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Kolumne Nebenwirkungen 20. September 2007

NebenWirkungen aus Nr. 38

Kobra, überweisen Sie! Die Vorstellung, wie ein Hausarzt zu sein hat, ist in den Köpfen der Menschen fix verankert: Eine Mischung aus Bergdoktor und George Clooney, auch ein wenig von Dr. Schiwago, nur mit gesünderen Zähnen.

Früher ging man mit all seinen Wehwehchen zum „Onkel Doktor“, dem One-Man-Kompetenzzentrum. Man erwartete, nebst beruhigenden Worten, ein Fläschchen bitter schmeckender Medizin, die man dreimal täglich einzunehmen hatte. Doch der moderne Mensch erkannte den Körper als unendlich kompliziertes Gerät, das von einem einzelnen Fachmann nicht zu bedienen sei. Die Idee der Fachärzte war geboren und besiegelte damit die Endlichkeit des im Allgemeinen gar nicht so praktischen Arztes. Was kann der Hausarzt und vor allem: Was sollte er, nach Meinung seiner Fachkollegen, können dürfen?
Wie weit er einen Patienten betreuen darf, ist für viele Fachärzte klar: Gerade so weit, bis es vom persönlichen Gespräch zur Untersuchung kommt. Denn eine Diagnostik jeder Art gehört natürlich guidelinekonform in die Hände eines Facharztes. Schließlich muss zuerst einmal abgeklärt werden, ob es sich etwa beim Schwächezustand eines Patienten um eine latente Anämie, ein systemischen Lupus erythematodes oder gar eine seltene tropische Erkrankung ost­österreichischen Ursprungs handelt. Sollte der Patient aus unbekannter Ursache nach wie vor schwächeln, so wird er mit Verdachtsdiagnose „wahrscheinlich nur psychisch“ zurück an den Absender geschickt. Dies bedeutet, dass der Hausarzt endlich seines Amtes walten und den Patienten zum Psychotherapeuten überweisen kann.
Tatsächlich zählt die Überweisungstätigkeit zu jenen Bereichen des Praxisalltags, die das meiste Fingerspitzengefühl erfordert. Natürlich kann diese zum Teil an die Ordinationshilfe abgegeben werden. Also: Hört nix – HNO. Sieht nix: Augenklinik. Kann nicht: Urologie. Will nicht: Psychiatrie. Darf nicht: Eheberatung. Für die gefinkelteren Überweisungen ist dann aber doch der Arzt selber zuständig. Vor allem bei Kombi-Diagnosen: Kann nicht und will auch gar nicht, wäre die Subspezialität der Uropsychiatrie. Oder kann, darf nicht und hört auch nix – rasch an eine Ambulanz für übertragbare Geschlechtskrankheiten schicken.
Bei einem Patienten, bei dem wir trotz 14-maliger Bestimmung eines unauffälligen Eisenspiegels trotzig ein „Chronic fatigue syndrome“ in unsere Kartei eintragen, ist viel Erfahrung bei der weiteren Abklärung des müden, jedoch labor­technisch gesunden, Menschen gefragt. Wollen wir einen Kollegen ärgern, schicken wir den Patienten in die Notaufnahme des AKH. Wollen wir den Patienten ärgern, erfolgt die Überweisung auf eine Interne zum Durchchecken. Liebe Kollegen von der Fach- und Subsubspezialitätenfront, verscherzt es euch nicht mit uns von der überweisenden Spezies!

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 38/2007

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