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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 13. Juni 2016

Guerilla-Ärztening

Die zunehmende Kontrolle unserer ärztlichen Tätigkeit bereitet den Boden für sozialen Widerstand.

Nachdem vergangene Woche an dieser Stelle vom Gexit, also dem möglichen Ausstieg einiger kleiner Krankenhäuser aus dem Gesundheitssystem die Rede war, soll nun über eine weitere mögliche Entwicklung berichtet werden, die aus der angespannten medizinischen Lage befreien soll: Das Guerilla-Ärztening.

Für die Unbedarften: Hier geht es nicht um veterinärmedizinische Behandlungen an Affen, sondern um eine neue Form des Patientenkontaktes. Ganz nach dem Vorbild des „Guerilla-Gardenings“, bei dem durch das heimliche Bepflanzen öffentlicher Flächen unhübsche Stadtviertel behübscht werden, und damit auch politischer Protest ausgedrückt wird, geht es hier um das heimliche Behandeln öffentlicher Patienten. So wie man beim Wildgärtnern die Straßen zurückerobern möchte, krallt man sich hier krank aussehende Menschen, behandelt sie in einer Nacht- und Nebelaktion und umgeht dabei sämtliche Kontrollinstanzen, Leitlinienwächter und Mystery-Shopper. Das ist ziviler Ungehorsam, für den wir durchaus das eine oder andere amikale Gespräch in Kauf nehmen.

Ich stelle mir diese kleine Revolution nicht frei von wilder Romantik vor, schließlich war auch der von unzähligen T-Shirts lässig blickende Che Guevara Arzt. Ob die Patienten selbst an dieser Form des sozialen Widerstandes Gefallen finden, wird sich allerdings weisen.

Man muss sich das in etwa so vorstellen: Unbeteiligte Patienten sitzen im Raucherbereich ihrer Lieblingskonditorei, lümmelnd auf ergonomisch ungeeigneten Stühlen. Ein Pulk an Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen (Facharzt für Lungenheilkunde, Diabetologie und Lümmelologie) stürmt das Lokal, tanzt die Patienten an, entwendet Zigarette, Torte und Sitzgelegenheit, und lässt Nikotinpflaster, Statine und Gymnastikbälle sowie verdutzte Patienten zurück. Die Aktion dauert kaum mehr als ein paar Sekunden und entspricht damit dem durchschnittlichen Kontakt in der Ordination. So schnell sie gekommen sind, tauchen die Anarcho-Doktoren auch schon wieder unter, weder Patientenanwaltschaft noch Fachgesellschaften oder Sozialversicherung sind rechtzeitig zur Stelle, um zu überprüfen, welche Maßnahmen nicht vorschriftsgemäß durchgeführt wurden. Finanziert wird die Aktion vom Gesundheitsministerium, da es ungleich kostengünstiger ist, die bestehende Infrastruktur einer Konditorei zu nutzen, als eine weitere Großklinik aus dem Boden zu stampfen. Die Compliance ist zudem verblüffend hoch, da sich Patienten nun selbst im vertrauten Umfeld einer Weinstube nicht mehr in Sicherheit vor einer medizinischen Kontrolle wiegen können.

Zwar könnte manchem medizinischen Guerilla-Aktionisten der Komfort einer feudalen Kassen-Ordination fehlen, doch wer einmal in seinem weißen Kittel eine Nacht unter freiem Himmel verbracht hat, wird die neu gewonnene Freiheit nicht mehr missen wollen.

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