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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 12. Juni 2017

Zentral ist das neue Gut

Der Wunsch, durch standardisierte Verfahren das Menscheln auszuschalten.

Vor Kurzem mussten sich Milliarden österreichischer Schulkinder der Matura stellen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, haben wir doch alle als Mediziner – so alles mit rechten Dingen zugegangen ist – diese erziehungstechnische Hürde genommen, nur um tags darauf für immer zu vergessen, wie man ein siebeneckiges Sechseck in einen quadratischen Zylinder einschreibt. Auch als „Reifeprüfung“ bekannt, zeigt sich, ob ein Heranwachsender für die weiteren Aufgaben eines universitären Bildungsweges, einer Fachhochschule oder eines Wochenendseminares in Seilspringen, mit der Möglichkeit der Erlangung eines Master-Abschlusses, geeignet ist.

Doch während man früher nach achtjähriger Reifung in artgerechter Schulbank-Haltung die Güte des schulischen Endproduktes mit freiem Lehrerauge zu erkennen dachte, werden die Schüler nun einer zentral gesteuerten Güteprüfung unterzogen. Gründe für diese Entwicklung sind, neben der Hebung des österreichischen Bildungsniveaus auf südkoreanische Verhältnisse, die Qualitätssicherung der Ausbildung sowie die Ausschaltung der Faktoren wie „Sympathie“ und „Antipathie“. Schließlich wollen wir ja kompetente Akademiker und keine sympathischen.

Als Mediziner kennen wir die „Zentralisation“ bekanntlich als einen Vorgang im Rahmen eines Schockes, wo der Körper versucht, das Blut von der Peripherie abzuziehen und den lebenswichtigen Organen zukommen zu lassen. Das mag lebensrettend für die Organe sein, der Peripherie bekommt das jedoch nicht unbedingt gut.

Dennoch geht der Trend weg vom Individuellen zum Standard, vom Peripheren zum Zentralen. Wir sind also in einer Art Schockstarre und versuchen krampfhaft, wieder Ordnung ins Chaos zu bringen. So misstrauen wird dem Menschelnden und ziehen unabhängige Kontrollinstanzen vor.

Bereits beim Auswahlverfahren für das Studium soll der Faktor Mensch so weit wie möglich ausgeschaltet werden, indem angehende Ärzte Sudokus und andere Rätsel lösen müssen und dabei schneller sein sollten, als der Mitbewerber. Also ähnlich sinnvoll, als würde man Psychotherapeuten nach ihrem räumlichen Vorstellungsvermögen selektieren, da sie später wissen müssen, wo sich das Unter-bewusstsein oder das Über-Ich örtlich genau befinden. Der eigenen Einschätzung eines hoffnungsvollen Anwärters „ich denke, ich wäre ein guter Arzt“ schenkt man indes absolut kein Vertrauen. Denn wie viel Punkte hat so ein Gefühl?

Deshalb können wir auch nichts mit den schwammigen Formulierungen unserer Patienten anfangen. Was heißt schon „ich fühl’ mich nicht gut“, wenn die Werte etwas ganz anderes sagen? Dann schon lieber eine standardisierte Ferndiagnose vom zentralen Institut für objektive Befundologie, wo die Frage: „Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit: Wie steht es um mich?“ mit „42“ beantwortet wird.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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