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Kolumne Nebenwirkungen 18. Oktober 2007

Gender-Medizin stark im Vormarsch

Seit rund zehn Jahren erkennt man, was man lange Zeit nicht erkennen wollte: Wir Y-Doktoren in den medizinischen Chefgremien dürfen die Frauen nicht länger auf den Körper allein reduzieren, auf Eierstöcke und Gebärmutter, nein, alle einschlägigen Experten bestätigen, im Sinne einer umfassenden ganzheitlichen bio-psycho-sozialen Betrachtung: Die Frau ist ein Hormon!
Nur: Wie viel Hormon braucht die Frau? Und braucht jede Frau im Wechsel eine Hormonersatztherapie? Bis vor einigen Jahren lag das Spektrum zwischen „ja, unbedingt“ und „auf jeden Fall“. Bis vor einigen Jahren waren Hormone das Non-plusultra; nicht nur für Frauen im Wechsel, sondern auch ausgeweitet für Frauen knapp vor und knapp nach dem Wechsel, also zwischen Pubertät und Seniorenheim. Und bis vor einigen Jahren war die Begeisterung grenzenlos: Nicht nur bei klimakterischen Beschwerden half dieser östrogenhaltige Jungbrunnen, auch die Haut wurde geschmeidiger, die Intelligenz, das Sozialverhalten und überhaupt die Existenz im Universum als Ganzes waren einfach besser.
Und dann kam diese unsägliche Geschichte – die mit den Amerikanern. Diese Geschichte, dass die vielen Hormone, die man/frau hineinschüttet, vielleicht gar nicht so gesund sind wie das tägliche Apferl. Und dann kam diese unsägliche Diskussion – ob denn amerikanische Frauen die Hormone vielleicht nicht so gut vertragen wie die unsrigen. Immerhin sind sie ja weit weg, leben in einem fernen Land mit anderen Sitten und Gebräuchen und reden auch ganz anders. So eine Studie wie die Women’s Health Initiative kann daher gar nicht auf unsere Frauen umgelegt werden. Unsere Frauen vertragen auch verhältnismäßig mehr Obstler als ihre amerikanischen Geschlechtsgenossen.
Und dann war da noch die Geschichte mit den Ärzten, den amerikanischen. Die diese ganzen Hormone völlig unkritisch an ihre Patientinnen verteilten. Weil ein Volk, das sich so benimmt, naturgemäß nicht kritisch sein kann. Im Gegensatz zu uns, die wir nur und ausschließlich kritisch verordnen. Wie oft muss ich mir von meinen Patienten anhören: „Mein Gott, Herr Doktor, sind Sie heute wieder kritisch!“
Und das befriedigt. Dass man in einem Land lebt, das kritisch verordnet. Ein Land, das den goldenen Mittelweg der Medizin beschreitet. In dem man sich völlig begeistert die neuesten Guidelines der amerikanischen Gesellschaften reinzieht.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 42/2007

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