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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 5. Juli 2016

Papst und Hirscher

Vertrauenswürdige Persönlichkeiten medizinisch nutzen.

In der renommierten U-Bahn-Fachzeitschrift „Heute“ wurde eine SORA-Umfrage unter 750 Telefonprobanden publiziert. Die Fragestellung: Welche berühmte Persönlichkeit ist am glaubwürdigsten? Auf dem guten zweiten Platz landete – wohl verdient durch die Würde des Amtes – Papst Franziskus (82 %). Am ersten Rang wurde indes mit 1 Prozent Vorsprung die wohl aller vertrauenswürdigste Person des Planeten genannt: Marcel Hirscher! Ich hätte nicht anders gewählt. Und das Ergebnis (mit einer zitierten Schwankungsbreite von maximal 3,5 %) zeigt, dass es immer sehr knapp ist, wer hier gewinnt. H.-C. Strache möchte die Umfrage auf jeden Fall anfechten.

Besonders gefällt mir an solchen Publikationen die gewisse Beliebigkeit der Aussagen. Denn, auch wenn die Seele des Österreichers ein seltsames Dorf ist, so kann ich mir nur schwer vorstellen, wie man es schafft, einen heimischen Skirennläufer und einen ausländischen kirchlichen Würdenträger in direkten Zusammenhang zu bringen. Schließlich wäre hier auch der Dalai Lama, der eine oder andere Friedensnobelpreisträger oder auch ein Vorstandsmitglied des VW-Konzerns zu nennen.

Verwunderlich ist es nicht, gab es in den diversen Zeitschriften immer wieder Rankings zu den bedeutendsten lebenden Zeitgenossen, bei denen nach Lady Gaga ex equo Präsident Obama, Mozart und Tyrion Lannister aus der Serie „Game of Thrones“ genannt wurden. Das bedeutet, dass es immer auch auf die Formulierung der Frage ankommt. Es macht einen Unterschied, ob man frei assoziieren lässt, wer einem beim Begriff „vertrauenswürdig“ einfällt, oder ob man ein wenig nachhilft und als Wahlmöglichkeit „Papst“ oder „Hirscher“ anbietet und überraschenderweise die Antwort „Hirscher“ erhält, einfach, weil den Befragten dieser Name geläufiger ist, als der Name „Papst“.

Auch medizinische Umfragen sind aus einem ähnlichen Holz geschnitzt. Wenn der Zufriedenheitsgrad der Patienten nach einem Spitalsaufenthalt erhoben wird, so bekommt man mitunter ein Ergebnis rund um die 120 Prozent, als Antwort auf „Besonders gefallen hat mir“ wird „das Essen“, „die Narkose“ und „Marcel Hirscher“ genannt. Es kommt, wie gesagt, auf die Fragestellung an.Natürlich sind doppelblind randomisierte Studien aus kontrollierter Freilandhaltung frei von solchen Fehlern. Doch auch hier kommt es auf die Fragestellung an. Denn ob nun herauskommt, dass das Medikament A besser wirkt als das Medikament B, hängt stark vom Studiendesign und natürlich auch vom Studienleiter ab. Man wird schließlich nicht nur aufgrund einer Substanz gesund, sondern zusätzlich auch durch den Arzt, der diese Substanz verordnet. Der Begriff „Droge Arzt“, wie ihn Michael Balint einst geprägt hat, weist darauf hin, welch großen Einfluss unsere Persönlichkeit für den Heilungsprozess hat. In all den Studien, die in den letzten Jahren publiziert wurden, fehlt jedoch der Parameter „Vertrauenswürdigkeit des Arztes“.

Sollten also Herr Hirscher oder Herr Papst ihre aktiven Karrieren beenden: In der Klinik ist immer ein Plätzchen frei für sie!

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