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Kolumne Nebenwirkungen 24. Jänner 2008

Aktuelle Diskussion

Der aktuellen Diskussion um Erziehungsmaßnahmen für jugendliche Straftäter folgt nun die Forderung, auch unartige Patienten und Compliance-Straftäter in Besserungsanstalten oder Umerziehungs-Camps zu stecken.

Natürlich studiere ich die Ärzte Woche auch abseits dieser Kolumne. Obwohl ich diese köstlichen „Nebenwirkungen“ selbst immer wieder auf Neue lesen muss, des Öfteren ob der subtilen Komik sogar in schallendes Gelächter verfalle. Manchmal amüsiert mich aber ein Artikel im vorderen Teil des Blattes noch mehr. Etwa ein Bericht in der jüngsten Ausgabe über die neue Idee unserer nördlichen Nachbarn: nämlich brave Patienten, die tun, was wir ihnen sagen, zu belohnen, schlimme Menschen, die aufgrund ihrer mangelnden Compliance eine Gefahr für sich und die Gesellschaft darstellen, finanziell zu bestrafen.
Schließlich legen therapieunwillige Personen ein ganz und gar asoziales Verhalten an den Tag. Und so, wie man sich an Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten hat, muss auch eine Übertretung der medizinisch relevanten Grenzwerte im Körper geahndet werden.
Doch was gilt als gesundheitliches Fehlverhalten? Aktiv- und Passivrauchen? Aktiv- und Passivtrinken? Zu fressen oder zu lungern? Die guten verordneten Medikamenten zum falschen Zeitpunkt, nur zum Teil oder gar nicht einzunehmen? Oder sich zu sehr über seine Mitmenschen zu ärgern, sich nach dem Baden nicht die Zehenzwischenräume abzutrocknen, an Wimmerln herumzudrücken oder in einem Monat mit einem „r“ barfuß über die Wiese zu laufen?
Keine Frage, all dies ist eindeutig grob fahrlässiges Verhalten und erfordert, wie die deutschen Kollegen absolut richtig einmahnen, Disziplinierungsmaßnahmen. So können auch eine Reihe schöner neuer Posten im Medizinbereich geschaffen und die Wartezeit für Jungärzte durch ein organisiertes Denunziantentum verkürzt werden: Geschulte Kontrollmediziner dürfen dann Patienten, die sich in der Konditorei bereits die zweite Cremeschnitte reinziehen oder nach Mitternacht schlafen gehen, bei der Krankenkasse vernadern.
Auf Empfehlung eines visionären ÖVP-Generalsekretärs, der sich in diesen Tagen laut Gedanken über unsere verdorbene Jugend macht, könnten auch die medizinisch-kriminellen Elemente in Besserungscamps und Umerziehungsanstalten belehrt werden.
Dabei braucht es natürlich kreative Methoden zur Disziplinierung: So lässt man unverbesserliche Diabetiker unter Aufsicht eine Stunde lang vor einer Kuchenvitrine knien und isoliert sture Raucher über zwei Wochen in einen Raum mit zwei Stangen Zigaretten, ohne Feuerzeug. Es gilt dabei natürlich nicht, die vertragsbrüchigen Patienten zu demütigen, vielmehr kann so ein kleiner freiwilliger Zwang helfen, die Menschen wieder in das artige Patientengut zu resozialisieren.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 4/2008

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