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Kolumne Nebenwirkungen 17. Jänner 2008

Angekündigte Präventionen finden nicht statt

Weniger die zu Neujahr getroffenen Vorsätze als vielmehr die darauf folgenden Selbstgeißelungen und Gewissensbisse sind von penetranter Dauer. Und doch zählt irgendwie der Wille fürs Werk.

Die ersten zwei Wochen des Jahres sind erfüllt von ehrlichen und wahrlich ernsthaften Bemühungen, sich des einen oder anderen Lasters zu entledigen. Was bedeutet, dass man die letzten 50 Wochen des Jahres genügend Zeit hat, sich seinen Selbstvorwürfen hinzugeben. Der Arzt ist sich dabei seiner Rolle als schlechte Gewissensinstanz durchaus bewusst. Da können wir unseren bedeutungsschwanger-vorwurfsvollen Blick, den wir über die Weihnachtsfeiertage perfektioniert haben, endlich wieder in der Praxis anwenden.
Gerade in dieser sensiblen Zeit des jungen Jahres wird eine Menge Asche (von den wieder gerauchten Teerstangerln) auf die gescheiterten Häupter gestreut. Im verzweifelten Versuch, das Nikotinpflaster optimal zu positionieren, kommen die nunmehrigen Ex-Ex-Raucher letztendlich zu der Erkenntnis, dass die einzige zur Abstinenz verhelfende Lokalisation am Körper die gleichzeitige Anbringung an Ober- und Unterlippe darstellt. Die Patienten auf Entzug wanken zitternd in die Praxis und wagen ihrem Arzt kaum in die Augen zu blicken.
Auch findet sich immer eine kleine Gruppe von Zeitgenossen, die geloben, nach dem diesjährigen Mega-Kater zu Silvester keinen Alkohol mehr anzurühren – nie wieder –, es wird der Völlerei abgeschworen und ein Eid auf ein asketisches Jahr voller Entbehrungen abgelegt. Auf so ein Versprechen muss man natürlich erstmal einen heben gehen.
Läppische 30 Minuten Sport täglich würden die garstigen Blutwerte wieder in Ordnung bringen können, hat der Doktor gesagt. Nun, man beginnt einmal passiv mit der Vierschanzentournee und den Kitzbühlrennen – schließlich fängt man jede Sportart mental an. Und auch der zu Weihnachten erworbene Hometrainer, der im Teleshop noch Gesundheit, Wohlbefinden, Schönheit und Reichtum versprach, muss sich langsam, aber sicher mit seinem Schicksal abfinden, ab nun als Wäschetrockner zu fungieren.
Ja, auch wir Ärzte haben uns eine Menge vorgenommen: einerseits endlich diesen großen Haufen Fachliteratur durchzuackern, der mehr oder weniger schön geschlichtet seiner Sichtung harrt. Und wir wollen viel geduldiger sein mit Patienten, die es selbst nicht sind. Und wollen uns in gleichem Maße mehr der Medizin, den Patienten, der Familie und uns selbst zuzuwenden. Zum Glück soll das kommende Jahr 1.460 Tage haben, sodass sich dieses Vorhaben sicherlich in die Tat umsetzen lässt.
So stehen Mitte Jänner desperate Patienten gescheiterten Ärzten gegenüber. Beide Seiten beschließen, über die bereits jetzt gebrochenen Vorsätze Stillschweigen zu wahren und keine weiteren ernsthaften Versuche bis 2009 zu unternehmen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 3/2008

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