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Kolumne Nebenwirkungen 31. Jänner 2008

Vorsorgemedizin für den Deep Impact

Sind die Prognosen der Astronomen nicht so schwammig wie die der Mediziner, so wird die Erde 2029 nur knapp einer Katastrophe entgehen.

Mit Erschütterung (und gleichzeitig mit einem beruhigenden Blick auf meinen Terminkalender, in dem für diesen Tag noch keine Patienten eingetragen waren) las ich, dass am 13. April 2029 ein Himmelskörper unseren Planeten nur um Haaresbreite verfehlen und sich zwischen Erde und Mond durchkatapultieren wird. Vielleicht. Vielleicht verfehlt er uns auch nicht. Und dass der Komet irgendwann einmal kommt und die Welt nicht mehr lang steht, wissen wir spätestens seit Lumpazivagabundus, die jüngere Generation seit Armageddon.
Aber können wir ein für die Gesundheit der Menschheit derart bedeutendes Ereignis als Ärzte einfach ignorieren? Schließlich haben wir Mediziner einen ständigen Drang, etwas zu tun. Eine Art Handlungs-Inkontinenz ist uns eigen. Deshalb ist die goldene Regel für den modernen Arzt längst nicht mehr „nihil nocere“, sondern „nihil umaranand-sitzen“.
Ärzte müssen also agieren, nur: Wie geht man als verantwortungsvoller Arzt und Vorsorgemediziner mit einem möglichen Planetoiden-Einschlag um?
Wir wären keine guten Ärzte, hätten wir nicht auch für derartige Fälle Rezepte parat. Menschen brauchen Empfehlungen und dafür bedarf es natürlich auch der (von jeder Fachgesellschaft gesondert erstellten) Guidelines for the Prevention and Therapy of Asteroid-Attacks. Bereits primärpräventiv lässt sich einiges bewegen: So raten Kardiologen dazu, alle Menschen bis zum Tag X hinsichtlich Blutdruck-, Glukose- und Blutfettwerten gut einzustellen; Zahnärzte fordern wegen der zu erwartenden Erschütterung, sämtliche Füllungen gegen Keramikinlays zu tauschen; und die Urologen empfehlen, vorher noch rasch aufs Klo zu gehen.
In der Sekundärprävention – also wenn eine Person anamnestisch bereits von einem kleinen Asteroiden oder zumindest einem Stein am Kopf getroffen wurde und ein weiterer Einschlag ebendort fatal wäre – ist die Forschung gefragt. Die Weiterentwicklung der PDE-5-Hemmer etwa zu „Viagra forte“ kann eine Stabilisierung des gesamten Körpers inklusive Kopf bewirken. Palliativ kommt entweder die Gabe von Happy-Pills respektive Sedativa oder alternativ der Besuch eines guten Weinkellers in Frage. Ein Hamstern und Bunkern der individuell benötigten Dauermedikation ist dabei dringend anzuraten (aus den Guidelines of the Pharmaceutical Industry for Asteroid-Attacks). Die Rehabilitation stellt sicherlich den Löwenanteil dar: Aspirin wird dann schwer, ein Termin beim Cranio-Sacral-Therapeuten erst in Jahrzehnten zu bekommen sein.
Übrigens: Nationale Pläne für die Katastrophe gibt es selbstverständlich auch von Regierungsseite: So darf bei Menschenaufläufen, die den einschlagenden Himmelskörper beobachten, einzig und allein dänisches Carlsberg-Bier ausgeschenkt werden.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 5/2008

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