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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 11. Mai 2016

Sankt Harvard

Soll jede dahergelaufene Kleinstadt eine Uniklinik betreiben dürfen?

Früher war alles noch überschaubar. Man studierte hierzulande in Wien, Graz oder Innsbruck, abhängig vom Wohnsitz und des Schweregrades der Pathologieprüfung. Wer sich für Medizin interessierte oder seinen sozialen Status anheben wollte, und dazu viel Tagesfreizeit mitbrachte, konnte an einer der drei medizinischen Fakultäten immatrikulieren. Nach sechs Jahren (umgerechnet rund 20 Semester) bekam man eine lateinische Urkunde überreicht, die einem als „Doktor der gesamten Heilkunde“ auswies. Diese berechtigte damals dazu, ein paar Jahre Taxi zu fahren oder gratis an einer Universitätsklinik als Gastarzt arbeiten zu dürfen. Wie gesagt, alles überschaubar.

Nun haben die altehrwürdigen medizinischen Universitäten ernsthafte Konkurrenz bekommen. Immer mehr Privatuniversitäten locken die Studenten mit kundenorientierter Ausbildung, besseren Chancen am Arbeitsmarkt und gratis iPhone-Hülle bei Inskription. Die Ausbildungshoheit ist damit beim Teufel, und wer seine Hoheit verliert, wird ungehalten: Kann denn jede dahergelaufene Landeshauptstadt mit mehr als drei Einwohnern ein Universitätsklinikum gründen? Sollen die daraus hervorgehenden Akademiker nicht den Zusatz Dr. med. light., Dr. med. lulu. oder Dr. med. zweitrangig. tragen? Und darf nicht nur Harvard und Wien, sondern plötzlich auch St. Pölten eine Lehrmeinung vertreten?

Man kennt sich schon lange nicht mehr aus. Musste man früher nur klarstellen, dass nicht alle Magister automatisch Apotheker sind, sondern Absolventen einer Universität, so hat man heute vor lauter Master den Überblick verloren. Manchmal findet sich sogar neben einem Univ.-Prof.Dr. med.Mag.phil.Dr.rer.soc.oec. ein MSc hinter dem Namen. Also was jetzt?

Mit der Vielzahl der Ausbildungsstellen, die nach ein paar Wochenendkursen an ihre Studenten den Titel „Master of the Universe“ verhökern, tritt die klassische Uni immer mehr in den Hintergrund, zumal man international mit einem Master mehr anzufangen weiß, als mit einem Magister. Die Universitäten erinnern wehmütig an die gerammelt vollen Hörsäle, die langen Wartelisten auf einen Platz vor dem Mikroskop und die unmotivierten Vortragenden, die den akademischen Geist ausgemacht haben. Die neuen medizinischen Kaderschmieden sollen hingegen auch auf Regionalität und die zukünftige Klientel setzen, erwähnen möchte ich hier exemplarisch die „Schilcher-Klinik“ in der Steiermark oder die „Gucci-Medical-School“ in St. Anton.

Vielleicht ist das aber auch die Zukunft. Wird in einem Ort im nördlichen Weinviertel ein Arzt benötigt, so erfolgt die Ausbildung vor Ort (regional) und über nur ein Semester (saisonal). Sucht etwa der knapp vor der Pensionierung stehende Landarzt Hans-Jörg Schoitlmoser einen Nachfolger, so darf er bis zu drei Studenten in der Schoitlmoser-Universitäts-Ordi ausbilden. Einer davon muss aber aus Deutschland kommen, um die EU-Quote zu erfüllen. Dort mag zwar das Studentenleben etwas eintönig sein, praxisrelevanter ist die Ausbildung zum Dr. med. schoitl. aber allemal!

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