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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 17. Oktober 2016

Viele idiopathische Gründe

Über die Schwierigkeit, Krankheiten mit unbekannter Ursache zielgerichtet zu behandeln.

Es wäre vermessen zu behaupten, wir wüssten, wie Krankheiten tatsächlich entstehen. Wir können nur vage Vermutungen äußern, und je mehr Geld wir in teure Spezialapparaturen stecken, desto präziser sind unsere vagen Vermutungen. Spätestens dann, wenn wir uns auf molekularer Ebene befinden und Rezeptoren, Gensequenzen, Basen- oder Cousinen-Paare sichtbar machen können, ist die Vermutung am vagesten und man kann zielgerichtet genau dort ansetzen, wo die Krankheit entsteht. Bis man durch eine noch teurere Spezialapparatur eines Besseren belehrt wird.

Erinnern wir uns, wie einfach die Pathogenese einer Lungenentzündung einst zu verstehen war: Ein Mensch, der nicht gottgefällig gelebt, schmutzige Gedanken oder schmutzige Fußnägel hatte, bekam nun mal die Strafe in Form einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Logisch, dass für die Therapie auch Geistliche, Exorzisten oder Fußpfleger zuständig waren. Doch die medizinische Welt war simpel und wenn die Behandlung mal nicht angeschlagen und der Patient das Zeitliche gesegnet hat, so war das durchaus auch im göttlichen Sinne. Solche Ursachen können wir uns in der modernen naturwissenschaftlichen Medizin nicht mehr leisten. Zumal sich die Strafe Gottes einer Targeted Therapy nicht zugänglich erweist.

Nein, wir brauchen Erklärungen für Krankheiten, die es möglich machen, diese auch behandeln zu können: Den Splitter, den man chirurgisch entfernen kann, eine Entzündung, die man unterdrücken kann, das Bakterium, dem man mit einem Antibiotikum den Garaus machen kann, ja selbst ein Virus, das manche Ärzte mit einem Antibiotikum beseitigen (obwohl eine solche Behandlung dann eher in eine theologische Richtung geht). Wenn man die Ursache zu kennen glaubt, so gibt einem das einfach ein viel besseres Gefühl.

Dennoch gibt es eine Reihe von Leiden, bei denen wir keine Ahnung haben, warum sie da sind. Wobei der Begriff „keine Ahnung“ bei den Patienten nicht so gut ankommt. So umschreiben wir das Nichtwissen mit Bezeichnungen wie „essenziell“ oder „idiopathisch“. Auch die überaus beliebte Volkskrankheit Bluthochdruck wird in bis zu 90 Prozent als „essenzielle Hypertonie“ eingestuft, was für die Betroffenen klar definiert und damit auch beruhigender klingt, als eine „Keinen-Schimmer-Hypertonie“. Es sind einfach die schlechten Gene, die schlechte Lebensführung oder, so man eben einen geistlichen Würdenträger befragt, die eine oder andere Sünde, die der geschulte Blick am systolischen Wert abzulesen vermag.

Nichtsdestotrotz hindert uns das nicht daran, auch Krankheiten mit ungeklärter Ursache zu behandeln. Immerhin geht es den meisten Patienten damit besser, oder zumindest den Ärzten, die es zustande bringen, auch im Dunkeln tappend zielgerichtet zu therapieren. Verschlechtert sich der Zustand durch die Behandlung, so empfiehlt sich übrigens der Ausdruck „iatrogen“, statt dem Satz „das haben wir leider verbockt“. Denn Heilung beginnt mit der richtigen Sprache.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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