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Kolumne Nebenwirkungen 25. Oktober 2007

Ist ein Arzt an Bord?

Die ärztliche Beistandspflicht ist uns bewusst und das Wohl der Menschheit ein Anliegen. Aber ganz so wohl ist uns selbst nicht immer dabei. Vor allem, wenn der Notfall nicht in unser Wissensgebiet fällt.

Zwei zufällig anwesende Ärzte bringen in Flugzeug Baby zur Welt.“ So lautete die fette Schlagzeile in einer Boulevardgazette. Einer der Mediziner entpuppte sich als Kinderkardiologe, der nach erfolgreicher Reanimation und unter dem Applaus der Passagiere die Geburt des 3.500 Gramm schweren Jungen verkünden konnte. Nun freut man sich zum einen über die gelungene Aktion der Kollegen, grübelt jedoch auch darüber nach, mit welch unsäglichem Glück der neue Erdenbürger gesegnet war: eine Maschine auszusuchen, in der über dem Atlantik ein Kinderkardiologe weilte. Welch unsägliches Glück, dass der Spezialist nicht ein Facharzt für Haarausfall und Faltenkunde, Subdisziplin Zumpferlstraffung, war.
„Die Optionen: Vorbereiten oder unter den Sitz kriechen.“
Sogleich schreckt es manchen Kollegen, der die ärztlichen Aufgaben bei Niederkunft noch aus grauen Vorzeiten im Turnus oder gar nur von Grey’s Anatomy kennt. Ein eingefleischter Orthopäde kann darauf hoffen, dass bei der ihm zugedachten Spontangeburt in 8.000 Meter Höhe der Spross in Steißlage zur Welt kommt und dem Arzt zwecks Orientierung die Füße entgegenstreckt. So kann der Kollege, zur Überbrückung einiger peinlicher „Ruhig ausatmen“-Ratschläge seine Kompetenz mit der Attestierung eines Senk- und Spreizfußes unter Beweis stellen. Wer nicht das schlaflose Glück hatte, in seiner Ausbildung nächtelange Dienste auf der Geburtshilfe geschoben zu haben, kann sich mit dem oft zitierten Satz beruhigen: „Wenn’s mal so schnell geht, geht’s meist auch gut.“ Mit diesem Slogan ist auch unser Ex-Kanzler lange Zeit gut gefahren. Nur erwartet man von einem Mediziner aber doch ein gewisses Allround-Talent, Spezialist hin oder her. Abhören, Gipsen und Geburten will der Volksmund eben von jedem Arzt gekonnt wissen.
Interessanterweise hört man von Durchsagen wie „Ist ein Koch an Bord? Wir haben hier ein zusammengefallenes Soufflé“ eher selten. Und wenn der anwesende Koch nur in einer Schnellkantine groß geworden ist, so wird er die verendende Speise auch nicht retten können. So bleiben dem Arzt im Flieger nur die Optionen, sich entweder zuvor auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet zu haben oder sich unter den Sitz zu verkriechen und zu hoffen, dass noch ein weiterer Mediziner zugegen ist. (Zu erkennen an der kriechenden Position unter dem Sitz.) Übrigens kann ich bei meinem nächsten Flug auf die nette Durchsage der Flugbegleiterin „Ist ein Pilot an Bord?“ eher verzichten.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 43/2007

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