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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 19. September 2016

OP-Wiederholung

NebenWirkungen

In der Medizin geht es nicht ganz so demokratisch zu, wie in der Politik. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil.

Die Bundespräsidentenwahl, die Stichwahl zur Bundespräsidentenwahl, die Anfechtung der Stichwahl zur Bundespräsidentenwahl, die Wiederholung der angefochtenen Stichwahl zur Bundespräsidentenwahl sowie die Verschiebung der Wiederholung der angefochtenen Stichwahl zur Bundespräsidentenwahl hat die vergangenen Wochen die österreichische Innenpolitik dominiert. Nach dem heimischen Amtsverständnis ist Demokratie etwas äußerst Kompliziertes. Dies ist gleichsam mühsam wie vorteilhaft. Früher konnte sich ein x-beliebiger Mensch einfach eine Goldkrone auf den Kopf setzen und behaupten, er dürfe nun über alle anderen bestimmen, schlicht deshalb, da sein Vater, seine Großmutter und sein Ur-Cousin auch schon gekrönte Häupter waren und über alle bestimmt haben. Die einzige Wahl, die die Untertanen hatten, war es, sich entweder zu verneigen oder einen Kopf kürzer zu werden. In der Demokratie darf man hingegen von seinem Wahlrecht Gebrauch machen und die Mächtigen wählen und auch wieder abwählen. Ja, es ist sogar gestattet, sich zu verwählen.

Nimmt man die ganze Sache ernst, so ist eine Wahl natürlich äußerst fehleranfällig: Wird das Wahlgeheimnis bewahrt, wenn ein Wähler mit seinem Zwergpudel die Wahlkabine betritt? Sind die Kugelschreiber vor Ort so kurz angebunden, sodass man sein Kreuz nur beim oberen Kandidaten machen kann? Besteht indes bei übermäßiger Länge der Kugelschreiberschnur nicht eine erhöhte Strangulationsgefahr? Ist der Weg zwischen Wahlzelle und Urne ausreichend gekennzeichnet oder könnte es – wenn auch nur theoretisch – passieren, dass sich ein Wähler verläuft und seine Stimme in den Blumentopf steckt? Werden zukünftige Wahlkarten durch Superkleber verschlossen, sodass die Bezirkswahlleiter die Kuverts mit den Zähnen aufreißen müssen? Haben Bezirkswahlleiter daher zuvor ein entsprechendes Attest eines Zahnarztes vorzuweisen? Viele Faktoren, die einen Wahldurchgang anfechtbar machen. Zu Recht, denn am Ende des Tages kann man sich darauf verlassen, dass der Amtsschimmel der Retter der Demokratie ist.

In der Medizin haben sich solch strikte Vorgaben noch nicht durchgesetzt, sonst müsste wahrscheinlich jede zweite OP vom Patienten angefochten werden. Denn wurde er wirklich über jede Eventualität aufgeklärt? War der zweite Assistent bei der Auszählung der Tupfer gerade auf der Toilette verschwunden? Hat der Chirurg den Bauch zu früh geöffnet und nicht auf den Startschuss des Anästhesisten „Auf die Plätze, fertig, Feuer, los!“ gewartet? Lauter fehlerhafte Gegebenheiten, die selbst bei gültiger Appendix-Entfernung zu einer Wiederholung des Eingriffs führen müsste. Bis dato ist die Demokratie im OP noch nicht angekommen. Der Chirurg ist unumschränkter Monarch am Tisch, und die einzige Stichwahl, die er sich zu stellen hat, ist jene zwischen Rundstich und Rückstich. Wie beneidenswert.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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