zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 4. Oktober 2007

Hand aufs EKG

Die Forderung nach mündigen Patienten wird doch – Hand aufs EKG – immer ein wenig halbherzig ausgesprochen. Schließlich bedeutet dieses Merkmal ein gehöriges Maß an Widerspenstigkeit gegen unsere wohlfein durchdachte Therapie.

Viele Kollegen „erziehen“ ihre Patienten. Das ist löblich. „Ich erziehe meine Patienten zur Pünktlichkeit.“ – Da weiß man als Patient: Man sollte immer schon eine halbe Stunde vor dem Arzt im kalten Treppenhaus auf ihn warten, um dann pünktlich zu sein. Besonders gut gefällt mir ja: „Ich erziehe meine Patienten zur Selbstständigkeit!“ Das Schönste für uns sind doch die mündigen Patienten, die einerseits Verantwortung über ihre Entscheidungen übernehmen wollen, sich aber trotzdem gerne erziehen lassen.
So wären wir beim idealen Patienten (man wird sich doch wohl noch was wünschen dürfen): Menschen, die unseren geschliffenen Ausführungen mit weit geöffneten Augen und einem milden Lächeln folgen. Menschen, die intelligente Zwischenfragen stellen, ohne uns aus unserem Fachkonzept zu bringen. Menschen, die nach vollbrachter Sprechstunde beseelt in die Apotheke, das nächste Fitness-Studio oder das Urin-Spezial-Labor eilen, um sich bis zum Kontrolltermin in 120-prozentiger Compliance unsere Therapie reinziehen. Menschen, die – wenn sie gesunden – lobpreisend unseren Heilerfolg in der Patientenwelt verkünden und – wenn die Therapie nicht fruchtet – die Schuld auf sich nehmen, uns die Treue halten und das Positive hervorheben: „… aber er ist ein verdammt guter Diagnostiker.“
So ein Verhalten schreiben wir gerne den „mündigen Patienten“ zu, was allerdings auf einem sprachlichen Irrtum des ausklingenden vorigen Jahrhunderts beruhen dürfte. Denn dass „Mündigkeit“, nach der Internet-Ikone Wikipedia, das „innere und äußere Vermögen zur Selbstbestimmung und einen Zustand der Unabhängigkeit“ beschreibt, passt nicht so ganz in dieses Bild. Sosehr ich auch recherchiert habe, das Wort Lobpreisung konnte ich in keiner einzigen Definition über Mündigkeit entdecken.
Die Quadratur des mündigen Patienten scheint demnach nicht so einfach zu sein. Wenn man sich also als klassisch patriarchalischer Mediziner mündige Patienten wünscht, dann muss man auch damit rechnen, dass einem die schönen guidelinekonforme therapeutischen Strategien um die Ohren geschlagen werden, die Compliance unter Null sinkt und sich Patienten anderswo umsehen. Schließlich haben auch andere Mütter schöne Ärzte. Und die stehen sich vielleicht auf richtig mündige Typen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 40/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben