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Kolumne Nebenwirkungen 11. Oktober 2007

Drei klassische Vertreter der allgemein-medizinischen Hausärzte-Zunft

Typ A, „der vorsichtige Überweiser“, ist vom Schlag der Safety-First-Generation. Lieber ein paar Wege zu viel (für den Patienten), ein wenig mehr Schläuche da rein, etwas mehr Blut da raus, ein kleines Quäntchen Strahlendosis zu viel, als das Übersehen einer vielleicht lebensbedrohlichen Kleinigkeit. Vorsicht ist geboten, wenn dieser Typ auch chirurgisch tätig ist, denn durch das Übermaß an Kontrollzwang ist es durchaus möglich, dass eine Naht nach erfolgter Operation nochmals geöffnet wird, um nachzusehen, ob nicht doch der Autoschlüssel neben der Milz vergessen wurde. Wer sich auch als Radfahrer nur mit einem mobilen Airbag an der Lenkstange sicher fühlt, ist bei diesem Typ gut aufgehoben.
Ins Gegenteil schlägt Hausarzt-Typ B, „der Draufgänger“. Dieser Typus, um es mit dem korrekten Terminus technicus zu beschreiben, „scheißt sich nix“. Vielmehr macht er alles in Handarbeit, stellt Epileptiker, schizophrene Patienten und Herzschrittmacher selbst ein, führt kleine Operationen im Rahmen von Hausbesuchen durch und bringt manchmal auch gesunde Kälber zur Welt. Ganz typisch ist das Vorkommen solcher Kollegen im ländlichen Bereich: Als Dorfzampano sitzt Typ B klassischerweise mit dem Bürgermeister, dem Pfarrer und dem Lehrer beim Mittagstisch, in kleinen entlegenen Osttiroler Gemeinden ist er sogar Arzt, Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer in Personalunion.
Schließlich haben wir Typ C, „den Vorbildlichen“. Dieser Leitliniendogmatiker ist immer auf dem neuesten Stand, liest sich die zugeschickten Fachzeitschriften tatsächlich durch und markiert die wichtigen Passagen mit einem grünen Leuchtstift. Typ C sammelt regelmäßig seine DFP-Punkte und verlegt, wie viele seiner eichhörnchenartigen Kollegen auch, die Teilnahmebestätigungen nicht, sondern heftet sie in eine Mappe mit der Aufschrift „Meine schönsten Erlebnisse.“ Natürlich hat er sämtliche ÖÄK-Diplome in der Tasche, von Tropen- und Arbeitsmedizin, über manuelle Techniken, bis hin zum Manual für strenge Ärztekammern. Er führt für seine Patienten regelmäßig Diabetikerschulungen durch und kopiert bunte Zettel mit ergonomischen Übungen. Der macht was, der kann was, der überweist auch, wenn es sein muss, ist Liebkind der Fachgesellschaften, da er als einziger Teilnehmer bei „Reinigung und Pflege des Objektträgers 2“ fachübergreifendes Interesse bekundet. Vielleicht ist er manchmal etwas missionarisch unterwegs, dagegen hilft ihm aber sein Diplom für psychosoziale Medizin. Typ C sitzt spät­abends auch mal in seiner Ordination und weint ein bisschen.
Nun, lieber Patient, musst du dich entscheiden!

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 41/2007

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