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Kolumne Nebenwirkungen 11. Jänner 2008

Gedanken zu Patientengeschenken

Gedanken zu den vielen lieben hochprozentigen Patientengeschenken. Warum wird man als Gesundheitsguru von seinen Jüngern derart diabolisch verführt?

In den stillen Tagen des ausklingenden alten und des beginnenden neuen Jahres werden Erinnerungen an meine gute alte Landarztzeit wach: Als man von den Patienten, quasi als erweitertes Familienmitglied, in den Kreis der zu beschenkenden Personen aufgenommen wurde. Vielleicht galt es, sich für die erbrachten Serviceleistungen erkenntlich zu zeigen. Vielleicht auch, ihn milde zu stimmen und die bösen Geister von Siechtum und Leid, mit denen die Mediziner engeren Kontakt zu pflegen scheinen, fernzuhalten. Oder man erwartete einfach, im kommenden Jahr etwas schneller dranzukommen.
Und so wurden in den Tagen vor der Weihnachtssperre (in Fachkreisen, aufgrund der Rezept-Hamsterung durch betagte Patienten auch Weihnachtsschlussverkauf bezeichnet) die feinsten Gaben gebracht. Bei den meisten Geschenken handelte es sich um puren Alkohol, gespritzten Alkohol und Restalkohol. Und selbst die sorgsam aufbewahrte und nun endlich weitergereichte Bonboni­ere, Jahrgang 1995, enthielt zumindest im Innenleben eine gehörige Portion Cointreau. Tatsächlich hätte man mit der Menge der gebrachten Alkoholika eine russische Kleinstadt über den Winter oder eine österreichische Schulklasse über das Adventkränzchen bringen können.
Einerseits erfreut es das ärztliche Ego, derart fürstlich beschenkt zu werden. Anderseits fragt man sich beim Genuss der Gaben natürlich sorgenvoll, was einem die Patienten in derart großer Einstimmigkeit damit sagen wollen. Hat man sich in seiner Rolle als Gesundheitsförderer und Wellness­apostel nicht klar genug definiert? Oder hält sich das hartnäckige Gerücht, dass das tägliche Viertel Obstler am Abend gut für Herz, Hirn und Leber sei? Legt man seinem persönlichen katholischen Priester eigentlich auch eine Saisonkarte für den Swingerclub auf den Gabentisch? „Ich weiß, Sie müssen das ganze Zeug ja predigen, aber wir Männer verstehen uns doch …“
Man muss den Schenkenden jedoch zugute halten, dass man in Österreich bei nicht ganz so gut bekannten Menschen mit Promille­hebern meist nichts falsch machen kann. Es könnte auch schlimmer kommen. Nämlich wenn durch­sickert, dass Sie ein Faible für Elefanten haben. Dann biegt sich der Tisch unter der PVC-Figur, der Zoo-Dauerkarte und kleinen geschmuggelten Elfenbeinkettchen. Und ganz gut meinende Menschen finden sicherlich Elefantenkaraffen – befüllt mit reichlich Hochprozentigem.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 1/2008

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