Alter des Objektes zurückzuführen ist, andererseits mitunter auch auf allzu wilde Einstandspartys der Mieter.
So gibt es in der Medizin eine Menge Grenzbereiche zwischen den einzelnen Fachrichtungen, eine Art therapeutischen Gaza-Streifen. Wer von den kämpfenden Parteien ein Niemandsland erobert hat, der kann großmütig den Nachbarn sagen: „Ihr könnt‘s uns interdisziplinär gerne unverbindliche Tipps geben.“ Interessanterweise ist hier der Bauer unter den Ärzten, der Hausarzt, plötzlich zur Dame geworden, denn er darf im Prinzip alles und überall. Vielleicht wäre es ein Fluch, wenn er dann plötzlich doch einmal zum „Facharzt“ für Allgemeinmedizin mutiert. Eine Bezeichnung, die ihn im schlimmsten Fall auf seinen Platz verweist, fernab von den Spezialisten und weg von den ohnehin schon dreifach besetzten Organsystemen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 45/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben