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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 27. März 2017

Die Sphinx vor dem Studium

Bevor man die heiligen Hallen der Medizin betritt, müssen die Anwärter knifflige Fragen beantworten.

Was waren das für goldene Zeiten des lustigen Studentenlebens. Als unsereins noch das Studium antrat, waren die Tore weit geöffnet. Jeder Hallodri und Taglöhner konnte nach nachgeschmissener dezentraler Matura einfach so Humanmedizin studieren und in den warmen Stuben der Seziersäle gratis herumlungern. So konnte es natürlich nicht weitergehen, auch wenn viele dieser Hallodris hervorragende Ärzte geworden sind.

Um die heiligen Hallen der Medizinunis zu schützen, wurde, nach griechischem Modell, eine Art Sphinx etabliert, die den Studierwilligen Fragen stellt. Im Unterschied zur Sagenfigur von Theben wird man vom MedAT allerdings nicht gefressen, wenn man beim Test versagt, sondern ausgespuckt und muss sein Glück in einer der zahlreichen neu gegründeten Medizinischen Privatuniversitäten von Einöd-Aspach oder Untermauerbach suchen. Und während die Sphinx lediglich aus einem Pool mit einer einzigen Frage gewählt haben dürfte, da ohnehin kein Kandidat das Prüfungssetting lebend ausplaudern konnte, gilt es im Medizinaufnahmeverfahren mehr als 200 Testfragen zu beantworten.

Altbekannt ist die Überprüfung all jener wichtigen Eigenschaften, die man von einem guten Arzt erwarten darf: Die Berechnung von Prismenvolumina, das Lösen kniffliger Zahlensudokus und Buchstabenrätsel, die Drehrichtung des letzten kleinen Zahnrädchens, wenn das erste Zahnrad über einen Flaschenzug gleichsam nach oben bewegt wird und der Flaschenbesitzer Herbert heißt. Man fand jedoch heraus, dass der Umgang mit Patienten ebenfalls zur Jobdescription gehört. Daher wurde der Test entsprechend adaptiert und statt Zahnrädchen, drehen sich nun Infusionsfläschchen um bettlägerige Menschen (das ist ein Scherz).

2017 wird der Test jedoch um den Untertest „Emotionen erkennen“ erweitert (das ist kein Scherz). Gemeinsam mit dem Untertest „soziales Entscheiden“ werden diese sozial-emotionalen Kompetenzen eine Gewichtung von 10 Prozent im Auswahlverfahren ausmachen. Ich finde, das ist auch ausreichend und mehr an Emotion für einen guten Arzt nur unnötiger Ballast. Insgesamt hat man übrigens für die Emotionserkennung 15 Minuten Zeit, um 10 Aufgaben zu lösen. Eine gute Vorbereitung also, um auch später in der Ambulanz die emotionale Situation eines Patienten nach 1,5 Minuten erfasst zu haben und ihn wieder hinauszukomplimentieren. Der Untertest „Patienten hinauskomplimentieren“ wird voraussichtlich 2018 im MedAT aufgenommen und soll die restlichen 90 Prozent der Eignung ausmachen.

Viele der heute in der Praxis stehenden Kollegen zeigen sich erleichtert, dass ihnen diese Hürde damals nicht im Weg stand. Und begrüßen ehrfurchtsvoll all jene jungen Ärzte in den heiligen Hallen der Medizin, die verwundert darüber sind, dass sich ein Patient nicht in eine reguläre Pyramide einschreiben lässt.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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