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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 6. Juni 2016

Gexit – Der Ausstieg aus dem Gesundheitssystem

Kann eine Klein-Klinik losgelöst von der medizinischen Union funktionieren?

In Europa setzt man zunehmend auf den Egotrip. Während manche Staaten sich weigern, im gemeinsamen Haushalt den Geschirrspüler auszuräumen, denken andere überhaupt daran, auszuziehen. Die Griechen haben den Grexit überlegt und die Briten stimmen im Juni über den Brexit ab. Österreich ist indes zu sehr damit beschäftigt, sein Zimmer zuzusperren, außerdem klingt ein möglicher Öxit eher wie ein Froschlaut, denn eine politische Bewegung.

Vielerorts zweifelt man daran, dass man die verschiedenen Bedürfnisse der Bewohner unter einen Hut bringen kann und befürchtet eine Nivellierung nach unten, wenn man, im Sinne der Vereinheitlichung, etwa die Alpen gleichermaßen auf alle Mitgliedsstaaten aufteilen muss. Dies ist natürlich ein fruchtbarer Boden für Nationalisten, die mit „Österreich zuerst“, „Niederösterreich zuerst“ oder „Zuerst zuerst“ viele Anhänger hinter sich versammeln können.

Das Gesundheitssystem bereitet ähnliche Sorgen. Obgleich es hierzulande nicht nur ein, sondern mit den Bundesländern gleich neun verschiedene Gesundheitssysteme gibt, da ein Tiroler völlig anders erkrankt als ein Salzburger, fühlt man sich immer irgendwie von einer zentralen Stelle aus fremdbestimmt. Da gibt es genaue Vorschriften, auf welche Weise, wie lange und wie teuer zu behandeln ist. Immerhin bezahlt das die öffentliche Hand, und in die darf man bekanntlich nicht beißen. Doch was wäre, wenn sich ein kleines Krankenhaus in die Unabhängigkeit verabschiedet und als Freigeist dem Gesundheitssystem den Rücken kehrt? Völlig losgelöst von Behörden, Qualitätsmanagern und Standesvertretungen? Ist es lebensfähig? Sind die Patienten darin lebensfähig?

Wer heutzutage in seiner Garage ein Schwerpunktkrankenhaus errichten möchte, muss viele bürokratische Hürden überwinden. Im Gegensatz zu den USA, wo man in seinem Drugstore auch eine Unfallchirurgie betreiben kann, um die Folgen der im Drugstore zuvor erworbenen Faustfeuerwaffe gleich vor Ort zu behandeln, braucht es hier mehr als nur einen Gewerbeschein der Wirtschaftskammer. Man muss Auflagen erfüllen wie einen barrierefreien Zugang (in einer Garage machbar), hygienische Standards (schon schwieriger) und getrennte Toiletten für Ärztinnen und Ärzte (wo gerade mal Platz für ein einziges Klo ist). Man darf nicht am selben Tisch operieren wie obduzieren, benötigt eigene Räumlichkeiten für Röntgengeräte und darf das Geschirr vom Mittagessen nicht gemeinsam mit dem OP-Besteck in der Spülmaschine waschen. Und Physiotherapeuten dürfen keine Eingriffe am offenen Herzen durchführen, auch wenn sie noch so geschickt sind.

Daher ist ein Gexit, also die komplette Loslösung aus dem Gesundheitssystem, der einzig mögliche Weg, um eine solch preisgünstige Garagenklinik ins Leben rufen zu können. Viele große Unternehmen haben schließlich auch so begonnen und vielleicht dürfen wir bald schon unsere Patienten ins iSpital oder die Windows-Clinic überweisen.

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