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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 1. Juni 2016

Helikopter-Ärzte

Wie übersorgsame Eltern kreisen auch so manche Ärzte um ihre Patienten, um sie zu kontrollieren.

Fürsorge ist nicht verwerflich, auch wenn manche mit dem Begriff der Fürsorge als Institution nicht die besten Erfahrungen gemacht haben. Doch in uns Menschen steckt nun mal der Drang, uns um Schutzbedürftige zu kümmern, auch wenn sie es gar nicht wollen.

Der deutsche Kinderpsychologe Jan-Uwe Rogge erzählt, dass früher die Kinder unter sich in Wäldern gespielt haben. Auf den heutigen Kinderspielplätzen gibt es zwar durchaus zumindest ein paar Büsche, aber hinter jedem Busch steckt mittlerweile eine Mutter. Solche „Helikopter-Eltern“ meinen es gut, das überzogene Sicherheitsstreben weist jedoch mitunter paranoide Züge auf – im Englischen spricht man auch von den „paranoid parents“.

Ärzte haben mit dem Terminus der „Überwachung“ hingegen kein Problem. Wo Datenschützer anderorts Sturm laufen, man Milliarden von NSA-Mitarbeiter in geheimen Büros vermutet, die täglich sämtliche versendete E-Mails und SMS-Nachrichten auf verdächtige Inhalte und versteckte Botschaften überprüfen („Liebe TantE, bRing miR bitte ORANgen und SCHLAG mit!“), findet man es in der Medizin durchaus cool, wenn man Patienten lückenlos überwacht. Auf Intensivstationen, auf denen sich das Privatleben der Patienten auf ein Minimum reduziert und ein jeder Furz nicht nur sprichwörtlich, sondern wahrhaftig dokumentiert wird, erachten wir eine engmaschige Überwachung für sinnvoll. Über die engmaschige Stuhlkontrolle auf den Normalstationen lässt sich hingegen streiten.

Doch wie sehr haben wir unsere Patienten außerhalb der Krankenhäuser im Blick? Zwar dürfen sie sich selbst freiwillig überwachen, etwa ihren Blutdruck oder ihren Zuckerwert, aber so ganz glauben wir es dann doch nicht, und deshalb haben wir ein paar Super-Tools, wie den HbA1c-Wert, um diese Selbstüberwachung auch fremd zu überwachen.

Schließlich werden Patienten in der Regel auch nicht wiederbestellt, um über das Befinden im Allgemeinen zu plaudern, sondern wir „bestellen wieder“ – zur „Kontrolle“! Dennoch vermeiden wir natürlich den Begriff der Überwachung und verwenden eher Ausdrücke wie „Therapie-Monitoring“. Das klingt freundlicher und auch so, als ob man einen Haufen Geld dafür ausgeben müsste, was ja wohl das Mindeste ist, bei dem Haufen Geld, den man zuvor in seine Sozialversicherung eingezahlt hat.

Doch wie sieht es tatsächlich mit der Selbstbestimmung aus? Warum haben Patienten so viele Geheimnisse vor ihren Ärzten, wie früher vor ihren Müttern? Sind wir „Helikopter- Ärzte“, die versuchen, drohendes Unheil von unseren Schützlingen fernzuhalten? Wo doch der Weg zum Unheil so reizvoll ist? Kinder fühlen sich bedeutend wohler, wenn der Heli nicht dauernd über ihren Köpfen schwebt, sondern sie wissen, dass man ihn im Notfall vom Stützpunkt rufen kann, wenn die Kacke am Dampfen ist. Entlassen wir unsere Patienten also auch in die Freiheit, auch wenn es schwer fällt.

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